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Ferienlektüre

Sommerbücher

5. Juli 2026
Sommerbücher
(Bild: Grafik2/Janine Fucbhs)

Die Sommerfer en sind da, Zeit für etwas Musse. Welche Bücher wollen Sie lesen, am Strand, in den Bergen oder zuhause auf Balkonien? Hier einige Vorschläge von Journal21-Autorinnen und -Autoren. 

  • KLARA OBERMÜLLER EMPFIEHLT

Elizbeth Strout: Erzähl mir alles

Elizabeth Strout

Strout-Fans dürfen sich freuen: Die Autorin kehrt wieder zurück ins fiktive Städtchen Crosby in Maine und lässt dort noch einmal all jene Figuren auftreten, die ihrer treuen Leserschaft mittlerweile ans Herz gewachsen sind. Und auch der altbekannte Strout-Sound ist wieder da: dieses scheinbar belanglose Geplauder, hinter dem sich so viel Lebensweisheit verbirgt. Elizabeth Strout ist in diesem Jahr 70 geworden. Mit ihren Figuren teilt sie die Erfahrung, dass das Leben zwar gelebt, aber nichts davon wirklich vergangen ist. So leicht die Geschichten daherkommen, die Lucy Barton, Olive Kitteridge und Bob Burgess sich gegenseitig erzählen, so schwer tragen sie selbst an ihren Erfahrungen von Armut, Erniedrigung und Schuld. Vielleicht ist dies das Geheimnis von Elizabeth Strouts Erzählkunst: dass man sich in ihr wiedererkennt mit all seinen eigenen Ängsten und seinen eigenen Schuldgefühlen, aber auch mit seinem eigenen Bemühen, sie zu verdrängen und sich der wunderbaren Banalität des Alltäglichen hinzugeben. Im neuesten Roman von Elizabeth Strout erzählt man sich alles und behält doch die letzten Geheimnisse für sich.

Luchterhand, München 2026, 400 Seiten


Ayelet Gundar-Goshen: Ungebetene Gäste

Ayelet Gundar-Goshen

Der Konflikt zwischen Israeli und Palästinensern ist täglicher Stoff in den Medien. Doch wie lebt es sich mit all diesen Feindseligkeiten, diesen gegenseitigen Verdächtigungen und Vorurteilen im Kleinen, im Alltäglichen? Die Autorin, die nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Psychologin und Traumatherapeutin ist, erzählt davon in ihrem jüngsten Roman, der einmal mehr von den unterschwelligen Ängsten handelt, die die israelische Bevölkerung gefangen halten. Am Beginn des Romans steht der Zufall, steht eine Verkettung unglücklicher Umstände: Ein Hammer fällt vom Balkon und erschlägt einen zufällig vorübergehenden Passanten. Wer ist schuld? Für alle Beteiligten ist klar: Es ist der palästinensische Arbeiter, der in der Wohnung einer israelischen Familie mit Renovierungsarbeiten beschäftigt ist. Ihm gehört der Hammer, er muss ihn geworfen haben. Nur die junge Mutter weiss es besser. Sie weiss, dass es ihr eigenes Kind war, das den Hammer im Spiel von der Balkonbrüstung gestossen hatte. Doch die Frau schweigt. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf. Subtil, differenziert und einfühlsam zeigt die Autorin auf, was kollektive Traumata mit den Menschen machen, und hilft damit ansatzweise wenigstens zu verstehen, wo die grossen weltpolitischen Konflikte ihre Ursachen haben.   

Kein & Aber, Zürich 2025, 314 Seiten


Christian Haller: Einfallende Dämmerung

Christian Haller

Ein hochangesehener Wissenschafter feiert zusammen mit Kollegen in Paris seinen 80. Geburtstag. Es ist ein Tag der Ehrungen, ein Tag der Rückschau, aber auch ein Tag banger Erwartung. Der Autor, selbst über 80, weiss, wovon er spricht. Er weiss, und sein Protagonist weiss es auch, dass er an der Schwelle zur Hochaltrigkeit steht und sein Leben sich unweigerlich dem Ende zu bewegt. Doch für Haller und Bálint, den Mikrobiologen, ist dies kein Anlass zur Resignation. Oder doch nicht nur. Denn Wissenschafter, die sie beide sind, wenden sie sich dem neuen Lebensabschnitt mit Neugierde zu und versuchen zu erkunden, welche Besonderheiten, welche neuen Möglichkeiten vor allem, dieses hohe Alter für sie bereithält. Die Zellbiologie, Bálints Spezialgebiet, lehrt sie, das Werden und Vergehen alles Lebendigen besser zu verstehen. Sie lehrt sie, das Ende zu akzeptieren. Sie zeigt ihnen aber auch, wie aus dem Zerfall neues Leben entsteht. So endet Hallers Novelle nicht in Düsternis, sondern in einer Heiterkeit, die sich der schieren Lust am Dasein verdankt.

Luchterhand, München 2026, 140 Seiten

Wellen
  • ROLF APP EMPFIEHLT

Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter

Leila Slimani

Mit «Trag das Feuer weiter» beendet die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani die stark von ihrer eigenen Biografie geprägte Trilogie über die Schicksale dreier Generationen im Marokko des 20.Jahrhunderts. Wobei dieser dritte Teil gut ohne die vorherigen gelesen werden kann. Im Zentrum steht zunächst die mittlere Generation mit dem Paar Mehdi und Aïcha, einem ehrgeizigen Bankdirektor und einer Ärztin mit sehr modernen, das heisst anstössigen Ansichten. Dann treten mehr und mehr ihre Töchter Mia und Inès in den Blick, die ihr Glück in Paris finden, aber auch vielen Vorurteilen begegnen. In einem faszinierend dichten und doch sehr leichtfüssig gewobenen Geflecht schälen sich wichtige Fragen heraus: Was bedeutet es, frei zu sein, was bedeutet es, Wurzeln zu haben, eine eigene, mit einem Land verbundene Geschichte?  

Luchterhand Verlag, München 2026, 444 Seiten


Thomas Wagner: Abenteuer der Moderne

Thomas Wagner

Seine Karriere begonnen hat Arnold Gehlen unter den Nationalsozialisten, heute fungiert der 1976 verstorbene Philosoph und Anthropologe zuweilen als Stichwortgeber rechtsextremer Kreise. Sollte man also einen Bogen um ihn machen? Thomas Wagner ist da entschieden anderer Ansicht. In seinem anregenden Buch «Abenteuer der Moderne. Die grossen Jahre der Soziologie 1949-1969» verfolgt er jene Debatte, die Gehlen mit seinem Gegenpol Theodor W. Adorno am Radio geführt hat. In einer ungebremst individualistischen Zeit wie der unsrigen wirkt Gehlens Ansatz durchaus bedenkenswert. Der Mensch, erklärt er, sei ein «Mängelwesen», charakterisiert zugleich durch «Instinktreduktion» und «Weltoffenheit». Deshalb sei er auf Institutionen angewiesen, die ihm den nötigen Halt gäben und ihn vor den Aggressionen seiner Artgenossen wie vor der Unbeständigkeit seiner eigenen Natur schützten.

Klett-Cotta, Stuttgart 2025, 330 Seiten


Ronja von Rönne: Alles Liebe

Ronja von Rönne

Vielleicht kann man ja auch mit bitterbösen Geschichten versuchen, unserer Gegenwart ein Gesicht zu geben. Ronja von Rönne erzählt in «Alles Liebe» von einer Schülerin, die sich mit einer seltsamen Idee interessant macht; von der Mutter eines todkranken Kindes, die einem wahren Konsumwahn verfällt; von einer braven Ehefrau, in der die Wut auf eine diktatorische Schwiegermutter wächst; von einem erfolglosen Künstler, der von seiner erfolgreichen Partnerin ausrangiert wird; und von einem geschundenen Journalisten, der seiner Kollegin ein Bein stellt. Die Idylle, das Glück, Liebe gar sucht man vergebens. Und wird dafür mit interessanten Fragen konfrontiert wie jener, wer da Täter ist und wer Opfer.

dtv, München 2026, 236 Seiten

Wellen
  • URS MEIER EMPFIEHLT

Norbert Gstrein: Im ersten Licht

Norbert Gstrein

Als Zaungast der Geschichte erlebt Adrian Reiter die Schrecken zweier Weltkriege. Untauglich fürs Militär, bleibt er als Gymnasiallehrer für Englisch und Geschichte spleenig auf Schlachten des vergangenen grossen Kriegs fixiert, obgleich schon der nächste heraufzieht. Sein diabolischer Schüler Martin Baumgartner durchschaut, provoziert und demütigt ihn. Er lässt den Herrn Professor nie mehr vom Haken, macht in der Wehrmacht Karriere und lässt durchblicken, dass er in der Ukraine an der massenhaften Ermordung von Juden beteiligt war. Bis dahin ist das Buch schrecklich zu lesen. Das ändert sich, als Adrian als Pensionär (endlich) nach England reist. Dort lernt er Vivian und Veronica kennen, Schwestern und Gastwirtinnen. Auch ihr Trauma ist der Krieg: Der ältere Bruder Teddy ist als Soldat bei Ypern desertiert und 1917 hingerichtet worden. In Vivian findet Adrian die verhaltene Liebe seines Lebens – und der Roman eine prekäre, aber um so wunderbarere Versöhnung. 

Roman, Hanser, München 2026, 415 Seiten


Dieter Burdorf: Dieses unruhige Ich. Ingeborg Bachmann

Dieter Burdorf

Nachdem mehrere Bachmann-Briefwechsel publiziert sind, nutzt Burdorf das neu zugängliche Material für ein ungewöhnliches biografisches Verfahren. Er schreibt zum diesjährigen hundertsten Geburtstag Bachmanns deren Lebensgeschichte als Abfolge von Beziehungen: zu Hans Weigel, Ilse Aichinger, Günter Eich, Paul Celan, Heinrich Böll, Henry Kissinger, Hans Werner Henze, Hilde Domin, Nelly Sachs, Marie Luise Kaschnitz, Max Frisch, Hans Magnus Enzensberger. Es waren Arbeitsbeziehungen, Freundschaften, Affären, Liebesgeschichten und nicht selten Katastrophen; manchmal mehreres gleichzeitig oder im Wechsel. Gerade auch im Blick darauf gilt Bachmanns unsterblicher Satz: «Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.» Mit dem endlosen Chaos ihrer engsten Beziehungen zeichnet Burdorf das Lebensbild einer radikalen künstlerischen Existenz, die alles dem Schreiben unterordnete und dafür einen hohen menschlichen Preis bezahlte. 

Eine Biographie, C. H. Beck, München 2026, 764 Seiten


Isolde Ohlbaum: Peter Handke. Ein Langzeitportrait 1975–2024

Isolde Ohlbaum

Der schön gestaltete mittelgrosse Band dokumentiert ein halbes Jahrhundert einer besonderen künstlerischen Beziehung: Die für ihre ikonischen Literatenporträts berühmte Fotografin hat über ein halbes Jahrhundert hinweg Handkes Entwicklung vom jungen Rebellen zum Neoklassiker im Bild festgehalten, wobei sich nicht nur der Dichter wandelt, sondern auch die ihn begleitende Fotografin. Reizvoll sind die Gruppenbilder, in denen etwa Sarah Kirsch, Ilse Aichinger, Urs Widmer, Hubert Burda, Friederike Mayröcker, Michael Krüger, Gerhard Meier, Gregor von Rezzori und Dutzende andere aus der Welt der Literatur auftauchen. Ein Genuss ist auch die von Ohlbaum erstellte Sammlung von 120 Handke-Zitaten am Ende des Bandes.

Mit 150 Photographien, Schirmer/Mosel, München 2025, 248 Seiten

Wellen
  • IGNAZ STAUB EMPFIEHLT

Aziz Abu Sarah und Maoz Inon: The Future Is Peace

•	Aziz Abu Sarah

Der Palästinenser Aziz Abu Sarah und der Israeli Maoz Inon sind ein seltsames Paar; Beide haben sie in Israels Konflikten mit den Palästinensern enge Familienangehörige verloren. Doch was andere zu unerbittlichen Feinden machen würde, schweisst die zwei Friedenaktivisten zusammen – überzeugt, dass weiteres Blutvergiessen keine Lösung des aktuellen Problems ist: «Wir sehen uns als menschliche Wesen, die glauben, dass es sich lohnt, eine Kultur des Dialogs, eine Kultur des Vergebens, eine Kultur des Friedens zu fördern.» Zusammen reisen Abu Sarah und Inon während acht Tagen durch Israel und das Westjordanland zu Orten, die ihre persönliche Geschichte nachhaltig geprägt haben, im Falle Inons zum Kibbuz Nir Am, wo die Hamas am 7. Oktober 2023 seine Eltern ermordete; Abu Sarahs Bruder älteren Bruder töteten die Israeli 1989 während der ersten Intifada: «Wenn ihr uns trennen müsst, tut es als jene, die an Frieden und Gleichheit glauben und jene, die das…noch nicht tun.» 

Crown Publishing Group, New York 2026, 225 Seiten 


Joe Sacco: The Once And Future Riot

Joe Sacco

Der amerikanische Zeichnet Joe Sacco ist vor allem für seine Graphic Novels über den Palästina-Konflikt («Footnotes in Gaza») und den Balkan-Krieg («Safe Area Goraẑde») bekannt. In seinem jüngsten Werk «The Once And Future Riot» beschäftigt er sich erneut mit den Auswüchsen von Gewalt und Unterdrückung, doch der Schauplatz ist neuerdings Indien und dessen zerstrittene Volksgruppen. In Muzaffarangar im Staate Uttar Pradesh kommt es 2023 zu tödlichen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen, in deren Folge Zehntausende Menschen vertrieben werden: «Es war bereits früher geschehen und es könnte erneut geschehen.» Wie üblich ist Joe Saccos visuelle Kriegsberichterstattung akribisch recherchiert und mit seinem unverwechselbaren Stil zeichnerisch umgesetzt. Saccos Graphic Novel zeigt, dass selbst eine Demokratie wie Indien nicht gegen sektiererische Gewaltausbrüche gefeit ist.    

Penguin Random House UK, London 2025, 137 Seiten


Chris Pavone; The Doorman

Chris Pavone

Chris Pavones satirischer Roman porträtiert die wohlhabenden Bewohner der weltbekannten Bohemia Apartments in New York City: «Es ist eine Sehenswürdigkeit. Es ist auch ein Ort, wo Leute leben und arbeiten. Es ist ein Ort, wo Leute sterben.» Chicky Diaz, der Portier des Apartmenthauses auf der West Side der Stadt, kennt die Stärken und Schwächen seiner Bewohnerinnen und Bewohner wie kein Zweiter, denn die müssen täglich am Eingang an ihm vorbei, egal, ob sie kommen oder gehen. Chicky bleibt fast nichts verborgen, auch wenn er das nicht zeigen darf – bis zum Tag, an dem eine lokale Gang die Bohemian Apartments brutal überfällt und Whit Longworth, ein Banker, von seiner Frau Emily ermordet wird. Die «New York Times» lobt «The Dorman» als ein scharf beobachtetes Werk über die Befindlichkeit einer Weltstadt und als ein «kaleidoskopisches Porträt New Yorks in einem besonders seltsamen Moment».     

Head of Zeus Ltd., London, 437 Seiten 

Wellen
  • REINHARD MEIER EMPFIEHLT

Petra Morsbach: Orion 

Petra Mosbach

«Orion» von Petra Morsbach ist ein Roman über das Leben der Lehrerin Nora Meyer, das äußerlich unspektakulär wirkt, sich aber durch ihre intensive Liebe zur Literatur verdichtet. Nora liest Menschen und Erfahrungen wie Bücher, und der Roman zeigt, wie Lesen ihr Denken, ihre Entscheidungen und ihren Blick auf die Welt prägt. Nora studiert in München, lernt in einem Archiv ihren späteren Mann kennen, wird Deutsch- und Geschichtslehrerin, bekommt einen Sohn, lässt sich scheiden und muss wegen einer Nierenerkrankung früh aus dem Schuldienst ausscheiden. Morsbach ist eine glänzende Erzählerin, was sie schon in ihrem ersten Roman «Und plötzlich ist es Abend» über russisch-sowjetische Lebensgeschichten bewiesen hat. In diesem offensichtlich autobiographisch beeinflussten Buch berichtet sie mit leisem Humor über ein eher gewöhnliches Leben, das durch Leseerfahrungen Tiefe und wachsende Gelassenheit gewinnt.

Pinguin Verlag, München 2026, 410 Seiten 


Barbara Honigmann: Mischka 

Babara Honigmann

Barbara Honigmanns «Mischka. Drei Porträts» ist ein schmales, autobiografisch gefärbtes Erinnerungsbuch über jüdische Kommunistinnen und Kommunisten, die Krieg, Verfolgung, Gulag und Exil überlebten. Im Mittelpunkt steht Mischka, eine kluge und warmherzige Freundin der Familie, die nach Jahren der Haft in Moskau einen Kreis von Dissidenten und Intellektuellen um sich versammelt- Sie eröffnet der jungen, in der DDR aufgewachsenen Erzählerin eine andere, politisch wesentlich kritischere Sicht auf den Kommunismus und die sowjetische Wirklichkeit, als ihre eigenen marxistischen Eltern sie wahrhaben wollten. Daneben zeichnet Honigmann noch zwei weitere Lebensbilder aus demselben Milieu, sodass ein ganzes Jahrhundert aus persönlicher Perspektive sichtbar wird. Das politisch und menschlich anregende Buch verbindet historische Erfahrung, Erinnerung und Wärme mit dem Blick auf zerbrechliche, aber auch von Illusionen verführte und teilweise widerständige Leben jüdischer Intellektueller im 20. Jahrhundert.

Hanser-Verlag, München 2026. 112 Seiten


Thomas Mann: Joseph und seine Brüder

Thomas Mann

Diese epische Geschichte mit über 1800 Seiten Umfang ist kein eigentliches Sommerbuch, sondern ein Lektüre-Erlebnis für den Sommer, den Herbst und den Winter. Thomas Manns vierbändiger Romanzyklus erzählt die biblische Geschichte Josephs aus dem Alten Testament mit bewundernswerter Virtuosität und mythisch-psychologischer Tiefenschärfe. Im Mittelpunkt steht der von seinem Vater Jakob geliebte Joseph, der den Neid seiner Brüder provoziert und nach Ägypten verkauft wird. Dort erlebt Joseph zunächst Erniedrigung und Prüfungen. Dank Klugheit, Integrität und der Fähigkeit zur Traumdeutung steigt er zum mächtigen Verwalter des Pharaos auf. Als eine Hungersnot droht, bewahrt er Ägypten vor der Katastrophe. Er trifft seine Brüder wieder und verzeiht ihnen. Thomas Mann verbindet die Handlung mit Reflexionen über Schicksal, Religion und Gnade. Wer die ersten 50 Seiten des «Vorspiels» durchhält oder überblättert, wird diese Lektüre nie mehr vergessen.

S. Fischer-Verlag, Frankfurt, 304 Seiten

Wellen
  • HEINER HUG EMPFIEHLT

Antonio Scurati: M. Das Ende und der Anfang

Antonio Scurati

Mit diesem Werk beschliesst der italienische Schriftsteller Antonio Scurati sein fünfbändiges Werk über den Faschismus. Es zeigt detailliert das klägliche und doch spektakuläre Ende Mussolinis: Sein letztes von den Nazist unterstütztes Aufbäumen in der Republik Salò am Gardasee, sein Fluchtversuch in die Schweiz, die Tragik seiner Geliebten Clara Petacci, die Erschiessung der beiden am Comersee durch kommunistische Partisanen, die öffentliche Leichenschändung in Mailand. Scuratis Bericht ist dramatisch und enthält viele neue Details zum Ende eines Mannes, der während seiner 21-jährigen Herrschaft Hunderttausende in den Tod und weitere Hunderttausende ins Elend trieb. Das Buch ist als Roman aufgezogen, ist aber in Wirklichkeit ein knallharter Tatsachenbericht und trägt viel zu der noch immer erst zögerlich stattfindenden Vergangenheitsbewältigung Italiens bei. 

Roman, Klett-Cotta, Stuttgart, 2026, 368 Seiten


Peter Hug: Humanitäre Hilfe der Schweiz für SS-Kriegsverbrecher

Peter Hug

Ach, die armen Nazis. Nach dem verlorenen Krieg wussten sie nicht wohin. 2500 von ihnen gründeten in Brasilien eine völkische Kolonie, in das Hitlertum hochgehalten und gelebt wurde. Dabei waren ehemalige Angehörige der Waffen-SS, die noch immer überzeugt waren, dass die Deutschen ein Herrenvolk sind. Einheimische Siedler wurden gewaltsam vertrieben oder ausgebeutet. Und ausgerechnet Schweizer Katholiken und Sozialisten förderten 1951 das sogenannt humanitäre Projekt – mit naiver Unterstützung von Bundesrat und Parlament. Nein, die Rolle der Schweiz während dem Zweiten Weltkrieg war nicht so edel, wie wir sie gerne darstellen. Nicht nur machten viele Schweizer mit den Nazis lukrative Geschäfte und schlossen die Augen vor dem Holocaust, nicht nur wurden Juden an die Grenze gestellt: Jetzt erfahren wir, dass auch nach dem Krieg die Schweiz eine blauäugige, teils wenige ruhmreiche Rolle spielte. Dem Berner Historiker Hug verdanken wir es, dass dieser Brasilien-Skandal, der über 70 Jahre unter dem Deckel gehalten wurde, aufgeflogen ist. 

Chronos, Zürich, 2026, 226 Seiten


Peter Sloterdijk: Der Fürst und seine Erben

Peter Sloterdijk

«Der Fürst» hiess Niccolò Machiavellis 1513 geschriebenes Standardwerk. An ihm knüpft Sloterdijk an. «Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute», heisst der Untertitel des Buches. Darin beschreibt Sloterdijk alte und neue Herrschertypen. Die «Fürsten» der Gegenwart sind Trump, Putin, Xi Jinping oder Narendra Modi. Und andere. Sie fühlen sich berufen, jenseits von Gut und Böse zu stehen. Sie erlauben sich alles. Beissend wird Trump charakterisiert. Er sei eigentlich kein Politiker, «eher ein Dealer, am meisten ein Clown, der den Diktator gibt». Trump liefere, demokratisch gewählt, das Paradebeispiel für den drohenden Rückfall hinter demokratisch Erreichtes. «Das wahrhaft Unfassbare ist», schreibt Sloterdijk, «dass so kleine und unscheinbare, fast könnte man sagen minderwertige Leute im Zusammenwirken mit ihresgleichen so massloses Unheil bewirken können.»

Suhrkamp, Berlin, 2026, 189 Seiten

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