Mit ihren frühen Bildern vermag die heute 82-jährige, durch ihre Serien bekannt gewordene Fotografin Barbara Davatz noch immer zu berühren: Im Textilmuseum St. Gallen sind die Porträts der Arbeiterinnen und Arbeiter einer Ausserrhoder Textildruckerei und Zwirnerei zu sehen. «Porträt einer Schweizer Firma» ist ein besonderes, durch die Auseinandersetzung um die 10-Millionen-Schweiz auch politisch aktuelles Erlebnis.
Manche tragen noch farbverschmierte Schürzen, als sie sich an diesem Tag im Jahr 1972 von der 28-jährigen Barbara Davatz ablichten lassen. Max Guerra zum Beispiel kommt gerade aus dem Farblabor der Textildruckerei und Zwirnerei H. Walser AG in Zürchersmühle bei Herisau. Man hat ihn, wie alle anderen, hinuntergeschickt in die Spedition, dort wartet die junge Fotografin.
Sie scheint den Fotografierten nicht unwillkommen gewesen sein. Max Guerra lächelt verschmitzt, andere setzten sich gern ein wenig in Szene. Denn endlich sind auch sie für einmal wichtig: Die Menschen von nah und fern, Schweizer, Italiener, Spanier, die den Betrieb tragen. Das «menschliche Inventar», wie Barbara Davatz sagt. Das eine erstaunliche Vielfalt des Ausdrucks zeigt. Da ist zum Beispiel Socorro Lopez, die schüchtern dreinschaut. Da ist ernst und ein wenig abweisend Emil Küng. Lachend schaut uns Juana Lago an, überrascht Remedias Rega, selbstbewusst Genaro Lopez. Manche wissen nicht so recht wohin mit den Händen, wie Frieda Küng. Wirken unsicher, wie Ulrich Ammann, väterlich-dienstfertig wie Jakob Alder, oder seriös-erfahren wie Heidi Schaufelberger.
Gesicht, Körperhaltung, Arme, Hände, Arbeitskleidung – das alles verschmilzt zur Einheit. Vor allem aber: In den nur knapp mit Namen, Geburtsdatum, Nationalität und Abteilung gekennzeichneten Bildern gewinnen sie alle ihre unverwechselbare Individualität. Lebenserfahrung, Temperament, Geschichte: All dies kommt zum Ausdruck in diesen Gesichtern, die das Leben schrieb.
Die Menschen sind nicht «gefangen»
Natürlich zeigt Barbara Davatz dieses «Porträt einer Schweizer Firma» nicht zum ersten Mal. Aber sie tut es jetzt auf Anregung von Silvia Gross vom Textilmuseum St. Gallen zum ersten Mal nicht im kleineren A4-, sondern im grossen A2-Format. Die Bilder sind auf Augenhöhe platziert, man tritt als Betrachter in einen direkten Dialog mit ihnen. Schaut man sie genauer an, so fallen die unscharfen Ränder des unauffällig getönten Hintergrunds ins Auge. Sie tragen dazu bei, dass die Porträtierten ein wenig heraustreten aus dem Bild.
Das habe, erklärt Barbara Davatz, mit zwei Dingen zu tun: Zum einen mit dem Aufnahmelicht, zentriert, diffus und leicht von oben gerichtet. Es bewirke, dass sich Schatten unter Nase, Lippen und Kinn bildeten, «dabei sollen aber die Augen glänzen». Zum andern aber habe sie einen besonderen handwerklichen Kniff angewendet. In der Dunkelkammer, beim Vergrössern der Bilder, habe sie aus einem Stück Karton ein rechteckiges kleines Fenster ausgeschnitten, ein bisschen kleiner als das Negativ, und oberhalb des Negativs im Vergrösserungsapparat eingespannt – auf einer anderen Schärfe-Ebene. «Das hat bewirkt, dass die Bildränder unscharf wurden. Es sind diese weichen Ränder, die eine Dreidimensionalität der Porträts begünstigen. Die Menschen sind nicht in scharfkantigen Rechtecken ‘gefangen’, sondern treten aus der Bildfläche dem Betrachter entgegen.»
Auch ein politischer Akzent
Das «Porträt einer Schweizer Firma» trug und trägt auch eine politische Botschaft mit sich – von der die junge Fotografin damals freilich nichts ahnte. Die Firma Walser war ihr empfohlen worden; dass sie einen derart grossen Ausländeranteil hatte, davon wusste Barbara Davatz aber nichts. Aber es war die Zeit, da ein Rechtspopulist namens James Schwarzenbach mit seinen Vorstössen gegen die «Überfremdung» der Schweiz wirkungsvoll Stimmung machte gegen die Ausländer – deren Arbeit damals wie heute, im Zeitalter der 10-Millionen-Schweiz-Initiative, wesentlich beiträgt zu unserem Wohlstand.
Vielleicht aber war Barbara Davatz von ihrer eigenen Lebensgeschichte her auch genau die richtige Person für ein derartiges Projekt. Noch als Kind ist sie nämlich mit ihren Eltern in die USA gezogen und hat dort in einem Vorort von New York gelebt, wo, wie sie erzählt, «ungefähr neunzig Prozent der Bewohner ausländische Wurzeln hatten. Die meisten waren Italiener, es gab aber auch viele Iren, Schweden, Norweger, Engländer. Und viele Schwarze natürlich auch.» Das prägt. «Es war für mich selbstverständlich, mit Menschen aus anderen Kulturen zu leben.»
Eine junge Frau will Fotografin werden …
Auch ein erster Berufswunsch tauchte da schon auf in den amerikanischen Jahren. Barbara Davatz wollte Buchillustratorin werden. Aber die Fotografie war in Gestalt der Leica präsent, die der Vater immer mitnahm auf Ausflüge. Als sie als Teenager zu Weihnachten den Katalog zur Ausstellung «The Family of Man» von Edward Steichen geschenkt bekam, war sie «absolut bezaubert». Dann aber kehrte die Familie 1963 in die Schweiz zurück, ins idyllische Appenzellerland. Im Jahr darauf besuchte Barbara Davatz den Vorkurs der Kunstgewerbeschule Basel mit der Absicht, die Grafik-Fachklasse zu absolvieren, und ihr Vater schenkte ihr seine alte Rolleiflex.
Das änderte alles. «Ich begann sie zu brauchen, und es machte mir Freude», erinnert sie sich. «Mein erster Schweizer Freund wusste, wie man Schwarzweiss-Filme selber entwickelt, und zeigte mir, wie das ging.» Sie fand das «magisch, wie Bilder entstehen in der Dunkelkammer, im chemischen Bad».
So wollte Barbara Davatz denn mitten im Basler Vorkurs Fotografin werden, unbedingt. Der Vater war sehr dagegen, «er meinte, das sei kein Beruf für eine Frau, da stecke ich dann im Dunkeln und bekäme gelbe Finger!», erinnert sie sich. Jedes Wochenende gab es Streit, was die Tochter aber nicht daran hinderte, sich bei der Kunstgewerbeschule Zürich zu melden. «Dort hiess es: Die Aufnahmeprüfungen sind schon vorbei, aber kommen Sie am Mittwoch vorbei und wir holen die Prüfung mit Ihnen nach. Ich vermute, dass mein amerikanischer Akzent geholfen hat und mich interessant machte.»
… und findet ihren Stil
Als sie den Bescheid bekam, sie habe die Prüfung bestanden, meinte der Vater: «Also gut, dann machen wir halt das Experiment.» Und war später dann mächtig stolz auf seine Fotografinnen-Tochter. Als sie 1974 vom Magazin des Tages-Anzeigers den Auftrag bekam, Bundesrat Willi Ritschard zu porträtieren, fotokopierte er die Titelseite und schickte sie an seine Freunde.
Die Porträtserie aus der Firma Walser war eines der ersten Projekte, die Barbara Davatz nach ihrer Ausbildung realisiert hat. «Als sie fertig war, spürte ich, dass das ein Konzept war, das mich begeisterte.» Weitere thematische Porträtserien folgten: 1975 «Doppelgänger» über eineiige Zwilllinge, 1982 «As time goes by», der erste Teil eines bis 2014 fortgeführten Langzeitprojekts mit Paaren, 2007 «Beauty lies within. Porträts aus einer Mode-Welt». In allen schauen die Menschen direkt in die Kamera, mit einer ruhigen Präsenz. «Immer geht es mir um Seh-Lust, um die Freude am Visuellen, um die Magie des Realen», sagt sie. «Und nun, seit über zwei Jahren, arbeite ich an einer Serie mit dem Titel <The future in my arms> – schlichte schwarzweisse Doppelporträts von Müttern mit ihren Säuglingen.»
Barbara Davatz: Porträt einer Schweizer Firma, Textilmuseum St. Gallen, bis 28.2.2027