Der dänische Maler Vilhelm Hammershøi (1864–1916) ist trotz seiner herausragenden Persönlichkeit als Künstler hierzulande wenig bekannt. Das Kunsthaus Zürich zeigt erstmals in der Schweiz eine Retrospektive mit dem Titel «Maler des stillen Klangs».
«Gestern habe ich zum erstenmal Hammershøi gesehen… ich bin sicher, je öfter man ihn sieht, desto deutlicher wird man ihn erkennen, und desto mehr wird man seine wesentliche Schlichtheit finden. Ich werde ihn wiedersehen, ohne mit ihm zu sprechen, denn er spricht nur Dänisch und versteht kaum Deutsch. Man fühlt, dass er nur malt und nichts anderes kann oder will.»
Rilke spricht von Vilhelm Hammershøis «wesentlicher Schlichtheit». Vor den Bildern des dänischen Malers, der hierzulande trotz seiner herausragenden Bedeutung wenig bekannt ist, und dessen Werke gegenwärtig im Kunsthaus Zürich erstmals in der Schweiz in einer Retrospektive zu sehen sind, können wir verstehen, was Rilke mit dem Wort «Schlichtheit» meinen mochte: Konzentration und Beschränkung auf wenige Motive wie Innenräume mit Damen meist in Rückenansicht, die uns helfen, die Räume zu erleben, mit offenen Türen und Durchblicken, mit Korridoren, mit wenigen Zierobjekten auf Tischen oder auf dem Kaminsims; oder asketisch anmutende Architekturansichten in grauem Nebel, bisweilen menschenleere Landschaften, selten Portraits und ebenso selten weibliche Akte.
Grau in allen Abstufungen herrscht vor. In der Tiefe ist dieses Grau von reichem Kolorit. Sparsames Licht fällt durch die Fenster auf den Boden, auf ein Sofa, auf eine Wand; es modelliert weich den Nacken einer von hinten gesehenen Frau in dunklem Kleid, einen weissen Porzellankrug auf der spiegelglatten Fläche eines Holztisches.
«Wesentliche Schlichtheit»: Da herrscht Konzentration aufs Wesentliche. Nichts lenkt ab, nichts ist beiläufig und nichts überflüssig. Die Bilder sind streng gebaut, die Proportionen geradezu klassisch ausgewogen. Vielleicht passen diese Malereien zu Rilkes strenger Formgebung in den Neuen Gedichten, in den Sonetten an Orpheus oder anderer «Dinggedichte» und zu ihrer wie in Stein gemeisselten und oft gleichzeitig weich klingenden Sprache, der sich nichts beifügen und nichts wegnehmen lässt. Ähnliches gilt auch von den wenigen Requisiten, die Hammershøi in seinen Interieurs platziert, von den wenigen Möbeln, die, auf Hochglanz poliert, in den Räumen den Menschen zur Verfügung stehen, oder von den Grossstadt-Bauten und Palästen, die wie Schemen aus dem winterlichen Nebel Kopenhagens auftauchen.
«Merkwürdiger Künstler»
Zeitgenössische Kritiker und Sammler nannten Vilhelm Hammershøi den «seltsamsten und bedeutsamsten» Maler» (Alfred Bramsen) oder den «merkwürdigen Künstler» (Emil Hannover). Sie sprechen von seiner «Scheu vor allen Formen des Lebens» (Hannover), von einem «Engel der Melancholie», der an seiner Wiege stand (Julius Elias). Über «Artemis» (1893/94), vier nackte Figuren wie Statuen in verschiedenen Posen, ein geheimnisvolles, nicht zu enträtselndes inkommensurables Bild, schrieb der dänische Kunstkritiker Mogens Ballin: «Wie atemberaubend schön sind diese vier nackten Wesen, glücklicherweise weit entfernt von den einfachen Körpern der Modelle, sind sie nicht niedergedrückt von den Schwächen und Kämpfen der Last des Lebens, frei bewegen sie sich in der reinen Welt der Gedanken, ohne Worte und nahezu ohne Bewegung übermitteln sie ihre hohen Gedanken zu einander, Seele spricht zu Seele über die tiefsten Geheimnisse des Lebens...». (Das Bild ist, da «untypisch» für Hammershøi (so die Kuratorin Sandra Gianfreda), nicht in der Zürcher Ausstellung.)
In dieser emphatischen Formulierung Ballins spielt Jahrhundertwende-Symbolismus mit, in dessen Umfeld einige Werke Hammershøis gesehen werden können, wie auch das in Zürich zu sehende Grossformat «Drei junge Frauen» Hammershøis von 1895 zeigt. Ballin besuchte Pont-Aven in der Bretagne und kannte Gauguin, die Malerei seiner Schule und die Nabis. Auch Vilhelm Hammershøi kannte Gauguin von einer Ausstellung in Kopenhagen. Das Bild «Artemis» bleibt im Werk Hammershøis, in dem sonst, wenn überhaupt, Menschen aus seiner Gegenwart und aus seinem Umfeld auftauchen, eine Ausnahme, bezieht man das 1891 entstandene und in Zürich gezeigte Bild «Griechisches Relief» nicht mit ein. Hammershøi kannte mit Sicherheit die mythologisch-symbolistischen Werke der Symbolismus-Berühmtheit Puvis de Chavannes (1824–1898), die ebenfalls als Anregung für «Artemis» dienen mochten.
An Vermeer denken?
Vilhelm Hammershøi war, bei aller Einzigartigkeit seiner Grautöne, überhaupt nicht unbeeinflusst von den Kunstströmungen seiner Zeit und von der Kunstgeschichte, wie manche der damaligen Kritiker meinten. Man kann an Vermeer und seine Interieurs mit Brief-Leserinnen denken, auf die ein Sonnenstrahl fällt, an andere Niederländer des Goldenen Zeitalters, aber auch an Zeitgenossen wie Félix Vallotton, Fernand Knopff oder Peter Ilsted, vielleicht gar an Edvard Munch und Emil Nolde. Eine Hammershøi-Ausstellung in der Kunsthalle Hamburg (2003) stellte solche – offenkundige oder versteckte – Verbindungen prominent dar. Einige wenige «fremde» Werke beziehen auch die Zürcher Kuratoren ein – so Beispiele des niederländischen 17. Jahrhunderts, eine Treppenhaus-Ansicht von Adolf von Menzel (menschenleer wie viele Stuben und Wohnzimmer Hammershøis) sowie eine russische Landschaft und ein 1903 entstandenes Interieur von Félix Vallotton. Neben zerstreut herumliegenden Kleidern, mit denen Vallotton sein Interieur wie mit Spuren grossbürgerlichen Daseins belebt, wirken die oft leeren Innenräume Hammershøis geradezu als Chiffren für Einsamkeit und Melancholie: Da ist den Kuratoren eine besonders wirkungsvolle Gegenüberstellung gelungen.
Das Kuratorenteam gliedert die rund 70 Gemälde Hammershøis nach Motiven wie Landschaft, Architektur, Innenräume, Menschen in den Räumen, Portraits. Sie präsentieren die Werke so in den Erdgeschossräumen des Moser-Baus, dass sie atmen können und dass ihnen viel Raum bleibt. Allen diesen Malereien sind eine grosse Ruhe und Konzentration eigen. Da ist nichts Lautes. Narratives gibt es selten, Handlungen ebenso wenig, auch keine zeitlichen Abläufe, wohl aber Atmosphäre und Stimmung – und eine eindringliche Behutsamkeit im Umgang auch mit dem kleinsten Detail. Beispiele dafür mögen die Spuren von Schatten auf der Wand hinter Ida Ilsted auf dem 1890 entstandenen Portrait der späteren Gattin des Künstlers sein oder die delikate Position der auf dem schwarzen Kleid aufliegenden Hände der Frau, deren hellblaue Augen auf eine stille Versenkung, eine Art Meditation hindeuten. Beispiele sind auch die differenzierten Charakterisierungen der «drei jungen Frauen» auf dem Bild von 1895 und die behutsame Sorgfalt, die Hammershøi der Komposition und der Raumorganisation angedeihen liess.
Hier zeigt sich: Hammershøis Ziel als Maler ist wohl die genaue, stille und jede Effekthascherei meidende Schilderung einer in sich ruhenden, in Harmonie organisierten Welt und der sich lautlos in diese von weichem Licht geprägten Welt einfügenden Menschen. Malte er – aus heutiger Sicht – Utopia? Vielleicht. Sicher fordert das Erspüren dieser «wesentlichen Schlichtheit» von der Betrachterin und vom Betrachter Zeit. Schnelle Konsumation reicht nicht aus.
Vilhelm Hammershøi (geboren 1864 in grossbürgerlichem Milieu in Kopenhagen) erhält schon als Achtjähriger privaten Zeichenunterricht und beginnt 1879 das Studium an der Kopenhagener Kunstakademie, das er 1884 beendet. Ab 1887 Reisen nach Hamburg, in die Niederlande und nach Paris, wo er an der Weltausstellung vier Werke zeigen kann. 1891 Heirat mit Ida Ilsted, die ihn auf allen Reisen begleiten wird. 1893 reist er mit einem Stipendium nach Italien. Mehrfach Ausstellungsbeteiligungen in München und Berlin. 1898 Aufenthalt in London. Hammershøi will, ohne Erfolg, den Maler Whistler treffen, dessen Werke ihn sehr interessieren. 1900 erste Einzelausstellung in Kopenhagen, wo sich auch Emil Nolde aufhält. Nolde: «Er sprach langsam und leise. Wir alle sprachen still.» Und: «Bei Hammershøi war der Raum im Dämmerlicht in wunderschönem Silbergrau.» 1902/03 reist er nach Rom. Nach erneutem London-Aufenthalt erste Ausstellung bei Paul Cassirer in Berlin. 1908 werden Hammershøis Werke in der Galerie Eduard Schulte mit deutschlandweitem Echo zusammen mit Vallotton und Maurice Denis gezeigt. Hammershøi überzeugt die Kritiker mit der «gedämpften, ganz in Grau getauchten Farbe, die gegenüber dem grellen Farbtaumel» mancher Franzosen wohltuend wirke. 1914 erkrankt Hammershøi an Rachenkrebs. Im gleichen Jahr stirbt er im Kopenhagener Stadtkrankenhaus.
Bis 25. Oktober im Kunsthaus Zürich
Kooperation mit dem Museo Nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid, wo die Ausstellung in gegenüber Zürich erweiterter Form bereits anfangs Jahr gezeigt wurde
In Zürich kuratiert von Sandra Gianfreda und Jonas Beyer
Katalog 52 Franken