Zürich und der Zwingli-Geist

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Zürich und der Zwingli-Geist

Von Klara Obermüller, 25.05.2017

Wann immer jemand sich über Zürich ärgert, beschwört er den Zwingli-Geist und schimpft die Stadt „zwinglianisch“. Das meist gedankenlos verwendete Klischee hat mit Zwingli wenig zu tun.

Gewiss, Zwingli war ein Moralist und sein Zürich eine sittenstrenge Stadt. Doch alles, was an Zürich bis heute als bieder, freudlos und langweilig empfunden wird, Zwingli und seiner Reformation in die Schuhe zu schieben, greift zu kurz. Zwingli war ein humanistisch gebildeter, weltläufiger und hoch musikalischer Mensch, der hohe Ansprüche an sich und andere stellte. Er war aber auch ein Pragmatiker, der sich der eigenen Unzulänglichkeit bewusst war.

Als Leutpriester in Einsiedeln hatte er eine junge Frau geschwängert, in Zürich lange Zeit in einer heimlichen Beziehung zu einer Witwe, seiner späteren Frau, gelebt. Und als der Buchdrucker Froschauer am ersten Fastensonntag des Jahres 1522 sein berühmtes Wurstessen veranstaltete, ass er zwar nicht mit, nahm aber teil und wetterte von der Kanzel herab gegen kirchliche Speisevorschriften, die mit der Botschaft des Evangeliums nichts zu tun hatten. Dieses Wurstessen gilt, ähnlich wie Luthers Thesenanschlag in Wittenberg, als symbolischer Auftakt der Reformation in Zürich: ein durchaus sinnenfroher Akt, der allein schon dem Klischee vom lustfeindlichen und verklemmten Zwingli-Geist widerspricht.

Wenn Zwingli später die Heiligenbilder aus den Kirchen entfernen liess, den Choralgesang aus dem Gottesdienst tilgte und gegen öffentliche Lustbarkeiten zu Felde zog, dann tat er dies nicht aus mangelndem Kunstverstand oder Prüderie, sondern weil er aus den Kirchen verbannt haben wollte, was vom klaren Wort des Evangeliums ablenkte. Wie für Luther stand auch für Zwingli die Schrift und nur sie im Zentrum der religiösen Praxis. Und wie Luther waren auch ihm die in der katholischen Kirche seiner Zeit herrschende Prunksucht, Geldgier und Doppelmoral zuwider.

Gerade weil er aus Erfahrung wusste, wie leicht kirchliche Gebote sich unterlaufen liessen, plädierte er für eine Lebensführung, die das hohe Ethos der christlichen Botschaft beim Wort nahm. Dass diese Haltung mit einer gewissen Strenge und Kompromisslosigkeit einherging, war wohl unvermeidlich. Gleichwohl wäre es falsch, in Zwingli einen religiösen Taliban zu sehen, der seine Stadt für alle Zeiten zu einer Hochburg verklemmten Biedersinns machte.

Wenn Zürich auch heute noch Spuren von Zwingli-Geist aufweist, so sind dies nach Meinung des Zürcher Alttestamentlers Konrad Schmid eine gewisse Schlichtheit im öffentlichen Auftreten sowie ein gesundes Misstrauen gegenüber selbsternannten Autoritäten. Und dies sind Eigenschaften, auf die man in Zürich durchaus stolz sein könnte.

Kommentare

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Ja, es hat noch Spuren, aber diese verwischen sich seit Jahrzehnten, immer schneller, denn die in Zürich zugewanderte Unterschicht weiss sicherlich nichts von Zwingli und seinen Spuren.

Klara Obermüller stellt klar, dass das lustfeindliche Zürich Zwingli-Geist Klischee nicht stimmt. Auch Franz Rueb stellte dies in seinem Buch «Zwingli: Widerständiger Geist mit politischem Instinkt» klar.

Rueb dokumentierte in seinem Buch auch, wie Zwingli sich gegen die Reisläuferei wehrte. Zwingli war dagegen, dass Eidgenossen sich in den Dienst der kriegführenden Könige, Kaiser und Päpste stellten. Er verurteilte die Herren die damals mit der Vermittlung von helvetischen Söldnern viel Geld verdienten. Die Zürcher Zünfte unterstützen Zwingli mit grosser Mehrheit bei diesem Anliegen, im Gegensatz zu den Oberen der Innerschweizer Orte, die an den ihnen Geld bringenden fremden Kriegsdiensten festhalten wollten.

Besser rentiert in Zürich heute nicht mehr die Vermittlung von Söldnern für fremde Kriegsherren. Heute wird Geld gemacht mit dem Waffenhandel, mit weltweiten Investitionen in Firmen die Kriegsmaterial herstellen. Die Schweizer Nationalbank, helvetische Grossbanken und unsere Pensionskassen machen da mit. (1) Man nimmt es in Kauf, dass mit diesen Geschäften Konflikte angeheizt werden. Dutzende Millionen Menschen werden heute durch Kriege zu Flüchtlingen gemacht. Was würde Zwingli heute zum Geschäft mit dem Krieg sagen, bei den Veranstaltungen «500 Jahre Zürcher Reformation»?

(1) Laut der offiziellen Statistik des Bundes exportierte die Schweiz von 1975 - 2015 für 17,113 Milliarden Franken Kriegsmaterial. Verkauft wurden diese Rüstungsgüter zu einem grossen Teil an kriegführende Staaten, in Spannungsgebiete, an menschenrechtsverletzende Regimes und an arme Länder in der Dritten Welt, in denen Menschen hungern. In den 17,1103 Milliarden Franken sind die besonderen militärischen Güter nicht eingerechnet, die ebenfalls exportiert wurden, aber nicht in der offiziellen Statistik erscheinen. Auch die Finanzierung von Waffengeschäften durch Schweizer Banken erscheinen in diesen Zahlen nicht. Schweizer Geldinstitute, die Nationalbank, Banken und unsere Pensionskassen investierten in den letzten Jahren sogar in Firmen, die an der Atomwaffenproduktion, an der Herstellung von Antipersonenminen und Clusterbomben beteiligt sind.

Wenn man die Waffenverkäufe pro Kopf der Bevölkerung nach Zahlen der US-Regierung berechnet, steht Israel an erster Stelle, Schweden an zweiter und die Schweiz an dritter Stelle. Zahlen dokumentiert von Urs P. Gasche auf Info Sperber http://www.infosperber.ch/Artikel/Politik/USA-Wer-die-vielen-Waffen-fur-...)

(Waffenexporte Israel, 2008 -2015 1214 US Dollar pro Kopf) An zweiter Stelle steht Schweden (Waffenexporte Schweden, 2008 -2015 930 US Dollar pro Kopf) Auf dem dritten Platz der Kriegsgewinnler, gerechnet pro Kopf der Bevölkerung, steht die Schweiz. (Waffenexporte Schweiz, 2008 -2015 518 US Dollar pro Kopf)

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