Wohnbauten von Diener & Diener

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Wohnbauten von Diener & Diener

Von Fabrizio Brentini, 02.07.2020

Das renommierte Basler Büro Diener & Diener setzt einen Gegenpol zu den anderen berühmten Baslern, Herzog & de Meuron: mit einer Modernität, die in Traditionen verwurzelt ist.

Im Grunde sind es nicht die spektakulären Museen, grandiosen Konzerthallen, zu Tode überformten Prunkgebäude, welche die Hauptmasse des Gebauten bilden, sondern die Orte des Wohnens. Bloss sind es nicht diese Architekturen, die in den Szeneblättern gefeiert werden. Denn dadurch, dass hier der Gestaltung enge Grenzen gesetzt sind, vermögen Wohnhäuser das auf Spektakuläres konditionierte Interesse von Lesern und Leserinnen kaum zu wecken. 

In einer höchst beachtenswerten Publikation werden die Wohnbauten – und nur diese – aus dem renommierten Büro Diener & Diener vorgestellt. Ein genaues Studium der begleitenden Texte sowie der ausgewählten Beispiele lohnt sich allemal und kann dazu beitragen, unsere Wahrnehmung von dem, was gebaut wird, neu zu eichen.

Eine Baumeister-Dynastie

Roger Diener, der 1980 das Büro seines Vaters Marcus übernommen hatte, feierte dieses Jahr seinen Siebzigsten. Das wird in der vorliegenden Publikation nicht explizit erwähnt, doch man kann sie als eine Art Festschrift auffassen, die das unermüdliche Schaffen dieses zwar international angesehenen, aber bescheiden gebliebenen Baumeisters ehrt. Und sie betrifft ein zentrales Anliegen Dieners: das Bauen in der und mit der Stadt, und in keiner Weise gegen die Stadt.

Erstmals wird einer grösseren Leserschaft das Werk seines Vaters vorgestellt; Martin Steinmann wagt einen Überblick über die fast vierzigjährige Tätigkeit, in der Marcus Diener einige Tausend Wohnungen realisierte. 1942 gegründet, stellte sich das Büro in den Dienst der zahlreichen Wohnbaugenossenschaften in und um Basel, die – durch Bund und Kantone subventioniert – die Wohnungsnot zu lindern versuchten. 

Auf riskante Experimente wurde verzichtet. Steinmann weist nach, dass Diener die bewährten und in der Bewegung des Neuen Bauens auch wissenschaftlich analysierten Grundrisstypen sachte weiterentwickelte. Die Räume für das Wohnen, die Nasszellen sowie die Küche, schliesslich die Zonen für deren Erschliessung müssen derart angeordnet werden, dass für Benutzer und Benutzerinnen ein angenehmes Leben in den eigenen vier Wänden garantiert und gleichzeitig der zur Verfügung stehende Raum effizient und ökonomisch verantwortbar genutzt werden kann. 

Als in den 1960ern durch den Verzicht auf klare Raumtrennungen neue Wohnformen vorgeschlagen wurden, vertraute Marcus Diener weiterhin auf wenige traditionelle Grundrisstypen. Einzig in der Propagierung von Apartwohnungen – hier im speziellen Falle sind dies Ein- und Zwei-Zimmer-Wohnungen in einem städtischen Umfeld – betrat Diener Neuland.

Favrehof, Wohnbebauung, Wallisellen, Schweiz, 2008-2014 © Foto: Martin Steinmann, Aarau
Favrehof, Wohnbebauung, Wallisellen, Schweiz, 2008-2014 © Foto: Martin Steinmann, Aarau

Sohn Roger setzte sich sozusagen in ein gemachtes Nest, als er 1978 als Partner aufgenommen wurde. Die Kontinuität ist auf verschiedenen Ebenen nachzuweisen. Vergleicht man die Porträtaufnahmen von Vater und Sohn, so könnte man auf den Gedanken kommen, dass es sich um Geschwister handelt. Als Bezeichnung für das Büro diente fortan das Label «Diener & Diener», was als eine Hommage an den Vater aufzufassen ist. 

Neue Einfachheit

Zu Beginn der 1980er-Jahre machte Roger Diener national und international mit Wohnbauten auf sich aufmerksam. Dafür stehen die beiden Einheiten im Basler St. Alban-Tal (1981/86), die ästhetisch an den Stil des Neuen Bauens erinnern und als Vorzeigeobjekte der auf die Schweiz bezogenen Bewegung der Neuen Einfachheit präsentiert wurden. Doch Roger Diener ging es nie darum, mit einem innovativen Vokabular Aufsehen zu erregen. Er bleibt bis heute formal diszipliniert, dies im Unterschied zu einigen Altersgenossen, die sich bald von der Neuen Einfachheit verabschiedeten. 

Grundlegend ist erstens der Bezug zum schon Gebauten, meist in einem urbanen Umfeld, und zweitens die Frage, wie Menschen wohnen sollen. Im Gespräch mit den Herausgebern betont Diener, dass er keine Geschichten erzählen möchte, dass aber gleichwohl das Ringen um den Grundriss, die Fassadengestaltung und das Einfügen des Neuen in das Bestehende sichtlich seine Themen sind. «Wohnungsbau ist das grundlegende Programm der Architektur. Unsere Aufgabe ist es, Räume für Menschen zu bauen, und diese Aufgabe drückt sich als Erstes in der Wohnung aus.» Und weiter: «Der Wohnungsbau ist die Aufgabe, die uns in unserer Praxis am meisten interessiert.»

So wie man das Rad nicht immer neu erfinden muss, so muss man auch inbezug auf Grundrissplanung nicht bei null anfangen. Im Gegenteil, es haben sich seit dem 19. Jahrhundert Typen etabliert, die auch nach dem Aufbruch in die Moderne tauglich geblieben sind. Das beinhaltet die Vorliebe für den rechten Winkel, die Erschliessung der Räume von einem Vorplatz oder einem Gang her, die Eigenständigkeit der mit Türen versehenen Zimmer, die aus technischen Gründen unmittelbare Nachbarschaft von Küche und Nasszellen. 

Aussen und Innen im Gleichgewicht

In dieser Beziehung sind Diener & Diener konservativ, nicht weil man sich gegen das Neue stemmt, sondern weil man etwas Vertrautes nicht leichtsinnig den Modeströmungen opfern möchte. Das hat natürlich zur Folge, dass die Wohnblöcke von Diener & Diener auf den ersten Blick etwas bieder erscheinen. Doch dieser erste Blick täuscht, weil die Resultate des intensiven Entwurfsprozesses sich einer schnellen Lektüre entziehen. Man lese die Analyse von Bruno Marchand über die Fassaden und diejenige von Alexander Aviolet über die Grundrisse, um zu erahnen, welch immenser Aufwand betrieben wird, um Aussen und Innen miteinander in ein Gleichgewicht zu bringen.

Im Hauptteil des Buches werden dreissig Beispiele, projektierte und realisierte, mit Kurzkommentaren, Aufnahmen (leider nur vereinzelt von Innenräumen) und Grundrissen vorgestellt. Nicht weniger als elf Werke wurden für die Stadt Basel entworfen und zehn weitere verteilen sich auf europäische Städte. Es fällt auf, dass die Wohnbauten mehrheitlich keine Solitäre sind, sondern wie Puzzleteile in ein komplexes Geflecht von Häuserzeilen eingepasst werden mussten. Da, wo es möglich war, schuf Diener einen begrünten Hof, auf den die Wohnräume ausgerichtet sind, besonders schön nachzuweisen bei den Überbauungen Riehenring Basel (1980/85) und Favrehof Wallisellen (2008/14). 

Auch wenn Diener in die Höhe baute – das Wohnhochhaus Renaissance in Zürich (2002/11), die Wohnhochhäuser Westkaai in Antwerpen (2005/09, das Wohnhochhaus Markthalle in Basel (2007/12) –, liess er sich nicht dazu verleiten, die Fassaden effektvoll aufzubrechen, wie dies Herzog & deMeuron mit dem Meret-Oppenheim-Hochhaus in Basel versucht haben. Diener erhielt bedeutende Aufträge in den Niederlanden, so etwa auf einem Dock in Antwerpen, wo ein langer, unmittelbar am Wasser platzierter Riegel neben einem Hofhaus steht, und in Den Haag, wo auf dem Areal eines ehemaligen Militärflugplatzes niedrige Reihenhäuser mit einem Cluster von vier Hochhäusern ergänzt wurden. 

Es ist sicher kein Zufall, dass die Lösungen von Diener & Diener gerade in den Niederlanden gefragt waren, denn es gibt wohl kein zweites (europäisches) Land, wo die Wohnbaufrage derart intensiv diskutiert und so überzeugend beantwortet wird wie hier.

Martin Steinmann, Bruno Marchand, Alexandre Aviolet: Diener & Diener. Wohnungsbau, Park Books Zürich 2020, ISBN 978-3-03860-184-5, CHF 49.-

Auch wenn "die Resultate des intensiven Entwurfsprozesses sich einer schnellen Lektüre entziehen", hätte ich keine Freude, wenn ich in dieser monotonen Architektur des einen über dem anderen und des simplen waagrecht aufgereihten Würfels wohnen müsste. Auch diese Architektur verfällt dem Profitwahnsinn der Immobilienbarone und der Banken. Wenn ich als Lehrer meinen Unterricht vor allem nach pekuniärem Mehrwert ausgerichtet hätte, entspräche der Lerneffekt auch bloss der Architektur als Katastrophe, die uns landauf landab bedrängt.

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