Wir telefonieren nicht mehr

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Wir telefonieren nicht mehr

Von Heiner Hug, 04.09.2017

Kommunikation ist alles, heisst es. Von wegen.

Was heisst kommunizieren? Miteinander reden, aufeinander eingehen, zuhören, sich abtasten. Das tun wir nur noch selten. Wir knallen uns Hunderte E-Mails, SMS und Tweets auf den Computer und das Smartphone. Ist das kommunizieren? Ein wichtiger Kommunikationskanal wäre das gute alte Telefon. Doch eine deutsche Studie zeigt, dass das Smartphone nur noch zu fünf Prozent zum Telefonieren verwendet wird. Und übers Festnetz spricht längst keiner mehr. Sind wir maulfaul geworden? Oder menschenscheu? Oder haben wir Angst, etwas Falsches zu sagen?

Wie mühsam ist oft diese Kommunikation per E-Mail. Man muss zurückfragen und wieder fragen, und noch immer hat man etwas falsch verstanden. Wie viel einfacher wäre es oft, kurz miteinander zu sprechen. Würden wir wieder richtig kommunizieren, miteinander reden, zum Beispiel via Telefon, könnten viele Missverständnisse ausgeschaltet werden. Miteinander reden ist mehr als das, was wir heute kommunizieren nennen. Man spürt den anderen, hört seine Stimme, hört Zwischentöne, Emotionales, Ängste, Ärger, Freude. Man kann heraushören, ob es das Gegenüber ehrlich und ernst meint. All das fällt mit der E-Mail-Kommunikation unter den Tisch. Telefonieren ist (im übertragenen Sinn): dem andern ein bisschen in die Augen schauen. Davor schrecken heute immer mehr Leute zurück.

Immer wieder hört man: „Ich schreibe eine E-Mail, weil ich den andern nicht stören will. So kann er antworten, wenn er Zeit hat.“ Wieso schreiben wir dann nicht: „Rufen Sie mich an, wenn Sie Zeit haben“? Der grösste Vorteil der E-Mails ist, dass man etwas Schriftliches in der Hand hat. E-Mails haben das Leben vereinfacht. Aber eben nicht nur. Sind wir in dieser turbulenten Welt kontaktscheu geworden? Als ob es vielen an Selbstbewusstsein mangelte, versteckt man sich hinter ein paar E-Mail-Zeilen. Leute, telefoniert wieder!

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Dann würde was uns gross und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein! ( Reinhard Mey)

Mit ein wenig Anstand, so hat man es früher noch gelernt, da kam nach der Begrüssung, wie geht’s. Früher war das meist ungefährlich, heutzutage bleibst du hängen, in und an ihren Problemen hängen, es ist die Zeit die uns fehlt, denn den anderen geht’s oft genauso beschissen wie einem selbst. Trainiert, Erfahrungen gesammelt, man ahnt was auf einem zukommen könnte! Mir geht’s gut war schon damals oft eine Lüge, aber man beliess es dabei. Heute haben fast alle ihre Baustellen und fixe Werte sind volatil geworden. Zur Sache kommen ist Zeitgeist, wie es dir geht interessiert mich wenig, melde dich sonst wenn ich Zeit habe, eventuell später einmal, möglichst irgendeinmal wenn es dann sein muss. Weil das nun auch nicht geht benutzt man risikolos das E-Mail. Oft auch schade, man verpasst das wirkliche Leben oder nicht? … cathari

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