Wir sprechen nicht mehr miteinander

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Wir sprechen nicht mehr miteinander

Von Heiner Hug, 18.09.2014

Wir hören nicht mehr zu. Wir halten nur noch Monologe.

„Zwei Monologe, die sich gegenseitig immer und immer wieder störend unterbrechen, nennt man eine Diskussion." Dies sagte der Schweizer Aphoristiker und Schriftsteller Charles Tschopp vor langer Zeit. 

Wir diskutieren immer weniger, wir wollen nur unsere eigene Message losbringen. Politiker hören schon längst nicht mehr auf Fragen. Sie legen einfach los und sagen das, was sie sagen wollen. Meist passt die Antwort nicht zur Frage. Sie haben ihr Ziel erreicht, wenn sie ihre Botschaft, ihren Standpunkt an den Mann und die Frau gebracht haben.

In grotesker Erinnerung bleibt das Streitgespräch zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück. Die Fragen der vier Journalisten wurden einfach übergangen. Beide sagten, was sie wollten, Fragen hin oder her.

Nicht nur Politiker: Was andere sagen und denken interessiert uns immer weniger. Die Argumente der andern prüfen, hinterfragen und vielleicht sogar aufnehmen – das interessiert den heutigen Menschen immer weniger. Auf den andern eingehen, was soll’s? These, Antithese, Synthese – das war mal gestern.

Wir führen nur noch Monologe. Der Monolog unseres Gegenübers interessiert uns nicht. Eigentlich stört er uns nur. Und wenn wir unseren Monolog beendet haben, glauben wir, den andern überzeugt zu haben. Doch der hat gar nicht zugehört, der hat nur auf eine Pause gewartet, bis er zu seinem Monolog ansetzen konnte. Wir gehen nicht mehr aufeinander ein, wir sprechen nicht mehr miteinander: Monolog-Gesellschaft. 

Kommentare

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Politiker-Monologe fangen immer an mit...i han jo scho immer gseit...und hören auf mit der berühmten win.win Situation. Dann weisst du dass sie dich über den Tisch gezogen haben

Mir scheint, die Behauptung von Herrn Hug sei doch etwas einseitig und manchmal recht übertrieben.
Es ist nicht zu bestreiten, dass viele Zeitgenossen vor allem sich selber hören wollen. Aber es gibt durchaus andere - ich zähle mich dazu -, die bereit sind, Argumente anzuhören, darüber nachzudenken und allenfalls die eigene Meinung dazu zu äussern..

Politiker sind Verkäufer.

Sie müssen ihre Meinung (oder die Meinung der Lobby, Partei usw.) um jeden Preis verkaufen. Würden sie ernsthaft auf berechtigte Themen eingehen, würde ihre ganze künstliche Lügenfassade einbrechen und sie würden wieder gute Politik fürs Volk machen. So was will man natürlich um jeden Preis verhindern.

Sehr gut beobachtet, genau so ist es!

Stellen Sie sich einmal vor, da kommt jemand der es schafft ihre alte Überzeugung mit stichhaltigen Argumenten zu widerlegen. In der gesamten Faltentektonik des Gehirns, hinaus bis zu den Scherzzonen käme es zu Regionalmetamorphosen. Einem Erdbeben der Stärke 9 gleich. Es sind die durch Erfahrungen scheinbar erkannten Gefahren, auch die in Umfeldern gehörten, oft beängstigenden Erkenntnisse, die zu eingemauerten Meinungen führen. Tief in jedem drin steckt doch die Angst selbst Betroffener zu sein. Nur bei et-welchen Politikern die sich benehmen wie manche Krämerseelen, läuft das anders. Dort schaut man nur was am besten verkäuflich ist. La tragedia di un uomo/donna ridicolo. Irgendwie geht es uns allen so! (ausgenommen mir selbstverständlich)….cathari

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