Willkommenskultur

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Willkommenskultur

Von Klara Obermüller, 24.11.2016

Das Wort klingt gut, allein es fehlt am Willen. Willkommenskultur muss praktiziert und darf nicht blockiert werden.

Da reden sie dauernd von Integration. Aber wenn sie selbst etwas dazu beitragen sollten, legen sie sich quer. Jüngstes Beispiel: der Widerstand der SVP gegen die erleichterte Einbürgerung von Ausländern der dritten Generation.

Nein, man soll es ihnen nicht zu leicht machen. Da könnte ja jeder kommen und Schweizer werden wollen. Wo kämen wir denn da hin! So oder ähnlich scheint es in den Köpfen jener zu denken, die sich einmal mehr gegen eine erleichterte Einbürgerung junger Menschen stellen, die hier geboren sind, unseren Dialekt sprechen und das Herkunftsland ihrer Eltern oder Grosseltern oft nur noch vom Hörensagen kennen. Am 12. Februar 2017 stimmen wir darüber ab. Ein mit drei Altbundesräten bestücktes Pro-Komitee hat sich gebildet, das es mit der Gegnerschaft aus den Reihen der SVP aufnehmen will.

Dass es einen Abstimmungskampf zu diesem Anliegen überhaupt braucht, ist an sich schon ein Armutszeugnis. Ein Nein aber wie vor 12 Jahren, als es um die erleichterte Einbürgerung von Angehörigen der zweiten wie der dritten Generation ging, wäre eine Schande. Man kann von Ausländern keine Integration verlangen, ohne ihnen auch seinerseits entgegenzukommen. Und wie könnte dies wirkungsvoller geschehen als durch die Gewährung der vollen bürgerlichen Rechte? Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie etwa die USA, die sämtlichen im Land Geborenen das Bürgerrecht automatisch verleihen. Ab der zweiten Generation aber sollten alle, die dies wünschen, eingebürgert werden – nicht nur erleichtert, sondern bedingungslos.

Die Schweiz hat ja nicht zuletzt ihrer restriktiven Einbürgerungspraxis wegen diesen hohen Ausländeranteil, der angeblich so vielen Einheimischen Angst macht. Durch die Gewährung des Bürgerrechts ab der dritten oder, noch besser, ab der zweiten Generation liesse sich diese Zahl auf Anhieb senken. Aber eben: Mit Ängsten lässt sich eine repressive und ausländerfeindliche Politik besser betreiben als mit Offenheit und Toleranz. Integrations- und Willkommenskultur geht anders. 

Kommentare

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Frau Obermüller, es gibt seit Jahrhunderten in allen Ländern willikommene und unwillkommenen Gäste. Allein, seit Jahrzehnten fordert eine spezifische politische Gruppierung, die offenen, zivilisierten Gesellschaften müssten alle, somit auch unwillkommene, menschenrechtsbrechende, schmarotzende Eindringlinge (neudeutsch: Migranten) , sprich auf Kosten der Gastgeber auf unbestimmte Zeit "willkommen" heissen.

Frau Obermüller, wenn Sie schreiben "Nein, man soll es ihnen nicht zu leicht machen. Da könnte ja jeder kommen und Schweizer werden wollen. Wo kämen wir denn da hin!", dann geben Sie sich selber die folglich richtige Antwort.

Es soll auch jungen, unbescholtenen und integrationswilligen Einwohnern zweiter Generation durchaus die Chance geboten werden, Schweizerin oder Schweizer zu werden. Aber dazu bedarf es wenigstens einer Auswahl. Wie fair und ausgewogen diese stattzufinden hat, sollte unaufgeregt diskutiert werden. Rütlischwur-Fragen etc. sind natürlich Unsinn.

Wir brauchen offenbar eine neue Art "Schweizermacher", welche fachlich dazu geeignet ist. Das mag für Sie nicht zeitgemäss erscheinen. Dass die Gemeindeversammlung letztlich darüber bestimmt, wer den roten Pass bekommt (oder eben nicht), halte ich für richtig.

Schweizersein ist ein Privileg. Um diesen Satz zu schreiben muss man sich weder verbiegen, noch bei der SVP sein. Auch nicht ein Rechtsaussen. Wer mitbestimmen will, wohin die Reise geht, soll sich dafür qualifizieren. Das gehört in jedem besseren Job dazu. Dass nicht jeder bekommt, was er verdient, ist eine Binsenwahrheit. Anwärter auf dieses Privileg dürfen aber zumindest etwas genauer angeschaut werden.

Sie sagen: "Dass es einen Abstimmungskampf zu diesem Anliegen überhaupt braucht, ist an sich schon ein Armutszeugnis." Ist es eben nicht! So funktioniert Direkte Demokratie. Man muss Gutmenschentum, christliche Werte auf der einen, und ökonomische Vorteile der Gesuchsteller auf der anderen Seite gegeneinander abwägen.

Dass sich die SP durch eine schnelle und flächendeckende Einbürgerung neue Parteimitglieder schaffen will, halte ich für ein Gerücht. Ein äusserst plausibles, allerdings.

Sehen Sie, ich lebe als Auslandschweizer seit über zwanzig Jahren nur noch zeitweise in der Schweiz. In vielen Gesprächen mit Ausländern im Ausland (..) wird deutlich, wie sehr die Schweiz durch ihre restriktive Haltung bezüglich Schweizerpass geschätzt wird. Dies trägt letztlich auch dazu bei, dass "Swiss Made" ihren Marktwert behält. Darüber darf auch mal nachgedacht werden.
Mit Swissness, und dieses Wort halte ich für sehr fragwürdig, wird gelebte Tradition und sorgfältiger Umgang mit hundertprozentiger Verlässlichkeit assoziiert. Diese Werte musste sich die Schweiz mühsam erschaffen. Um Mitglied in diesem Club zu sein, darf man durchaus ein paar Fragen beantworten und sich den Mitbürgern in spe stellen.

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