Wassili Grossman - Leben und Schicksal (1980)

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Wassili Grossman - Leben und Schicksal (1980)

Von Urs Bitterli, 06.08.2014

Wassili Grossmans umfangreiches Buch „Leben und Schicksal“ ist die wohl wichtigste literarische Quelle eines russischen Autors zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs.

Die Entstehungsgeschichte dieses Werks ist nicht weniger spannend als das Werk selbst.

Zum Zweiten Weltkrieg gibt es zahlreiche Berichte von Kriegsteilnehmern, die ihre Erfahrungen literarisch verwerteten. Einer der wichtigsten dieser Berichte stammt aus der Feder des russisch-jüdischen Autors Wassili Grossman. Die Entstehungsgeschichte dieses Buches ist nicht weniger spannend als das Buch selbst. Grossman wurde 1905 in der ukrainischen Stadt Berditschew geboren. Er stammte aus einer jüdischen Familie des städtischen Bildungsbürgertums und studierte Chemie an der Moskauer Universität. Nach Abschluss seines Studiums ging er als Bergwerksingenieur in die Ostukraine, beschloss dann aber, Schriftsteller zu werden. Er verfasste erfolgreiche Romane und Erzählungen; seine Vorbilder waren Tolstoj und Tschechow. Maxim Gorki, der grosse alte Mann der Sowjetliteratur, erkannte Grossmans Begabung, bemängelte aber, dass sich sein Stil nicht an die Regeln des Sozialistischen Realismus hielt.

Im Jahre 1937 wurde Grossman Mitglied des Sowjetischen Schriftstellerverbands. Es war die Zeit der „Grossen Säuberungen“, wie sie von Arthur Koestler in seinem berühmten Roman „Sonnenfinsternis“ dargestellt worden ist. Auch Wassili Grossman, obwohl überzeugter Kommunist, wurde Verhören unterzogen. Er begann jedoch erst Jahre später, sich kritische Fragen zum Regime und zur Glaubwürdigkeit der kommunistischen Ideologie zu stellen.

"Eiserner Charakter des sowjetischen Menschen"

Als Hitler im Juni 1941 das Unternehmen „Barbarossa“ auslöste und die Sowjetunion überfiel, meldete sich Grossman freiwillig zur Roten Armee. Als Berichterstatter des „Roten Sterns“, der offiziellen russischen Armeezeitung, folgte er während drei Jahren dem Kriegsgeschehen. Meist befand er sich an vorderster Front und sprach  mit den Soldaten und ihren Kommandanten. In einem Tagebuch hielt er seine Eindrücke fest. Diese Notizen waren das Rohmaterial für die Artikel, die, nachdem sie die Zensur passiert hatten, im „Roten Stern“ abgedruckt wurden.

Den deutschen Anfangserfolgen zum Trotz zweifelte Grossmann nie am russischen Endsieg und glaubte, wie er im Tagebuch schreibt, an den „eisernen Charakter des sowjetischen Menschen“. Die Schlacht um Stalingrad verfolgte er aus nächster Nähe bis kurz vor der Kapitulation der Sechsten Armee des Generalfeldmarschalls Paulus im Januar 1943. Dann folgte er dem Vormarsch der Roten Armee westwärts, nahm an der Panzerschlacht von Kursk teil und gelangte in seine ukrainische Geburtsstadt Berditschew. Hier erfuhr er, dass die gesamte jüdische Bevölkerung, auch seine Mutter, nach dem Einmarsch der Deutschen umgebracht worden war. In Polen stiess die Rote Armee im Sommer 1944 auf die Konzentrationslager der Nazis. In Treblinka, wo von den 800′000 deportierten Juden noch etwa vierzig überlebt hatten, führte Grossman Gespräche mit den Opfern. Er verfasste unter dem Titel „Eine Hölle namens Treblinka“ einen detaillierten Bericht, der in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen als Quelle genutzt wurde. „Und mir scheint“, schreibt Grossman am Ende dieses Berichts, „das Herz müsste mir stehen bleiben, zusammengepresst von solcher Trauer und solchem Leid, die kein Mensch ertragen kann.“

"Robinsone"

Als Wassili Grossman nach Warschau gelangte, fand er eine Ruinenstadt Stadt vor, deren Bewohner entweder tot oder geflohen waren. In einem halb zerstörten Gebäude fand er verwahrloste Menschen vor, Juden und Polen, die er „Robinsone“ nannte, weil sie jahrelang fern aller Zivilisation hatten überleben müssen. Grossman nahm auch am Endkampf um Berlin teil. Sein Tagebuch schildert die Ruinenlandschaften, das Elend und die Angst der Bevölkerung, aber auch die blühenden Gärten in den Vorstädten und die zwischen den Trümmern spielenden Kinder. Geradezu gespenstisch wirkt sein Bericht da, wo er beschreibt, wie er zur Reichskanzlei und zum Büro des „Führers“ vordrang: „Hitlers Sessel und Schreibtisch“, lesen wir, „ein riesiger metallener Globus, umgestürzt und verbeult, herabgefallener Stuck, Wandtäfelung und Teppiche – alles liegt durcheinander. Das reine Chaos. Geschenke, Bücher mit Widmungen an den ‚Führer‘, Stempel und vieles andere.“

Nach Kriegsende erlitt Grossman einen Nervenzusammenbruch und zog sich auf seine Datscha bei Moskau zurück. Während längerer Zeit konnte er kein Wort mehr zu Papier bringen; aber langsam reifte in ihm der Plan, seine Erfahrung des deutsch-russischen Ringens in ein grosses literarisches Epos umzusetzen. Als Stalin 1953 starb und Nikita Chruschtschow drei Jahre später das Ende des Personenkults ankündigte, hoffte der Schriftsteller vergeblich auf eine Liberalisierung.

"Ideologisch schädlicher Roman"

Im Jahre 1960 schloss Wassili Grossman die Arbeit an seinem Hauptwerk ab. Er hatte mit der Niederschrift noch während des Krieges begonnen und konnte einen ersten Teil, freilich stark zensuriert, im Druck erscheinen lassen. Das Opus wuchs in fast zwanzig Jahren auf über tausend Seiten an und trug den schliesslich den lapidaren Titel „Leben und Schicksal“. Damit stellte sich Grossman selbstbewusst an die Seite von Lew Tolstojs „Krieg und Frieden“. Tolstoj hatte ein grossartiges Sittengemälde der russischen Gesellschaft zur Zeit der Napoleonischen Kriege geschaffen. Grossman, vom Meister sichtlich inspiriert, versuchte, es ihm gleichzutun und schuf das bedeutendste literarische Werk der russischen Literatur zum Zweiten Weltkrieg.

Doch wer sollte dieses monumentale Lebenswerk drucken? Im Jahre 1960 legte Grossman das Typoskript dem Redaktor einer Literaturzeitschrift vor, der sofort erkannte, dass dieses Buch so nicht gedruckt werden konnte. Zwar stand der Patriotismus seines Autors ausser Frage, und man konnte seinen Roman durchaus als sowjetisches Heldenepos lesen. Zugleich aber war Grossman ein kritischer Autor, der in Form und Inhalt von den Leitlinien des Sozialistischen Realismus deutlich abwich. Auch brachte das Buch Themen wie dasjenige der Judenverfolgung oder der Funktion der Politkommissare bei der kämpfenden Truppe zur Sprache, deren Behandlung dem Regime unwillkommen war. In einem persönlichen Schreiben an den Ersten Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Nikita Chruschtschow ersuchte Grossman um die Druckerlaubnis. „Meine heutige Lage, meine physische Freiheit“, schrieb er, „hat keinen Sinn, wenn sich das Buch, für das ich mein Leben gegeben habe, im Gefängnis befindet, denn ich habe es geschrieben, ich habe mich nicht von ihm losgesagt und sage mich nicht von ihm los.“ Daraufhin wurde Grossman vom Chefideologen der Partei, Michail Suslow empfangen, der ihm eröffnete, sein ideologisch schädlicher Roman würde frühestens in zweihundert Jahren gelesen werden können. Eine Prophezeiung, die, wie wir wissen, nicht eintraf.

Im Schweizer Verlag L’Age d’Homme herausgegeben

Die Verweigerung der Druckerlaubnis kam nicht überraschend. Man erinnerte sich zuständigen Orts an den Roman „Doktor Schiwago“, der im Ausland publiziert worden war und dessen Verfasser, Boris Pasternak, 1958 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden war. Eine Wiederholung dieses Vorfalls, der dem Ansehen der Sowjetunion erheblich schadete, sollte unbedingt vermieden werden. In der Moskauer Wohnung Grossmans erschienen eines Tages Beamte des Geheimdienstes KGB und konfiszierten die Reinschrift von „Leben und Schicksal“. Zwar gelang es auf abenteuerliche Weise, Mikrofilmkopien des Buches in den Westen zu schmuggeln; doch dort fand sich kein Verleger. Erst im Jahre 1977 überwand eine weitere Filmkopie des Werks den „Eisernen Vorhang“. Das Buch wurde ins Französische übersetzt und im Schweizer Verlag L’Age d’Homme herausgegeben. Das war im Jahre 1980. Der Verfasser war zu diesem Zeitpunkt seit fast zwei Jahrzehnten tot.

Der Roman „Leben und Schicksal“ schildert das Schicksal der Familie Schaposchnikow und ihrer Verwandten und Bekannten. Über siebzig Personen treten auf, und die Handlung spielt an verschiedenen Orten: an der Front und im Hinterland, in deutschen und in russischen Kommandozentralen, in Konzentrationslagern. Doch Stalingrad bleibt der Mittelpunkt des Geschehens, um den sich alles dreht und wo alles sich zuletzt entscheidet. Der Leser folgt der Handlung aus der wechselnden perspektivischen Sicht der Figuren. Freund und Feind kommen zur Sprache, Mächtige und Ohnmächtige, aber vor allem die Opfer, die ohne Schuld in den Strudel der Ereignisse hineingerissen worden sind. Das Tempo des Geschehens wechselt ständig; der Hektik der Kampfhandlungen folgen ruhigere Phasen der Besinnung und der Reflexion. Auch die Beleuchtung der Szenerie verändert sich; meist wirkt sie bedrohlich wie unter einem schweren Gewitterhimmel. Zuweilen durchdringt ein zaghafter Lichtschein das Gewölk, der eine Ahnung von Hoffnung und Zuversicht aufkommen lässt. Unerschütterlich aber bleibt, was immer auch an Schrecklichem sich ereignen mag, der Glaube des Autors an die Möglichkeit eines höheren Menschentums, das sich nicht im Sieg einer Ideologie oder im Recht des Stärkeren verwirklicht, sondern in der Liebe zwischen den Opfern.

Nationalsozialistische und kommunistische Verhörpraxis

Es muss hier genügen, ein paar Figuren des Romans hervorzuheben. Die Hauptfigur ist der jüdische Physiker Viktor Pawlowitsch Strum, der mit einem Team von Gelehrten an einem kriegswichtigen Forschungsprojekt arbeitet. Strum ist ein unpolitischer, weltfremder Mensch. Dass wissenschaftliche Forschung nationale und ideologische Grenzen überschreitet, versteht sich für ihn von selbst: Er misst seine Erkenntnisse an denen Galileis, Newtons und Einsteins. Damit gerät er in Konflikt mit dem marxistisch-leninistischen Wissenschaftsbegriff, der die Forschung ganz in den Dienst der Doktrin stellte. Strum droht in Ungnade zu fallen und Opfer einer perfiden Denunziation zu werden. Schutzlos fühlt er sich der Allmacht des Staates ausgeliefert. Ein telefonischer Anruf von Stalin persönlich festigt zwar seine Stellung am Forschungsinstitut, befreit ihn aber nicht von seiner inneren Unsicherheit. Seine Frau Ljudmila Nikolajewna ist ebenfalls Naturwissenschafterin. Sie verliert im Krieg Tolja, ihren Sohn aus erster Ehe, und das Kapitel, das schildert, wie sie an die Front reist und sich zum Grab ihres Kindes durchfrägt, gehört zu den berührendsten des Buches. Ludmila Nikolajewna kommt von diesem Verlust nie mehr los und leidet an der Egozentrik ihres Mannes. Tief bewegend ist auch das bis ins schmerzliche Detail geschilderte Schicksal der jüdischen Feldärztin Sofja Ossipowna Lewinton. Sie wird von den Deutschen festgenommen und deportiert. Bei der Selektion an der Rampe des Vernichtungslagers gibt sie sich nicht als Ärztin zu erkennen, sondern gesellt sich zu den andern Deportierten auf den Weg in die Gaskammer. Mit ihr geht ein Kind in den Tod, das seine Eltern verloren hat, David, der in der Hand eine Streichholzschachtel mit einer Raupe mit sich trägt, die er vor der Kälte zu schützen sucht.

Eindrücklich auf ganz andere Art ist auch das Schicksal des altgedienten Politkommissars Nikolai Grigorjewitsch Krymow. Solche ideologisch geschulten Politkommissare begleiteten die kämpfende Truppe und suchten deren Moral durch Referate zu stärken; fielen sie den Deutschen in die Hände, wurden sie, einem Führerbefehl entsprechend, umgebracht. Krymow wird, obwohl er sich keines Fehlverhaltens bewusst ist, denunziert und als „Abweichler“ verhaftet. Er wird in das berüchtigte Lubjanka-Gefängnis in Moskau überführt, wo ihm vorgeworfen wird, er habe das politische Bewusstsein der Frontkämpfer „zersetzt“ und damit Landesverrat begangen. Auf der anderen Seite der Front, in einem deutschen Konzentrationslager, widerfährt dem überzeugten Kommunisten Michail Sidorowitsch Mostowski ein ähnliches Schicksal. Er wird vom deutschen Lagerkommandanten, einem Obersturmbannführer, perfiden Verhören unterzogen, bleibt seinen Anschauungen aber treu und wird hingerichtet. Allein diese Gegenüberstellung nationalsozialistischer und kommunistischer Verhörpraxis musste den Argwohn der russischen Zensur wecken. Noch eine Vielzahl anderer Figuren treten auf. Besonders eindrücklich wirken die Porträts einzelner Soldaten und Kommandanten, von Menschen, die Grossman aus eigener Erfahrung schildern konnte.

Sich der Geschichte gestellt

Hin und wieder hält der Grossman den Gang seiner Erzählung an und fügt Abschnitte der Betrachtung und Reflexion ein. So äussert er sich etwa zur Weltpolitik der „Grossen Drei“, Stalin, Roosevelt und Churchill, zum deutschen und russischen Antisemitismus, zur Rolle des Menschen in der Weltgeschichte. „Der natürliche Freiheitsdrang des Menschen“, schreibt er etwa, „ist unauslöschlich; man kann ihn unterdrücken, doch ausmerzen kann man ihn nicht. Der Totalitarismus kann nicht auf Gewalt verzichten. Verzichtet er auf Gewalt, so bedeutet das seinen Untergang. Immerwährender, nie endender, offener oder getarnter Terror ist die Basis des Totalitarismus. Freiwillig verzichtet der Mensch nicht auf Freiheit. In dieser Kenntnis leuchtet ein Licht für unsere Zeit, ein Licht für die Zukunft.“ Diese Worte bezeichnen genau das Kernthema des Romans, das in vielen Variationen durchgespielt und abgewandelt wird.

Wassili Grossmans Roman „Leben und Schicksal“, der erst vor wenigen Jahren in deutscher Übersetzung erschien, wendet sich nicht an ein Publikum, das bloss unterhalten werden will. Das Buch verlangt den ernsthaften und geduldigen Leser, der nicht davon loskommt, dem Rätsel nachzusinnen, warum Menschen, dazu befähigt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, unter bestimmten Umständen immer wieder das Böse wählen. Weit bekannter als Grossmans Werk wurde Heinz G. Konsaliks „Der Arzt von Stalingrad“. Die Handlung von Konsaliks Romans spielt einige Jahre nach der grossen Kesselschlacht in einem Arbeitslager mit deutschen Kriegsgefangenen. Im Mittelpunkt steht ein deutscher Arzt, der, von den Russen wegen seiner Tüchtigkeit bewundert, das Ethos seines Berufs unter schwierigsten Bedingungen hochhält. Von den Verbrechen der deutschen Einsatzgruppen hinter der Front und von den Konzentrationslagern ist bei Konsalik nicht die Rede, wohl aber davon, dass der deutsche Soldat „nur seine Pflicht getan“ habe. Konsaliks Roman erreichte eine Auflage von gegen 80 Millionen Exemplaren und wurde in gegen vierzig Sprachen übersetzt. Das Buch erleichterte es der deutschen Kriegsgeneration, mit ihren Erfahrungen besser fertig zu werden. Wassili Grossmans Werk stellt sich der Geschichte; es verdrängt sie nicht.

Kommentare

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Lieber Herr Bitterli

Vielen Dank für diese tolle Rezension. Ich habe sie auf Facebook geteilt mit diesem Kommentar:

"Ein Jahrhundertbuch. Ich habe es nicht zu Ende gelesen, weil allein die Lektüre schon sehr belastend ist. Trotzdem: Grosse Literatur. Gute Rezension."

Roland Gröbli

SRF Archiv

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