Vuillard in Winterthur

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Vuillard in Winterthur

Von Urs Meier, 28.08.2014

Die Ausstellung des Kunstmuseums Winterthur zeigt ein zu Unrecht ziemlich vergessenes Werk. Eine faszinierende Malerpersönlichkeit ist zu entdecken.

In der heutigen Wahrnehmung ist Edouard Vuillard (1868-1940), anders als seine Malerfreunde Pierre Bonnard und Félix Vallotton, etwas aus dem Blickfeld geraten. Das hat gewiss mit dem Weg zu tun, den die künstlerische Entwicklung Vuillards genommen hat. Die neue Ausstellung im Kunstmuseum Winterthur mit ihren sechs thematischen Zyklen aus seinem Frühwerk räumt jedoch gründlich auf mit der Vorstellung, man habe es bei Vuillard mit einem zweitrangigen Künstler zu tun.

Abschied vom Impressionismus

Es war der Gauguin-Schüler Paul Sérusier (1864-1927), der in den Jahren 1888/89 die Künstlergruppe «Les Nabis» (der Name kommt vom hebräischen Wort für Propheten) gründete, zu der sich auch Vuillard zählte. Beeinflusst von Gauguin und van Gogh, wollten die Nabis den Impressionismus hinter sich lassen. Ihre Malerei galt nicht mehr den Erscheinungen und Wahrnehmungsprozessen. Vielmehr suchten die Nabis durch Darstellung der realen Dinge zu Bedeutungen und Sinngehalten vorzudringen.

Diese neue Kunstrichtung überschnitt sich mit der breiten und disparaten Strömung des Symbolismus, die in den Jahrzehnten direkt um die Jahrhundertwende in der Literatur und besonders in der bildenden Kunst den Zeitgeist repräsentierte. Zu den Nabis gehörten auch Vallotton und Bonnard, Vuillards späterer Schwager Ker-Xavier Roussel, Maurice Denis und andere.

Am Rand der Nabis-Gruppe

Das Kunstmuseum Winterthur macht mit gut fünfzig Gemälden Vuillards, hauptsächlich aus den Jahren 1892-1909, die entscheidende Phase eines künstlerischen Werdegangs sichtbar. An deren Anfang zeigen sich noch deutlich die impressionistischen und pointillistischen Einflüsse. Allerdings gilt das Augenmerk des Malers schon hier nicht primär dem Atmosphärischen oder den freischwebenden Licht- und Farbphänomenen, sondern den vorfindlichen Szenen mit ihren Lebenswelten und Beziehungskonstellationen. Selbst in der losen, eher durch Opposition zum Impressionismus als durch kunsttheoretische Kohärenz definierten Nabis-Gruppe nahm Vuillard mit seiner Malweise eine Randstellung ein.

Obschon Vuillards frühe Bilder innere Zustände und bedeutungsträchtige Dinge zeigen, fokussieren sie nicht auf Symbolik. Vielmehr geht es dem Künstler um die bildnerische Gestaltung seiner kleinen Welt: Mutter und Schwester (mit denen er zusammenlebt), das Nähatelier, bürgerliches Wohnen, Familienszenen. Erst kurz vor der Jahrhundertwende wagt er den Blick nach draussen, wobei die ersten Landschaften noch wie Interieurs aufgefasst sind.

Edouard Vuillard, 1868-1940: Intérieur, figure assise, 1893; Ölfarben auf Karton; Fitzwilliam Museum, University of Cambridge, © Kunstmuseum Winterthur
Edouard Vuillard, 1868-1940: Intérieur, figure assise, 1893; Ölfarben auf Karton; Fitzwilliam Museum, University of Cambridge, © Kunstmuseum Winterthur

Es mag eine kleine Welt sein, die er in den 1890er Jahren zu malen beginnt – beschaulich oder gar idyllisch ist sie indessen nicht. Vuillard ist kein Genre-Maler. Das kleinformatige Ölbild «Intérieur, figure assise» (1893) zeigt Vuillards Schwester Marie, die mit ihrem blaugrauen Kleid vor der blau gemusterten Tapete in dämmrigem Licht förmlich verschwindet. Trotzdem sind Haltung und Position der Figur spontan lesbar: ein verloren wirkender Mensch, traurig neben einem Tisch mit gelber Tischdecke sitzend, während im Hintergrund in der Helle sich der Betrieb des Nähateliers abspielt.

Summe von Akkorden

Mit dieser Szene erfasst Vuillard das triste Dasein der Schwester. Indem er ihre Gestalt ins Zentrum rückt und doch optisch fast verschwinden lässt, malt er das Schicksal einer Frau, die nichts als Ein- und Unterordnung kennt.

Zugleich gibt die Szene dem Künstler Anlass zu einem kühn komponierten Bild. Die Wand, vor der Marie sitzt, schiebt sich fast ins ganze Bildformat und lässt links nur einen engen Durchblick in den nächsten Raum. Dort ist eine andere Szene angedeutet, über deren Bezug zu Marie und ihrer deprimierten Haltung man rätseln kann. Es liegt nahe, in der mit weisser Bluse und schwarzem Jupe markierten Gestalt die Mutter zu vermuten, die starke Person im Haus, von Vuillard geliebt und verehrt und von seinen Malerfreunden hoch geachtet.

Mit der ingeniösen Bildorganisation und der Figurenkonstellation von «Intérieur, figure assise» stehen Palette und Malweise im Einklang. Farben und Pinselduktus sind in dem Sinn «symbolistisch» zu nennen, als sie das Drama der unscheinbaren, ja unsichtbaren Frau ausformulieren. Dabei gelangen Ausdrucksgehalt des Sujets und Formideal des Malers zu völliger Übereinstimmung. Als seine persönliche ästhetische Devise notierte der junge Vuillard nämlich im Tagebuch: «Ein Bild als eine Summe von Akkorden begreifen, indem man sich endgültig von der naturalistischen Auffassung abwendet.»

Diese Abwendung praktiziert Vuillard schon dadurch, dass er die Bildelemente seiner zahlreichen aus der mütterlichen Wohnung stammenden Interieurs nachweislich immer wieder frei komponiert. Räume, Türen, Fenster, Möbel unterliegen völlig den Zwecken der Bildgestaltung. Auch die Exterieurs, immer im Atelier gemalt, sind bei ihm keine «Ansichten», sondern eben «Akkorde». 

Abkehr von radikalen Reduktionen

Nach einer Phase des kühnen Experimentierens mit Landschaftsmotiven – in Winterthur mit dem abschliessenden Zyklus «In der Bretagne» gezeigt – wird sich Vuillard später wieder zum Inneren hin orientieren und mit seinen Porträts und Interieurs temporäre Berühmtheit erlangen. Auch in der Entwicklung der malerischen Form wird er sich quasi nach innen wenden: Nach einer kurzen Phase der formalen Radikalisierung in den Bretagne-Bildern unter dem auch für ihn stilbildenden Einfluss japanischer Holzschnitte kehrt Vuillard zu seiner individuellen Formensprache zurück, deren Möglichkeiten er in den letzten drei Jahrzehnten seines Schaffens auslotet und vorsichtig ausdehnt.

Die Bilder aus der kurzen Periode formaler und farblicher Reduktion von 1908/09 stellt Vuillard zeitlebens nicht aus. Es macht fast den Eindruck, als ob er den Ausbruch aus seinem Gehege ungeschehen machen wollte. Künstlerisch bleibt er ein Einzelgänger. Er schliesst sich keinen deklarierten Richtungen oder Ismen an, setzt sich aber mit ihnen auseinander und reagiert jeweils auf seine Weise.

Austausch unter Freunden

Die Winterthurer Ausstellung dokumentiert solche Austauschvorgänge, indem sie korrespondierende Werke der Freunde Bonnard und Vallotton neben Vuillards Bilder gehängt hat. Von Vallotton gibt es sogar ein Landschaftssujet, das auch Vuillard gemalt hat. Hat sich in dieser Freundschaft anscheinend das Gegensätzliche angezogen und bereichert, so zeigt sich in der Gegenüberstellung Bonnards beim Zyklus der Akte eher eine Verwandtschaft der Bildauffassungen und der künstlerischen Temperamente.

Vuillard wird als bescheidene, stille, fast schüchterne Person beschrieben. Die grosse Geste, die plakative Dramatik liegen ihm nicht. Oft sind die Menschen in seinen Bildern verborgen. Vuillards Zeitgenosse Julius Meier-Graefe, ein Kunsthistoriker, schrieb: «Es kann einem passieren, dass man eins seiner Interieurs monatelang bei sich hat und eines Tages noch irgendwo in der Ecke einen Menschen entdeckt und nicht nur einen Menschen, sondern eine ganze Geschichte.» – Genauso könnte es einem heute mit Vuillard ergehen: Man sieht seine Bilder, und eines Tages entdeckt man die Person dieses Künstlers samt seiner ganzen Geschichte.

 

Kunstmuseum Winterthur: Edouard Vuillard (1868-1940), 24. August bis 23. November 2014

Katalog: Dieter Schwarz (Hg.) mit Beiträgen von Noelle Paulson, Dieter Schwarz und Annabel Zettel, Nimbus, ISBN 978-3-03850-000-1

 

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