Das ist ein Krieg im Krieg. Oder besser gesagt, es ist ein sehr langer Krieg vor dem Krieg. Was Israel in diesen Tagen bei seinem Vorgehen gegen die Islamische Republik zustande bringt, wird die Militärhistoriker mit Sicherheit noch lange Zeit beschäftigen. Und man wird wahrscheinlich nicht alles erfahren, bis Jahre später in Memoiren eines Mossad Agenten einiges preisgegeben wird. Das ist beinahe ein Zusammenbruch des iranischen Geheimdienstes, wenn man heute die Einzelheiten liest, wie gestern Ali Larijani und Ismail Khatibzadeh getötet worden sind. Der einer war Chefstratege und der andere der oberste Geheimnisträger. Beide befanden sich vier Dekaden lang im inneren Kern der Entscheidungsträger.
Die Tiefe des Eindringens ins System, die Menge an Informationen, die Israel erreicht haben, sind einfach überwältigend, fast unglaublich. Larijani hatte sich in einer Wohnung im Teheraner Vorort Pardis versteckt. Das ist ein Stadtteil, deren Bewohner vom Alptraum sprechen, wenn sie über ihr Viertel reden: Häuser ohne Eigentumsurkunden, erschwerter Zugang zu kommunalen Dienstleistungen oder ständiger Lärm. Larijani wurde gestern hier zusammen mit seinem Sohn, seiner Tochter sowie einem seiner Stellvertreter und mehreren Leibwächtern getötet. Einige Stunden später und zehn Kilometer weiter wurde der Geheimdienstminister Ismail Chatibzadeh in einem Haus in einer verwinkelten Gasse in der Stadtteil Zafranieh getötet. Fast gleichzeitig wurde Gholamreza Soleimani, Chef der gefürchteten paramilitärischen Verbände Basij in einem Zeltlager im Zentrum der Stadt ausfindig gemacht und liquidiert.
Das Netz des Mossad
Ein Berg von Informationen müssen diesen drei Attentaten vorausgegangen sein, bevor die eigentlichen Akteure in Aktion traten. Und die Informanten müssen so hoch positioniert sein, dass an der Spitze des Regimes jeder jeden verdächtigt. Und das ist wiederum ein genuiner psychologischer Krieg, der jeden im System verunsichern sollte.
Der Mossad verfügt – nach allem, was man bislang weiss – über ein grosses Netz an klandestinen Mitarbeitern, das schon seit Jahren flächendeckend gegen die Islamische Republik agiert und sich offenbar aus mehreren iranischen Quellen speist.
Das, was wir dieser Tage erleben, ist der zweite Krieg innerhalb neun Monaten, beim dem Israel jedes Mal und schon am ersten Tag die wichtigsten Leute eliminiert. Vor dem Krieg im vergangenen Juni hatte man im Vorfeld eine geheime Basis errichtet, auf der man Drohnen lagerte, die zuvor ins Land geschmuggelt worden waren. Die präzisionsgesteuerten Waffen wurde in der Nähe iranischer Boden-Luft-Raketensysteme positioniert und beim Beginn der Offensive eingesetzt. Die iranische Luftabwehr war damit praktisch neutralisiert.
Angriff am Sabbat
Man muss sich den Namen und deren Positionen in Erinnerung rufen, die schon am ersten Tag eliminiert wurden: Generalmajor Mohammad Bagheri, Stabschef der iranischen Streitkräfte und Architekt der iranischen Doktrinen für Drohnen- und Cyberkriegsführung, Generalmajor Hossein Salami, Kommandeur der Revolutionsgarden Generalmajor Gholam Ali Rashid, Leiter der Militäroperationen, Abbasi Davani Schlüsselfigur der Nuklearplanung, Mehdi Tehranchi, der Kernphysiker, der geheime Forschungen leitete. Und fast alle diese hochrangigen Militärs wurden in unterschiedlichen Stadtteilen in ihren Schlafzimmern getötet, denn es war kurz nach Mitternacht.
Ähnlich verhält es sich beim aktuellen Krieg. Schon am ersten Tag wurden der mächtigste Mann des Landes, samt seiner wichtigen Militärberater und fast seiner gesamten Familie getötet. Dieser spektakulären Aktion muss wiederum ein so grosser Berg an Kenntnissen vorausgegangen sein, die einfach erdrückend spektakulär sind. Es war ein Samstagvormittag. Dass Israel am Sabbat und am helllichten Tag angreifen würde, damit hatte Ali Khamenei nicht gerechnet, als er an diesem Tag alle seine Berater in seinem Haus versammelt hatte, denn er rechnete schon damit, dass jeder Zeit der Krieg beginnen könnte, weil Tage zuvor die Verhandlungen mit den USA ergebnislos geendet hatten.
Wer informierte aber Israel von diesem Treffen im Hause Khamenei? Jahre werden wir wahrscheinlich warten müssen, bis wir es erfahren.