Direkt zum Inhalt
  • Politik
  • Kultur
  • Wirtschaft
  • Gesellschaft
  • Medien
  • Über uns
close
Jürgen Habermas

Martin Meyer vs. Jürgen Habermas

18. März 2026
Urs Meier
Habermas

Martin Meyer, Ex-Feuilletonchef der NZZ, mag Jürgen Habermas ganz und gar nicht. Das hat er in einem etwas speziellen Nachruf auf den am 14. März mit 96 Jahren verstorbenen Philosophen deutlich kundgetan. Den Ton setzt er gleich zu Beginn des am 17. März in der NZZ erschienenen Artikels:

«Gäbe es für Philosophen den Lorbeer für Ehrgeiz und Fleiss, so wäre Jürgen Habermas (…) ein Preisträger allerersten Ranges gewesen.»

Ehrgeiz und Fleiss werden ihm als hervorstechendste Eigenschaften attestiert. Das ist als Würdigung eines Philosophen vernichtend. Und Meyer lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, dass es ihm um nichts anderes geht, denn kurz danach kommt es noch schlimmer:

«Das Pathos der Erlösung (…) fand in Habermas einen diskussionsfreudigen, rüstigen Buchhalter, der pausenlos analysierte und bilanzierte, doch allerdings wie die meisten anderen Hüter der einzig richtigen Moral Widerspruch nur ungern akzeptierte. Er thronte in seinem eigenen Olymp.»

Voilà, ein Buchhalter also, kein Philosoph, und zudem ein autoritärer und arroganter Rechthaber mit einer Aversion gegen Widerspruch. Der Titel der Meyerschen Polemik apostrophiert den Verstorbenen gar als den Moralisten einer Epoche. Nähere Kenntnis des Habermas’schen Werks lässt die Suada allerdings nicht vermuten. Ihn als «Hüter der einzig richtigen Moral» zu apostrophieren, ist ein plumpes Foul, das seine lebenslange philosophische Arbeit an der Verbindung von Vernunft und Moral ins Lächerliche zieht. Und natürlich funktioniert das am besten, wenn man ausser ein paar Schlagworten nichts von dem zur Kenntnis nimmt, was Habermas beispielsweise in seinem Hauptwerk «Theorie des kommunikativen Handelns» geforscht und entwickelt hat. Martin Meyer überdeckt diese Lücke mit seiner Meisterschaft der fetzigen Phrasen:

«Habermas’ berühmt gewordene Formel vom herrschaftsfreien Diskurs wurde zum Weihwasser für alle möglichen und unmöglichen Formen von Konfliktlösung, auch wenn sie schon in den Seminarräumen von Frankfurt bis Berkeley nur selten funktionierte.»

Eine weitere Waffe neben der giftigen Pointe ist das vielsagende Raunen. Ohne es direkt auszusprechen, lässt Martin Meyer die Leser mit ahnen, das grosse Echo, das Habermas gefunden hat, könnte auf zwielichtigen Mitteln beruhen, mit denen sich Habermas eine fast nicht mehr angreifbare Position verschafft habe – sei es durch Besetzung von Einflusspositionen seines fachlichen Reviers mit Parteigängern, sei es durch eine moralische Überhöhung seiner Ansichten, die andere Sichtweisen zum vornherein disqualifiziert. Solcherlei Vorwürfe sind zwar wirkungsvoll, aber auch ein bisschen riskant. Denn äussert man sie direkt, so wird möglicherweise nach Belegen gefragt. Um das zu vermeiden, empfiehlt sich eine Rhetorik des Andeutens. Bei Martin Meyer liest sich das zum Beispiel so:

«Ab den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts wurde es riskant, Habermas zu kritisieren. Dieser verkörperte nunmehr in Monopolstellung das richtige philosophische Gewissen des gut gewordenen Deutschen.»

Ein monopolistischer Moralist also? Zweifellos hatte Habermas lange Zeit einen immensen Einfluss, doch er stand immer auch in Konkurrenzverhältnissen, man denke nur an Luhmann und Foucault. Die geistige Landschaft Europas war immer polyzentrisch, und Habermas nahm diese Vielstimmigkeit seiner Fachgebiete interessiert und engagiert wahr. Ja, er lebte von diesem intensiven, manchmal kollegialen und gelegentlich auch kontroversen Austausch. In seinen Arbeiten sind diese Prozesse detailliert beschrieben – was die Lektüre seiner Bücher mitunter anstrengend macht. 

Der Polemiker Meyer nutzt auch diesen Umstand für eine Breitseite. Habermas habe es an Originalität gefehlt. Als intellektuelle Referenz habe er nur getaugt, «sofern man nicht genauer nachzufragen wagte, was es mit seiner vielseitig diffundierenden Begrifflichkeit auf sich hatte». Meyer ist sich nicht zu schade, seine schummrige Rhetorik auf die Spitze zu treiben: «Zuletzt erinnerte uns Jürgen Habermas an das Orakel der Pythia. Jede seiner Aussagen und Verlautbarungen erhielt den Anstrich der Offenbarung.»

Habermas sei, so Meyer, trotz seiner Position als «Orakel» und der Hochschätzung seiner Werke als «Offenbarung» nichts weiter als ein Sammler der geistigen Früchte anderer gewesen. Er habe als geschickter Eklektiker alle möglichen Ideen und Strömungen assimiliert, so wie er auch sich selber stets dem herrschenden Zeitgeist – erst dem des Spätmarxismus, dann jenem der linksliberalen Bürgerlichkeit – angepasst habe. Das passt Martin Meyer deshalb nicht, weil Habermas nie in der konservativen Bürgerlichkeit zuhause war, also im Habitat eines Hermann Lübbe, den Meyer quasi als Kronzeugen gegen Habermas aufruft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Lübbe, obwohl er mit dem verstorbenen Kollegen sicher selten einig war, sich über diese Vereinnahmung freut.

Moralismus ist ein Standardvorwurf von konservativ-liberaler Seite gegen alles, was bei der Gegenwartsanalyse moralisch-ethische Kriterien einbezieht. Zum gegenwärtigen Kurs der NZZ-Chefredaktion, den Meyer im Hintergrund noch immer beeinflusst, gehört dieses Standardargument, sei es in Auseinandersetzung mit Fragen der Klimapolitik, des Völkerrechts und generell der Funktion von Werten in der Politik, sei es auch in Fragen von Unternehmensethik oder Konzernverantwortung. Wann immer ein ethisches Argument als Störfaktor im reibungslosen Funktionieren von Markt- und Machtverhältnissen auftaucht, wird dieses als «Moralismus» abqualifiziert.

Habermas hätte vielleicht entgegnet, dass seit Kant im Begriff der Vernunft auch die moralische Dimension enthalten sei und dass die Aufklärung ohne diese Voraussetzung nicht denkbar sei. Wenn Meyer diese Position attackiert mit der Bemerkung, Habermas hätte den Mut haben sollen, auch mal «Ausflüge in die Phänomenologie der Unvernunft» zu unternehmen, um ein komplexeres Bild der menschlichen Wirklichkeit zu gewinnen, so hat er damit durchaus einen Punkt. Habermas ist der Auseinandersetzung mit dunklen, vom Licht der Aufklärung übergangenen Zonen des Seins und des Sozialen eher ausgewichen. So spielt Nietzsche in seiner Genealogie des Verhältnisses von Glauben und Wissen bezeichnenderweise nur eine Nebenrolle.

Unter diesem Aspekt eine Auseinandersetzung mit dem Habermas’schen Werk zu skizzieren, das wäre eine valable und produktive Würdigung seiner Philosophie gewesen. Doch Meyer geht es nicht um Würdigung, sondern um Abrechnung, und zwar nicht mittels Abwägung, sondern durch Verächtlichmachen. Darauf versteht er sich, und er hat die rhetorischen Mittel, um dieser Vernichtung eine gewisse stilistische Eleganz zu verleihen. Doch es ist nicht die Eleganz des intellektuellen Diskurses, sondern die eines Herrenreiters.

Martin Meyer, Jürgen Habermas: Moralist einer Epoche, NZZ, 17. März 2026

 


 

Ähnliche Artikel

Der Denker des Westens

Urs Meier 15. März 2026

Letzte Artikel

Tiefer geht es nicht: Mossads Eindringen ins Innere des iranischen Systems

Ali Sadrzadeh 18. März 2026

Volksschule als ideologische Kampfarena

Markus Mohler 18. März 2026

Wohin? Gibt es einen Zufluchtsort?

Ali Sadrzadeh 18. März 2026

Die Robotisierung des Menschen

Stephan Wehowsky 18. März 2026

Zum Tod von Ali Larijani und Gholamreza Soleimani

Ali Sadrzadeh 17. März 2026

Kulturschaffende in der DDR – Was war möglich?

Tim Guldimann 17. März 2026

Newsletter abonnieren

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Zurück zur Startseite
Leserbrief schreiben
Journal 21 Logo

Journal 21
Journalistischer Mehrwert

  • Kontakt
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Newsletter
To top

© Journal21, 2021. Alle Rechte vorbehalten. Erstellt mit PRIMER - powered by Drupal.