Vom Popstar zur Leitfigur

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Vom Popstar zur Leitfigur

Von Stephan Wehowsky, 05.12.2019

Auf ihrem Weg zur Weltklimakonferenz nach Madrid ist Greta Thunberg eine bittere Erkenntnis gekommen.

Zweimal hatte sie den Atlantik auf Hightech-Katamaranen mittels Windkraft überquert, denn die Weltklimakonferenz sollte ursprünglich in Santiago de Chile stattfinden. Aber auch die letzten 600 Kilometer zwischen Lissabon und Madrid stellen ein spezielles Problem dar, weil es keine durchgehend elektrifizierte Bahnverbindung gibt. Angeblich hat ihr eine religiöse Gruppe dafür einen Esel zur Verfügung stellen wollen.

Nach ihrer Ankunft in Lissabon sagte Greta Thunberg gegenüber den Medien, was sie in Madrid den Politikern als „klare Botschaft“ übermitteln wolle: „Es ist unmöglich, heute nachhaltig zu leben, und das muss sich ändern.“ Mit dieser Einsicht könnte Greta Thunberg vom blossen Popstar der Klimabewegung zu einer wirklichen Leitfigur gerade für die jüngere Generation werden. Denn es braucht die Initiative und Innovationskraft junger Leute, um aufgrund dieser Problematik nicht einfach zur resignieren und zynisch weiterzumachen wie bisher. Greta Thunberg könnte hier glaubwürdig Impulse setzen.

Wie jetzt in Madrid wieder deutlich wurde, haben die bisherigen Bekenntnisse zum Klimaschutz und der Begrenzung der Treibhausgase das weitere Ansteigen nicht verhindern können. Und jeder Politiker weiss, dass zwar die meisten für den Umweltschutz sind, aber wenn es um konkrete Massnahmen geht, schwindet die Mehrheit dahin wie das Eis in der Arktis. Die unbequeme Wahrheit besteht darin, dass ohne ein tiefgreifendes Umdenken jedes Einzelnen und eine Änderung des Lebensstils wenig bis gar nichts erreicht wird.

Die Änderung des Lebensstils aber geht zumeist von der jeweils jüngeren Generation aus. Sie ist es, die protestiert und neue Ideen und Leitbilder entwickelt. Greta Thunberg hat erkannt, dass es das Paradies der Nachhaltigkeit nicht gibt. Aber sie könnte ihre Generation dazu ermuntern, neue Wege für einen weniger schädigenden Lebensstil zu bahnen. Das wäre gar nicht einmal so neu. Organisationen wie Greenpeace entsprangen der Initiative junger Aktivisten.

Mut zur Veränderung und Mut zum Anpacken an Stelle von Protesten, die auf die Dauer leer laufen werden: Das ist die Gesellschaftsveränderung, die sich nicht von Politikern per Gesetz verordnen lässt und ohne die keines der Nachhaltigkeitsziele je erreicht werden wird. Für diese Veränderung braucht es Leitfiguren wie Greta Thunberg. Die junge Generation hat es sich viel zu lange in der Konsumwelt ihrer Eltern bequem gemacht.

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Kommentare

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Laut einer Studie soll das Internet inkl. SMS, WhatsApp etc. eben soviel Co2 verursachen wie der weltweite Flugverkehr. Beim Flugverkehr redet die Politik von zusätzlichen Gebühren auf Flugtickets. Folgerichtig müssten also auch Gebühren auf Internet usw erhoben oder dessen Nutzung eingeschränkt werden. Hier müssten wir von FFF+Co verbindliche Vorschläge erwarten können - anstelle von Demonstrationen und Strassenblockaden!

@ Hans Rudolf Knecht - 06.12.2019 10:15

Hallo Herr Knecht,

Zunächst müssten Sie erläutern, was „verbindliche Vorschläge“ sein sollen. Wie Sie sicher wissen, sind die Aktivisten von FfF nirgendwo an einer Regierung beteiligt.

Der exorbitante Stromverbrauch (und damit der hohe CO-Abdruck) durch die vielen Funktionen des Internet ist bekannt. Dass Sie „SMS, WhatsApp etc.“ erwähnen weist darauf hin, dass es Ihnen bevorzugt um die Funktionen geht, die gerade von jungen Leuten genutzt werden. Sie übersehen dabei all die Funktionen, die im Geschäftsbereich, im politischen und im militärischen Zusammenhang aktiv sind. Und Sie übersehen, dass ein beträchtlicher Teil des hohen Stromverbrauchs nicht durch die originären Funktionen von „SMS, WhatsApp etc.“ verursacht wird, sondern durch die dahinterliegenden Aktivitäten der Anbieter zur Datensammlung und -auswertung. Diese sind durchaus fragwürdig und werden zu Recht kritisiert – was genauso folgenlos bleibt bei den politischen Entscheidungsträgern wie der Protest gegen die ausbleibenden Klimaschutzbemühungen. Es geht halt ums Geschäft.

Der derzeitige Trend in der Geschäftswelt, die geschäftlichen Daten in die Cloud auszulagern, verschärft die Situation zusätzlich. Dieser Trend wird aber massiv von den Anbietern (namentlich Microsoft – siehe deren Office, aber auch Amazon und andere) beworben und verstärkt, teilweise durchaus mit administerieller Unterstützung.

Nicht zuletzt wurden und werden auch erhebliche Serverkapazitäten aufgebaut, um das „Internet of Things“ zu erstellen: Jeder Staubsaugroboter sendet bei jeder Benutzung Daten in irgend eine Cloud, jeder neuzeitliche Fernseher tut das, jedes neuzeitliche Kraftfahrzeug tut das. Sogar gewisse Glühbirnen tun das inzwischen („intelligentes Haus“), moderne Heizungen sowieso und die Liste der Beispiele wird immer länger. Haben Sie schon „smarte“ Stromzähler? Die tun das auch.

In der Tat ist das eine bedenkliche Entwicklung, sowohl hinsichtlich der CO-Problematik als auch hinsichtlich des Datenschutzes für die Bürger.

Da ist es wenig hilfreich, nur auf gewisse Kommunikationsmittel für Privatleute zu schauen, die scheinbar(!) überwiegend von „jungen“ Leuten genutzt werden. Das Problem hat eine ganz andere Dimension. Dass auch Thunberg das erkannt hat, entnehmen Sie diesem Artikel hier, unter dem unsere Beiträge stehen. Sie ist nicht die einzige, wie ich Ihnen versichere. FfF hat mehr drauf, als manche meinen.

Die bei echtem Willen zur Abwendung einer Klimakatastrophe notwendigen Veränderungen für uns alle sind übrigens auch größer, als manche meinen.

Mit freundlichen Grüßen
Lutz Krumm, 66 Jahre

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