Verlorenes und wiedergewonnenes Paradies

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Verlorenes und wiedergewonnenes Paradies

Von Ignaz Staub, 14.09.2016

In Teheran öffnet eine Ausstellung mit Luftbildern von Georg Gerster ihre Pforten. Als Dank für ihre Unterstützung schenkt der Fotograf den Gastgebern seine Aufnahmen.

„Iran durch die Augen Homas“ lautet der Titel der Ausstellung, die vom 16. September bis zum 1. Oktober 2016, in Anwesenheit des Fotografen, im Kulturzentrum Niavaran im Norden Teherans und anschliessend in weiteren iranischen Städten zu sehen ist. In der persischen Mythologie ist der Homa – halb Adler, halb Paradiesvogel – ein Symbol des Segens und der Freude, dessen Schatten Glück spendet. Der legendäre Vogel ist auch Emblem der nationalen Fluggesellschaft der Islamischen Republik.

Architektur ohne Archtekten

An den Homa hat Georg Gerster gedacht, als er einst auf Reisen Iran überflog und in ihm die Überzeugung reifte, die Landschaften des damaligen Kaiserreichs mit ihren Salzwüsten, ihren paradiesisch anmutenden Gärten und den öden, windumtosten Landstrichen seien prädestiniert, um von der Luft aus gesehen zu werden: „Die Siedlungen (Persiens) sind Schulbeispiele von Architektur ohne einen Architekten, und die Qanate, Untergrund-Aquädukte, bilden grafische Muster.“ Im Herbst 1975 gab der Fotograf persönlich am persischen Kaiserhof einen Brief ab, im welchem er vorschlug, ein Buch unter dem Titel „Persien durch die Augen des Homa“ zu realisieren.

Zum Jahresende kam das Grüne Licht aus Teheran. Kaiserin Farah Diba hatte das Projekt bejaht und dem PR-Chef der „Iran Air“ übergeben. Der Imperial Aero Club stellte einen zweimotorigen Britten-Norman BN 2 „Islander“ zur Verfügung und für Georg Gerster, den der deutsche Archäologe Dr. Dietrich Huff auf den Flügen über Iran begleitete, konnte das Abenteuer beginnen – jeweils im Heck des Flugzeugs, halb sitzend und halb liegend, neben der ausgehängten Frachttüre. Es war nicht eben eine bequeme Position, aber eine mit fast uneingeschränktem Gesichtsfeld und halbwegs erträglichem Fahrtwind.

Frühling im Hochland

An eine Unterhaltung mit dem Archäologen, der im Cockpit hinter den beiden Piloten sass, war angesichts des Motorenlärms nicht zu denken – es sei denn, der Captain stellte kurz die Motoren ab und der „Islander“ verwandelte sich vorübergehend in ein Segelflugzeug. Es war ein Vorgehen, das den Fotografen jeweils erschreckte, dem Piloten aber sichtlich Vergnügen bereitete. Der landete einmal, nur so zum Spass, auch auf der Autobahn zwischen Teheran und Mashhad und verflog sich mehrmals über die iranische Grenze in die Sowjetunion, wo auf Reklametafeln für Pepsi Cola die kyrillische Schrift zu erkennen war.

Es war also fast ein Wunder, dass Georg Gerster zwischen dem 11. April 1976 und dem 30. Mai 1978 im ganzen Land ohne grössere Zwischenfälle mehr als 100 Flüge und insgesamt 300 Flugstunden hinter sich bringen konnte. Dabei zog er so weit wie möglich auch den Wechsel der Jahreszeiten in Betracht, was zu unerwarteten Entdeckungen führte: „Der Frühling im Hochland von Aserbeidschan ist eines der schönsten Spektakel, die die Erde zu bieten hat.“ Doch 1979 wühlte die Islamische Revolution Iran sowie die Welt auf, und es sollte 30 Jahre dauern, bis das geplante Buch Wirklichkeit wurde. Die junge Islamische Republik hatte andere Prioritäten – nicht zuletzt führte sie seit 1980 am Golf einen langjährigen Krieg mit dem Irak.

In Teheran sind nun erstmals die Ergebnisse von Georg Gersters damaliger Arbeit im Original zu sehen: 124 Luftbilder, die meisten im Format 80 x 120 cm. Unter ihnen sind Aufnahmen, wie sie ausser in Bildbänden jüngst auch in der Galerie Fabian & Claude Walter in Zürich oder unter der Rubrik „Unesco Weltkulturerbe“ seit 2012 im „Journal21“ zu sehen waren. So unlängst etwa das 1977 aufgenommene Luftbild des Bagh-e Shahzadeh, des in den 1890er Jahren fertig erbauten „Prinzengartens“ bei Mahan in der Provinz Kerman – einer von neun iranischen Gärten, welche die Unesco auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt hat.

„Persien“, kommentiert der Fotograf seine Aufnahme, „schenkte uns nicht den Garten, aber es schenkte uns das Paradies, jedenfalls das Wort.“ Das altpersische Wort pari daiza habe eigentlich nur einen ummauerten Raum gemeint, aber die Griechen hätten den Jagdgarten der persischen Könige paradeisos genannt. In Mahan, so Georg Gerster, finde der persische Garten, der anders als sein europäisches Pendant seiner Umgebung sperrig widerspricht, zu sich selbst: „Kahle, sengende, tote Wüste wird durch Magie in schattig kühles Duften und Fruchten verwandelt – das Fegfeuer ins Paradies.“

Ebenfalls im „Journal21“ zu sehen und von Georg Gerster wie gewohnt konzis und kompetent kommentiert war die 1976 entstandene Aufnahme des 2'200 Meter hoch gelegenen Feuerheiligtums Takht-i Suleiman (d. h. der „Thron Salomos“) – ein Wallfahrtsort, den im 5. und 6. Jh. n. Chr. auch die frisch inthronisierten Sassanidenkönige aus dem 500 Kilometer entfernten Ktesiphon bei Bagdad aufzusuchen pflegten, um dem „Feuer des Hengstes“ die Ehre zu erweisen.

Das früher nur schwer zugängliche Takht-i Suleiman in der Provinz Aserbeidschan, das die Unesco 2003 als Weltkulturerbe deklariert hat, ist inzwischen zum beliebtesten Reiseziel im Nordwesten Irans geworden – mit allen entsprechenden Begleiterscheinungen: „Das reimt sich eigentlich schlecht mit dem Umstand, dass die zoroastrische Lichtreligion bei schiitischen Muslimen wenig gelitten, um nicht zu sagen: verhasst ist.“

Ungebrochene Begeisterung

Er habe, sagt Georg Gerster zu seiner jüngsten Ausstellung, seinerzeit die einzigartige Gelegenheit gehabt, Persien und dessen archäologische Stätte durch die Augen des Homa zu sehen. Deshalb wolle er sich heute erkenntlich zeigen und seine Luftbilder der Islamischen Republik schenken – eine Gabe, die zweifellos zum interkulturellen Verständnis zwischen Ost und West beiträgt: „Obwohl ich von Zeit zu Zeit landen musste, auf stundenlangen Flügen, in deren Verlauf sich die Erde unter mir wie durch ein Wunder in ein Kunstwerk verwandelte, glaubte ich, Homas Präsenz zu spüren.“

Er sei, schreibt Georg Gerster 2003 im Buch „Flug in die Vergangenheit“ (Schirmer/Mosel München), trotz tausender von Flugstunden noch immer ein blosser Mitflieger und habe sich nie um ein Flugbrevet bemüht. Das sei ihm selber zwar unverständlich, gereiche seinen Mitmenschen am Boden aber zum Vorteil: „Jeder Flug rührt mich auf; in vierzig Jahren habe ich es nicht zustande gebracht, meine Begeisterung zu zügeln, wenn bei jeder Überhöhung die Erde sich immer wieder neu dramatisch verwandelt. Ich bin also auf Piloten angewiesen, die ob des Sehens nicht das Fliegen vernachlässigen.“

Als Fotograf und zeitgenössischer Pionier der Luftbildarchäologie ist Georg Gerster nicht auf fremde Hilfe angewiesen. Seit seinem ersten Fotoflug, in einer gemieteten Cessna 1963 über dem Sudan, hat der 88-Jährige unzählige „visuell aufregende Gratwanderungen zwischen Information und Abstraktion“ unternommen – im Alleingang und ohne je abzustürzen: „ Als Flugfotograf suche ich, was ich nicht verloren habe, und finde, was ich nicht suche.“ In Iran hat Georg Gerster, zumindest fotografisch, das Paradies gefunden. Was will einer mehr?

Quellen: „The Guardian“, PD, Wikipedia

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