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Gaza

«Tote, die zu zählen sich nicht lohnt»

2. Februar 2026
Ignaz Staub
Ignaz Staub
Deir al-Balah
Trauer nach einem israelischen Angriff in Deir al-Balah im zentralen Gazastreifen (Keystone/AP/Kareem Hana)

Einen Tag vor der geplanten Öffnung des Grenzübergans in Rafah töten Luftangriffe der israelischen Armee (IDF) in Gaza mindestens 32 Menschen, in der Mehrheit Frauen und Kinder. Damit steigt die Zahl der palästinensischen Todesopfer im Küstenstreifen seit Beginn der Waffenruhe im Oktober auf über 500. Indes haben die IDF erstmals die lange Zeit als pure Propaganda bezeichneten Opferzahlen des Gesundheitsministeriums in Gaza bestätigt.

Ein erster Luftangriff Israels am Samstag galt einer Polizeistation westlich von Gaza-City und tötete zehn Beamte und Inhaftierte. Ein zweiter Luftschlag traf ein Zelt der Familie Abu Hadayed in Kahn Younis im Süden Gazas und tötete sieben Menschen: den Vater, drei Kinder und drei Grosskinder. 

Ein dritter Luftangriff galt einem Apartment in Gaza City und tötete drei Kinder und zwei Frauen. «Wir haben meine drei kleinen Nichten tot auf der Strasse gefunden. Sie sagen, es herrsche eine Waffenruhe und alles», sagte Samer al-Atbash, ein Onkel der getöteten Mädchen: «Was haben diese Kinder getan? Was haben wir getan?» Getroffen wurden den IDF zufolge auch Waffenlager der Hamas, Werkstätten und Abschussvorrichtungen für Raketen.

«Waffenstillstandsabkommen verletzt»

Die israelische Armee teilte mit, die Luftangriffe seien in Reaktion auf einen Vorfall erfolgt, bei dem am Tag zuvor acht Bewaffnete aus einem Tunnel in Rafah im Süden Gazas aufgetaucht sein, in einem Gebiet das die IDF kontrollieren. Die Bewaffneten, hiess es, hätten so das Waffenstillstabkommen verletzt. Ägypten verurteilte die Attacken seinerseits als «wiederholte Verletzungen» der Waffenruhe», was auch die Hamas tat.

Mit den am Samstag Getöteten wächst die Zahl der Palästinenserinnen und Palästinenser, welche die IDF trotz des im Oktober in Kraft getretenen Waffenstillstandsabkommens in Gaza getötet haben, auf über 500 Menschen. Einem Offiziellen der IDF zufolge hat die israelische Armee vergangene Woche erstmals die Zahl von 71’660 Menschen bestätigt, die sie seit Beginn des Krieges in Gaza am 7. Oktober nach dem Massaker der Hamas getötet hat – eine Meldung übrigens, die regierungsnahe TV-Nachrichtesendungen nicht einer Erwähnung wert fanden. 

Propagandavorwurf Premier Netanjahus

Nicht aufgeführt in der Statistik der IDF sind Palästinenserinnen und Palästinenser, die vermisst werden, die verhungert oder an Krankheiten gestorben sind, die sich aufgrund des Krieges verschlimmert haben. Mehreren unabhängigen Quellen zufolge dürfte die Zahl der Opfer in Gaza in Wirklichkeit noch höher liegen und sich um die 100’000 bewegen. 

Israelische Offizielle und Medien hatten während mehr als 28 Monaten die Zahlen des Gesundheitsministeriums in Gaza als «Propaganda der Hamas» abgetan und sie als «ungenau», «unglaubwürdig» oder «unzuverlässig» bezeichnet. Bereits im November 2023 hatte Mark Regev, der Pressesprecher Benjamin Netanjahus gefordert, das palästinensische Gesundheitsministerium stets als «von der Hamas kontrolliert» zu nennen, d. h. zu suggerieren, dessen Zahlen seien allein Propaganda der Hamas. US-Präsident Joe Biden selbst sagte am 25. Oktober 2023: «Ich habe nicht den Eindruck, dass die Palästinenser die Wahrheit sagen, was die Zahl der getöteten Menschen betrifft.»

Ein tiefsitzender Rassismus?

Mark Regevs Aufforderung war Teil einer Taktik, der nicht nur rechte Medien wie «The Daily Telegraph» in Grossbritannien oder Fox News in den USA gehorchten, sondern auch sogenannt liberale Medien wie die BBC. Eine im Juni 2025 publizierte Studie des britischen Centre for Media Monitoring (CfMM), das sich für eine faire und verantwortungsvolle Berichterstattung über Muslime und den Islam einsetzt, hat ergeben, dass die BBC den Zusatz «von der Hamas kontrolliert» im Kontext palästinensischer Opferzahlen in nicht weniger als 1’155 Fällen verwendet hat, «fast ebenso häufig, wie die Zahl der palästinensischen Opfer in Beiträgen der BBC erwähnt wurde».

«Und wieviel dieser reflexartigen Missachtung palästinensischer Opferzahlen, des Minimierens einer historischen Zahl von Toten und der Verachtung des Gesundheitsministeriums in Gaza, hatte überhaupt mit dem Umstand zu tun, getäuscht zu werden», schreibt der früherer Fernsehmoderator Mehdi Hasan auf seiner Plattform «Zeteo»: «Wieviel davon widerspiegelt etwas viel Hässlicheres: einen tiefsitzenden Rassismus, eine Bereitschaft, Palästinenser und Palästinenserinnen zu entmenschlichen, sie als ‘Unmenschen’ zu betrachten – als Leben ohne Wert, als Tode, die zu zählen sich nicht lohnt?»

83 Prozent der Opfer Zivilisten?

«Welche anderen Beschuldigungen könnten sich noch als wahr herausstellen», fragte indes die Tageszeitung «Haaretz»: «Die israelische Öffentlichkeit muss sich fragen, was dieses verspätete Eingeständnis über die Glaubwürdigkeit der Armee und Regierung aussagt, was Israels Vorgehen in Gaza betrifft: von Feuer-Frei-Zonen über den Missbrauch palästinensischer Gefangener und Plünderungen bis hin zur Positionierung von Spitälern und Einrichtungen der Hamas.» Noch allerdings mag sich ein Armeesprecher nicht öffentlich zu den Zahlen äussern, die der Offizielle Medienschaffenden gegenüber genannt: «Die bekannt gegebenen Einzelheiten spiegeln die nicht offiziellen Daten der IDF wider.» 

Gazas Gesundheitsministerium zufolge sind mehr als zwei Drittel der im Krieg getöteten Menschen Zivilisten, während Ministerpräsident Benjamin Netanjahu stets behauptet hat, die Hälfte der in Gaza Getöteten seien Kämpfer. Derweil unterscheidet die Statistik der palästinensischen Behörde nicht zwischen Kämpfern und Zivilisten. Laut einer diese Woche publizierten Studie der britischen NGO «Action on Armed Violence» kommen in Gaza auf einen getöteten Kämpfer fünf tote Zivilisten, was bedeuten würde, dass 83 Prozent der Opfer Zivilisten sind. 

Verächtliche Kommentare

Die Glaubwürdigkeit der palästinensischen Opferliste zu anerkennen, schreibt Nir Hasson in «Haaretz», sei der erste Schitt zu einem Eingeständnis dessen, was Israel über die vergangenen zwei Jahre in Gaza angerichtet hat: «das Töten von Zehntausenden Palästinenserinnen und Palästinensern, die Zerstörung ganzer Städte, die Vertreibung von annähernd zwei Millionen Menschen und das Aushungern von Hunderten Personen».

Ein genauerer Blick auf die akribisch geführte Liste des Gesundheitsministeriums in Gaza, so Hasson, verrate das Ausmass der Grausamkeiten: «17 Säuglinge, die gestorben sind am Tag, an dem sie geboren wurden, 115, die innert eines Monas gestorben sind und 1’054, die gestorben sind, bevor sie ein Jahr alt wurden.»

Doch solcher Grausamkeiten seien sich viele Israelis nicht bewusst, die den Tod Ayeshas, eines eine Woche alten Säuglings, kommentiert hätten: «Wundervolle Nachrichten», schrieb eine Leserin. «Möge es noch vielen anderen gleich ergehen», kommentierte ein Leser. Und noch ein anderer: «Ein kaltblütig herbeigeführter Tod für jene, die kaltblütig getötet haben.» Solche Kommentare seien nur die Spitze des Eisbergs gewesen.

Grenze bei Rafah offen 

Währenddessen sollte am Sonntag oder an den folgenden Tagen der Grenzübergang in Rafah erneut aufgehen, der seit März 2004 weitgehend geschlossen gewesen war. Die Öffnung ist Teil des Waffenstillstandsabkommens zwischen Israel und der Hamas vom vergangenen Oktober, dem nachzukommen Israel sich geweigert hat, solange nicht die sterblichen Überreste der letzten israelischen Geisel, des Polizisten Ran Gvili, Anfang letzter Woche in die Heimat überführt worden waren.

Wichtig ist die Öffnung der Grenze in Rafah vor allem für rund 20’000 schwerverwundete Menschen, die dem palästinensischen Gesundheitsministerium zufolge dringend medizinische Hilfe im Ausland benötigen. Noch ist nicht bekannt, wie viele Leute über den Grenzübergang werden aus- oder einreisen können. Der zuständigen israelischen Militärstelle zufolge werden Übergänge oder Eintritte zu Fuss «in Koordination mit Ägypten» und nach «Sicherheitsüberprüfungen durch Israel» erlaubt werden. Die Rede war aber von einer begrenzten Zahl.

«Lügen und Manipulationen»

Zum Schluss noch dies: In «Haaretz» schrieb Journalist Yossi Verter unlängst, Premier Benjamin Netanjahu habe bis heute nicht die Mehrheit der überlebenden israelischen Geiseln getroffen, unter denen Donald Trump einige einmal oder sogar mehrmals getroffen hätten: «Netanjahu hat sie nicht eingeladen, ihn zu sehen, weil er nicht den Mut hat, ihnen in die Augen zu sehen und zu sagen, weshalb er sie noch im Stich liess, als der Krieg längst grundlos geworden war und als Selbstläufer lief, der einen hohen Preis an Soldatenleben forderte. Die Pressekonferenz, die er diese Woche einberufen hat, war ein armseliges Spektakel: Eine Ansammlung von Lügen und Manipulationen.»

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