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Iran / USA

Verhandlungen im Nebel

3. Februar 2026
Reinhard Schulze
Seemanöver
Gemeinsames Manöver der israelischen und amerikanischen Flotte im Roten Meer am 1. Febrauer 2026 (Keystone/XINHUA/Chen Junqing)

Warum Gespräche zwischen Washington und Teheran an strukturellen Gegensätzen zu scheitern drohen: Die diplomatisch vorbereiteten Gespräche zwischen dem iranischen Aussenminister Abbas Araghchi und einer amerikanischen Delegation um Steve Witkoff und Jared Kushner beginnen unter paradoxen Voraussetzungen.

Beide Seiten signalisieren Gesprächsbereitschaft, verfolgen jedoch offenbar unterschiedliche Vorstellungen darüber, worüber überhaupt verhandelt werden soll. Die Unsicherheit über einen möglichen Ausgang speist sich deshalb weniger aus bekannten geopolitischen Rivalitäten als aus einem grundlegenderen Problem: Washington und Teheran operieren mit unterschiedlichen politischen Rationalitäten. Aus amerikanischer Sicht zielt eine mögliche Vereinbarung auf ein umfassendes sicherheitspolitisches Gesamtpaket. Neben der dauerhaften Begrenzung des iranischen Atomprogramms sollen auch die Raketenfähigkeiten eingeschränkt, die politische und wirtschaftliche Macht der Revolutionsgarden reduziert und strukturelle Reformen angestossen werden. Hinter dieser Strategie steht die Annahme, dass Iran angesichts wirtschaftlicher Isolation, technologischer Defizite und militärischer Asymmetrien langfristig ein Interesse an internationaler Stabilisierung entwickeln müsse.

Zwei Agenden, ein Verhandlungstisch

Die iranische Führung verfolgt dagegen eine selektivere Verhandlungslogik. Im Zentrum steht nahezu ausschliesslich die nukleare Frage. Teheran signalisiert begrenzte Kompromissbereitschaft, etwa durch internationale Kontrolle über angereichertes Uran oder dessen Lagerung in Drittstaaten. Im Gegenzug erwartet die Führung vor allem die Aufhebung wirtschaftlicher Sanktionen sowie die Wiederherstellung ihrer energiepolitischen Handlungsfähigkeit. Militärische Abschreckung, insbesondere im Raketenbereich, fungiert dabei als ergänzendes Druckmittel, um amerikanische Forderungen einzugrenzen.

Diese unterschiedlichen Erwartungshorizonte verweisen auf eine strukturelle Asymmetrie. Während Washington implizit auf eine Veränderung zentraler Machtstrukturen abzielt, verfolgt Teheran primär die Stabilisierung der bestehenden Ordnung.

Ideologie als Staatsfundament

Die begrenzte Flexibilität der iranischen Position lässt sich nur vor dem Hintergrund der ideologischen Staatsbegründung der Islamischen Republik verstehen. Das politische System Irans basiert nicht allein auf administrativer Herrschaftsorganisation, sondern auf einer normativen Selbstdefinition, in der religiöse Legitimation und politische Ordnung eng miteinander verschränkt sind.

Die Islamische Republik versteht sich als Träger einer heilsgeschichtlich begründeten Mission. Staatliche Existenz erscheint in diesem Verständnis nicht lediglich funktional, sondern teleologisch begründet. Die Revolution von 1979 wird nicht als abgeschlossene historische Zäsur interpretiert, sondern als fortdauernder politischer Prozess. Das Konzept einer «Revolution in Permanenz» erzeugt einen strukturellen Legitimationsdruck zur kontinuierlichen Verteidigung der ideologischen Ordnung.

Die Macht der Revolutionsgarden

Aus dieser Staatslogik entwickelte sich eine duale Machtstruktur, in der neben den formalen Regierungsinstitutionen ein parastaatlicher Machtkomplex entstand. Die Revolutionsgarden verkörpern diese Struktur in besonderer Weise. Sie verbinden militärische Funktionen mit wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Einflussnahme und kontrollieren erhebliche Teile der iranischen Volkswirtschaft.

Ihre institutionelle Autonomie stabilisiert das System kurzfristig, erzeugt jedoch langfristig Reformblockaden. Anpassungsprozesse geraten dadurch in einen Zielkonflikt zwischen revolutionärer Selbstbehauptung und administrativer Modernisierung. Politische Reformen würden zwangsläufig Machtverschiebungen auslösen, die die institutionellen Interessen der Revolutionsgarden berühren.

Die Kraft des politischen Narrativs

Ergänzt wird diese institutionelle Struktur durch ein umfassendes historisch-politisches Deutungsmuster, das als zentrale Legitimationsressource fungiert. Aussenpolitische Konflikte werden in diesem Narrativ konsequent als existenzielle Bedrohungen der revolutionären Ordnung interpretiert. Geopolitische Entwicklungen erscheinen innerhalb einer religiös aufgeladenen Geschichtserzählung, die politische Entscheidungen moralisch überhöht.

Der Erste Golfkrieg, die regionale Expansion iranischer Einflusszonen im Nahen Osten, der Kampf gegen den sogenannten «Islamischen Staat» sowie die Tötung des Generals Qassem Soleimani durch einen amerikanischen Drohnenangriff im Jahr 2020 werden in dieser Deutung zu Stationen eines fortdauernden Verteidigungskampfes verdichtet. Diese Erzählung stärkt die innenpolitische Kohärenz des Systems, reduziert jedoch zugleich seine aussenpolitische Anpassungsfähigkeit. Politische Kompromisse lassen sich innerhalb dieses Deutungsrahmens leicht als ideologische Selbstrelativierung interpretieren.

Grenzen klassischer Druckpolitik

Für amerikanische Verhandler entsteht daraus ein strukturelles Dilemma. Strategien wirtschaftlichen oder militärischen Drucks setzen voraus, dass politische Systeme primär durch materielle Interessen gesteuert werden. Ideologisch legitimierte Herrschaftsordnungen verfügen jedoch über eine erhöhte Resistenz gegenüber kurzfristigen Kosten, solange ihre normative Selbstdeutung gesellschaftliche Bindungskraft entfaltet.

Gleichzeitig zeigen sich auch auf iranischer Seite strukturelle Fehleinschätzungen. Die Führung scheint davon auszugehen, dass diplomatische Prozesse vor allem aussenpolitische Entlastung ermöglichen und innenpolitische Krisen überbrücken können. Historische Referenzen – etwa die rasche internationale Reintegration Chinas nach 1989 oder die aussenpolitische Handlungsfähigkeit Russlands trotz umfassender Sanktionen – dienen dabei als implizite Vergleichsmodelle. Ob diese Erfahrungen auf die spezifischen strukturellen Bedingungen Irans übertragbar sind, bleibt jedoch offen.

Gesellschaftliche Erosion

Parallel zur aussenpolitischen Konfrontation vertiefen sich die innenpolitischen Spannungen. Gesellschaftliche Loyalitätsbindungen an die Islamische Republik haben sich in den vergangenen Jahren sichtbar abgeschwächt. Wirtschaftliche Fehlentwicklungen, Währungsinstabilität sowie infrastrukturelle Versorgungsprobleme untergraben die staatliche Steuerungsfähigkeit zusätzlich.

Die wirtschaftliche Dominanz der Revolutionsgarden stabilisiert zwar zentrale Funktionsbereiche der Volkswirtschaft, verstärkt jedoch strukturelle Ineffizienzen und behindert Reformprozesse. Das System gerät dadurch in eine Legitimationsdynamik, in der zunehmende Repression sinkende Integrationskraft nur noch begrenzt kompensieren kann.

Das Reformparadox

Die Regierung von Präsident Mas’ud Pezeshkian steht damit vor einem strategischen Zielkonflikt. Einerseits erfordert die Stabilisierung des Systems institutionelle Reformen, die wirtschaftliche Öffnung, Transparenz und politische Verantwortlichkeit stärken könnten. Andererseits birgt jeder Reformversuch das Risiko, die strukturellen Grundlagen der bestehenden Machtordnung zu destabilisieren.

Die Erinnerung an die sowjetische Perestroika wirkt in diesem Zusammenhang als historischer Referenzpunkt. Die Reformpolitik Michail Gorbatschows leitete zwar Modernisierungsprozesse ein, beschleunigte jedoch zugleich den Zerfall des sowjetischen Systems. Für autoritäre Eliten bleibt diese Erfahrung ein warnendes Beispiel für die potenziellen Risiken politischer Öffnung.

Ritualisierte Selbstvergewisserung

Der Jahrestag der Islamischen Revolution am 11. Februar erfüllt traditionell die Funktion politischer Selbstvergewisserung des Regimes. Mit demonstrativer Inszenierung versucht die Führung, historische Kontinuität zu behaupten und gesellschaftliche Loyalität zu mobilisieren. Erfahrungen anderer autoritärer Systeme zeigen jedoch, dass symbolische Mobilisierung strukturelle Legitimationsverluste nur begrenzt kompensieren kann. Die späte Selbstinszenierung der DDR am 7. Oktober 1989 kurz vor ihrem Zusammenbruch gilt als historisches Beispiel für diese Diskrepanz zwischen offizieller Selbstbehauptung und politischer Realität.

Diplomatie im Schatten struktureller Konflikte

Die möglichen Gespräche zwischen Washington und Teheran bewegen sich somit im Spannungsfeld zweier Konfliktlinien. Einerseits bestehen erhebliche Differenzen hinsichtlich konkreter sicherheitspolitischer Forderungen. Andererseits treffen zwei politische Rationalitätsmodelle aufeinander, deren normative Grundlagen nur schwer miteinander vereinbar erscheinen.

Selbst ein begrenzter diplomatischer Fortschritt würde die inneren Spannungen des iranischen Systems kaum auflösen. Die langfristige Stabilität der Islamischen Republik hängt vielmehr davon ab, ob es gelingt, ideologische Staatslegitimation mit den Anforderungen wirtschaftlicher Modernisierung und gesellschaftlicher Integration zu verbinden.

Sollte dieser Balanceakt misslingen, könnten die aktuellen Verhandlungen rückblickend weniger als Auftakt politischer Entspannung erscheinen denn als Vorphase eines tiefgreifenden Transformationsprozesses. Dessen Verlauf dürfte nicht nur die Zukunft Irans prägen, sondern auch die strategische Ordnung des Nahen Ostens nachhaltig verändern.

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