Traumschiffe

Stephan Wehowsky's picture

Traumschiffe

Von Stephan Wehowsky, 12.08.2019

In seiner aktuellen Titelgeschichte prangert „Der Spiegel“ den Kreuzfahrtwahnsinn an. Aber so wahnsinnig sind Kreuzfahrten gar nicht.

Kreuzfahrtschiffe schädigen massiv die Umwelt, denn fast alle fahren mit Schweröl, das ein Abfallprodukt ist. Es entsteht bei der Herstellung von Benzin, Diesel und Heizöl. Dieses Abfallprodukt enthält eine hochkonzentrierte Ansammlung von Schadstoffen. Es ohne aufwendige Filterung zu verbrennen, stellt eigentlich ein Umweltverbrechen dar. Aber Kreuzfahrtschiffe werden kostengünstig damit betrieben, und da es so praktisch ist, lassen sie ihre Motoren zur Stromerzeugung auch in den Häfen jener Städte laufen, die sie mit ihrer Visite beglücken.

Das Gedrängel auf den Kreuzfahrtschiffen mit bis zu 5’600 Passagieren ist enorm, aber das eigentliche Problem besteht darin, dass diese Menschenmassen „Sehenswürdigkeiten“ besuchen. Venedig und Dubrovnik werden für die Einwohner nahezu unbewohnbar, wenn diese Horden für Stunden einfallen.

Kreuzfahrten sind der Sektor in der Tourismusbranche, der am stärksten wächst. Entsprechend hoch ist die Umweltbelastung. Hier bündeln sich alle negativen Faktoren des Massentourismus. Da wendet sich der Gast mit Grausen.

Die Autoren der Titelgeschichte des Spiegel überlegen, ob man analog zur „Flugscham“ nicht auch von „Kreuzfahrtscham“ reden solle. Eigentlich muss das gar nicht gefordert werden, denn unter Gesichtspunkten des guten Geschmacks wird man sicherlich nicht stolz darauf sein, an einer Kreuzfahrt teilzunehmen. Die Spiegel-Autoren zielen natürlich auf etwas anderes: Scham der Kreuzfahrer als Mitschädiger der Umwelt.

Denkt man diesen Gedanken weiter, stellt sich allerdings die Frage, ob eine drastische Reduktion des Kreuzfahrtbetriebes wünschenswert wäre. Denn die vielen Millionen Touristen, die sich auf den fahrenden Müllverbrennungsanlagen drängeln, müssen ja irgendwo hin. Wer auf seine Kreuzfahrt verzichtet, wird etwas anderes unternehmen. Selbst dabei werden schädliche Emissionen entstehen, wenn auch pro Kopf vielleicht nicht ganz so viele wie bei einer Kreuzfahrt. Und schlimmer noch: An die Stelle hoch konzentrierter Touristenströme an einzelnen Orten wird es eine weitflächige Verteilung von Besucherscharen geben, die sich noch die letzte Landschaft und den letzten noch nicht völlig ruinierten Ort gefügig machen.

Da ist es doch besser, dass wenigstens einige Millionen von ihnen zeitweilig auf vergleichsweise engem Raum geparkt sind und das als grosses Glück empfinden. Besser geht es nicht. Wir brauchen nicht weniger, wir brauchen noch viel mehr Kreuzfahrten.

Ähnliche Artikel

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Noch zynischer könnte man einen Weltkrieg herbeischreiben. Dann gäbe es nachher weniger Menschen auf der Welt und alles kann wieder von vorne beginnen.

Ja, schöner wäre es, wenn eine Kreuzfahrt sich wie in der Traumschiff Serie geniessen liesse, mit weniger Leuten und mehrtägigen Aufenthalten. Und die Kreuzfahrten sind zu günstig geworden.
Trotzdem: als Passagier ist es mir immer ein freudiges Wiedersehen von Orten die ich von früheren Besuchen kenne. Da die Welt nicht zu retten ist, man geniesse sie wenigstens.

Offenbar fühlen sie sich in der Herde geborgen. Oder was geniessen sie sonst noch in den paar wenigen Stunden, die sie an einem Ort verbringen? Jedem das Seine in einer Welt, die nicht zu retten ist.

Ja, Kreuzfahrer, wie damals vor 800 Jahren, kommen immer in Horden.
Wir lebten berufshalber in einer wohlerhaltenen Hansastadt, die seit rund 20 Jahren von diesen Tagestouristen überrollt wird. Allein, die lokalen Entscheider sind froh, dass diese Leute ein paar Eurocents dort liegenlassen. Dasselbe in Santorini, in Cinque Terre. Wahrscheinlich dasselbe politische Verhalten in Venedig, Barcelona, Dubrovnik.

genau! oekologisch betrachtet hat es was an sich, auch wenn es vermutlich sarkastisch gemeint ist.
die ferien werden im allgemeinen nach budget verbracht. zuschlag erhält das zu den vorgaben passendste angebot, welches am günstigsten ist. für die vorgaben verantwortlich sind die wünsche und träume, dann erst kommt im allgemeinen die umwelt, greta hipe hin oder her. man hat es sich ja verdient.
sind wir ehrlich. da schneidet ein solches schiff von der öko bilanz her pro person besser ab, als mit dem auto mit der vier köpfigen familie von hamburg an die adria und zurück.

Vielleicht hat der Autor recht, wenn er moniert, dass die Touristenströme mittels Kreuzfahrten an einigen Orten konzentriert werden müssen. Leider ist das für die an diesen Orten lebenden Menschen keine Lösung, weil sie von diesen Horden immer mehr überrollt werden. Es fragt sich doch, ob Menschen in grosser Zahl einfach zu egoistisch und zu dumm sind, um von einer planetenschädigenden Lebensweise abzukehren? Und wenn ja, wieso? Wieso ist der Homo sapiens nicht in der Lage, seine Lebensweise so anzupassen, dass nachfolgende Generationen noch eine Chance haben, überhaupt zu überleben? Für viele Menschen bedeutet Kinder zu haben, das höchste Glück. Wie diese Kindern in 50 oder 60 Jahren leben müssen, interessiert eigentlich fast niemanden. Wenn es viele interessieren würde, müsste ein derartiger Raubbau an der Natur und für das Klima durch die Tourismusindustrie, insbesondere der Kreuzfahrten, ein Thema sein. Weit gefehlt! Immer jüngere Paare gönnen sich eine Kreuzfahrt. Die neue Spiessigkeit besteht darin, mit 5000 anderen auf einem Monsterschiff Tabula rasa mit der Umwelt zu machen. Es ist eigentlich unglaublich, wie resistent Menschen gegenüber einer umweltschädigenden Lebensweise sind. Darum hält sich meine Hoffnung in Grenzen, dass in absehbarer Zeit der Mensch sich soweit aushält, dass er nicht einer oftmals zerstörerischen Mobilität frönen muss, sondern in Musse darüber nachdenkt, wie er sein Leben sinnvoll gestalten könnte.

Wir haben als Zwischenstation unserer Velotour drei Tage in unserem kleinen Zelt in Fusina campiert. Samstag nachts, 20. August verliessen drei riesige Kreuzfahrtschiffe Venedig, 70 m vom Zelt entfernt, sind riesige Wände vorbeigeglitten. Am Sonntag war Venedig, welches man mit der Fähre praktisch erreichen kann, angenehm entvölkert, jedenfalls keine Gedränge.
Neben dem Zeltplatz befindet sich ein gigantisches Kohlekraftwerk, im Normalbetrieb nicht auffällig. Ab 18 Uhr wurden dort über zwei Hochkamine – offensichtlich mehrere Tage wegen nicht anderweitiger Verwendung des Gases – riesige Mengen abgefackelt, so dass die Wärmestrahlung auf dem Zeltplatz gut spürbar, der Russ gut sicht- und riechbar und der Lärm unausstehlich wurde. Der Zeltplatz hatte sich gelichtet – die Camper sind geflüchtet, wir auch. Eine so intensive, konzentrierte und dauerhafte Umweltbelastung haben wir noch nie erlebt. Auch das sind Ferien.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren