Wenn man in Rom von der Piazza Venezia dem Corso entlang zur Piazza del Popolo schlendert, biegt man nach etwa halber Distanz links ab und steht vor der Basilika San Lorenzo in Lucina. Dort gibt es jetzt Erstaunliches zu sehen.
Über der Marmorbüste von König Umberto II. von Savoyen, dem letzten König Italiens (er starb am 18. März 1983 in Genf) schweben zwei Engel. Einer von ihnen hat ein bekanntes Gesicht. Man staune: Es ist das Gesicht der italienischen Ministerpräsidentin: Giorgia Meloni, ein Engel? Ausgerechnet.
Das Innere der Kirche war kürzlich restauriert worden. Wo heute «Meloni» zu sehen ist, prangte vor der Restauration ein pausbäckiges, geflügeltes Engelchen, ein Cherub. Und wie der Cherub ist auch der Meloni-Engel mit Flügeln bestückt. Er hält eine Schriftrolle in der Hand mit einer Zeichnung des italienischen Stiefels.
Kandidat für die Neofaschisten?
Was war da geschehen? Eine Frau, die in der Kirche zu tun hat, erklärte gegenüber der Römer Zeitung La Repubblica, dass sich ein Freiwilliger jeden Morgen von 8 bis 12 Uhr in der Kirche aufgehalten habe. Er heisst Bruno Valentinetti und hat schon vor vielen Jahren sein künstlerisches Talent unter Beweis gestellt. Im Internet findet man einen Bruno Valentinetti, der im ersten Stadtbezirk in Rom für die neofaschistische Bewegung «La Destra – Fiamma Tricolore» kandierte.
Jetzt stehen die Verantwortlichen der Denkmalschutzbehörde in der Kritik. Sie mussten die Restaurationsarbeiten abnehmen und hätten die Fälschung entdecken sollen. «Es ist schwer vorstellbar, dass sie die Ähnlichkeit nicht bemerkt haben», schreibt La Repubblica.
«Ich bin kein Engel»
Und wie reagiert Giorgia Meloni auf ihre Beförderung in den Engelsstand? Mit Humor. «Ich bin kein Engel», sagt sie. «Nein, ich sehe definitiv nicht wie ein Engel aus.»
Inzwischen sind das Kulturministerium, die Denkmalschutzbehörde und der Stellvertreter des Papstes aktiv geworden. Nach der Enthüllung durch La Repubblica wurden Ermittlungen zu dem Fresko eingeleitet. Kardinal Baldo Reina, Vikar von Papst Leo XIV., ist kategorisch. In einer Mitteilung bekräftigt er «nachdrücklich, dass Bilder der sakralen Kunst und der christlichen Tradition nicht Gegenstand von Missbrauch oder Instrumentalisierung sein dürfen, da sie ausschliesslich zur Unterstützung des liturgischen Lebens bestimmt sind.»
Bruno Valentinetti, der Mann, der den «Meloni-Engel» geschaffen hat, reagiert auf Vorwürfe mit einem Lachen. «Nur ihr seht in dem Gesicht die Ministerpräsidentin.» «Questo angelo non è Giorgia Meloni», behauptet er.
Der Pfarrer habe ihn um die Restaurierung gebeten. «Ich wohne hier. Ich bin Handwerker. Ich habe es ehrenamtlich gemacht, um mich für die Gastfreundschaft des Pfarrers zu bedanken. Im Gegenzug öffne ich morgens um 8 Uhr die Kirche und mache mich an die Arbeit. Ich bin 83 Jahre alt und mache das schon immer.»
«Ich mag Meloni gar nicht»
Soweit er wisse, sagt er, sei seine Arbeit von den Denkmalschutzbehörden genehmigt worden. «Alle waren zufrieden.» «Ich habe die Gesichter so restauriert, wie sie vor 25 Jahren waren. Viele Dinge waren verschwunden. Bei der Restaurierung wird die Farbe entfernt und das ursprüngliche Bild kommt wieder zum Vorschein. Ich habe es nachgezeichnet und die Farbe wieder aufgetragen. Das Bild war beschädigt, aber ich habe es geschafft, die Konturen wiederherzustellen und habe es nachgezeichnet.»
Zudem lässt er in einem Gespräch mit La Repubblica durchblicken, dass der zweite restaurierte Engel eine andere politische Persönlichkeit sein könnte.
Repubblica: Welche? Giuseppe Conte, der Vorsitzende der «Cinque Stelle»-Partei und einst für kurze Zeit Ministerpräsident?
Valentinetti: «Das sagen Sie.» (Er lacht)
Es sind also Meloni und Conte?
«Niemand, Sie erfinden das alles.»
Wählen Sie Fratelli d’Italia?
«Was soll das mit Fratelli d'Italia und Meloni? Ich lebe von der Sozialrente, überlebe mit 600 Euro, Meloni hat mir nichts gegeben. Ich mag sie nicht. Ich habe nichts mit ihr zu tun. Ich bin nicht rechts, ich weiss nicht einmal mehr, seit wann ich nicht mehr wähle.»
Warum haben Sie sich dann 2008 bei der Fiamma Tricolore zur Wahl gestellt?
«Davon weiss ich nichts. Sie haben meinen Namen wohl ohne mein Wissen auf die Liste gesetzt.»
Ohne Ihr Wissen?
«Der einzige Politiker, den ich mochte, war Andreotti, er hatte sein Büro hier in der Nähe.»
Haben Sie in der Vergangenheit auch für Berlusconi gearbeitet?
«Nein, aber ich habe einige Restaurierungsarbeiten in Berlusconis Villa in Macherio durchgeführt, wo Veronica Lario (Berlusconis Frau) lebte. Eine Prinzessin hatte mich empfohlen, Berlusconi kam ab und zu mit dem Helikopter vorbei. Er war mit dem Ergebnis zufrieden. Ich hatte ein Blumenarrangement neu gestaltet.»