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Andras Schiff / Solti-Klavier

Ein wunderbares Instrument …

1. Februar 2026
Annette Freitag
András Schiff und Angelo Fabbrini
András Schiff und Angelo Fabbrini: der Pianist und der Klavierstimmer, ein Herz und eine Seele (Foto © Gaëtan Bally)

Es gibt diese Konzerte, die so wunderbar nachklingen und die man so lang wie möglich im Ohr und im Herzen bewahren möchte, obwohl Alltagsgeräusche uns längst wieder eingeholt haben. Diese Konzerte sind etwas ganz Besonderes – und die Zürcher Tonhalle hat gleich im neuen Jahr wieder für dieses Erlebnis gesorgt. 

Diesmal unter der Beteiligung eines neuen Flügels, der bereits eine spannende eigene Geschichte hat. «Es ist ein wunderbares Instrument», schwärmt Sir András Schiff ganz hingebungsvoll und voller Liebe … Er sitzt im Dirigentenzimmer der Zürcher Tonhalle und durch den Lautsprecher kommt schon die Durchsage, die zur Fortsetzung der Probe aufruft.

Es ist eine ganz besondere Situation, denn dieses Instrument, von dem er schwärmt, hat eine Geschichte, einen Lebenslauf, eine Vergangenheit wie kaum ein anderes. Es ist ein Steinway-Flügel, der jetzt seine Heimat in der Zürcher Tonhalle gefunden hat. Und András Schiff, einer der ganz grossen Pianisten unserer Zeit, hatte die Ehre, diesen Flügel nun in Zürich mit einem Konzert willkommen zu heissen und einzuweihen.

  András Schiff am Steinway/Fabbrini-Flügel
Andras Schiff am Steinway/Fabbrini-Flügel  (Foto © Gaëtan Bally)

Begehrtes Objekt

Vorheriger Besitzer war Georg Solti, der legendäre Pianist und Dirigent, der 1997 verstorben ist. Solti hatte 1986 bei einem Konzert in Bologna Bekanntschaft mit diesem Flügel gemacht. Es war Liebe auf den ersten Ton. Solti erkundigte sich vorsichtig, ob er diesen Flügel eventuell kaufen könne …  Kaufen konnte er ihn nicht, der Flügel war schon in verschiedene Konzerte eingeplant und ausserdem war der grosse Pianist Arturo Benedetti Michelangeli damals ebenfalls am Kauf interessiert. Michelangeli verzichtete dann aber auf den Flügel. Damit war der Weg frei für andere Interessenten. In diesem Fall war es Soltis Ehefrau Valerie. Klammheimlich liess sie den Flügel von Italien nach England transportieren, wo Solti inzwischen lebte. Valerie Solti wollte ihren Mann damit überraschen. Pünktlich zu seinem 74. Geburtstag stand das gute Stück schliesslich in London. Solti konnte sein Glück kaum fassen, als er das geliebte Instrument in seinem Studio vorfand, wird kolportiert …

Das Besondere an diesem Flügel liegt in seinem Klang, den es dem italienischen Steinway-Vertreter Angelo Fabbrini verdankt, der den Flügel persönlich eingerichtet hatte. In schwungvoller Schrift hat er ihn auch signiert. So steht neben «Steinway» auch «Fabbrini» auf dem Instrument.

In den folgenden Jahren konzertierte Solti immer wieder in Zürich oder war mit dem Tonhalle-Orchester zusammen auf Tournee. Seit 1952 bestand diese besondere Beziehung zwischen Solti und Zürich. Knapp acht Wochen vor seinem Tod hatte er ebenfalls in Zürich noch ein Konzert mit dem Tonhalle-Orchester geleitet. Es war die Sinfonie Nr. 5 von Gustav Mahler, die auch auf CD aufgezeichnet worden ist. Es sollte sein letztes Konzert werden. Das war am 13. Juli 1997. Zwei Monate später starb Solti.

Und nun kommt der Zufall ins Spiel. Beim Aufräumen ist Ilona Schmiel, die Intendantin der Tonhalle, auf eben diese letzte Solti-CD gestossen, schob sie in den CD-Player und war ganz fasziniert von der Frische und Vitalität der Aufnahme mit dem Tonhalle-Orchester unter Georg Solti. Unabhängig davon gab es kurz darauf eine Anfrage aus London. Charles Kaye, der jahrelang als Berater und Manager an Soltis Seite stand, wollte mit Ilona Schmiel über Soltis Steinway/Fabbrini-Flügel sprechen, der allzu lang schon ungenutzt in London stand. Und Ilona Schmiel zeigte sich durchaus interessiert, das Instrument nach Zürich zu holen. Aber die Finanzierung musste geregelt werden und der Flügel hatte eine Auffrischung nötig. Viel Engagement aller Beteiligten war dafür nötig.

Neue Heimat: Zürich

Um das Ende der Geschichte vorauszunehmen: Inzwischen ist der Flügel im Besitz der Tonhalle. Der Weg dahin war freilich nicht ganz einfach. Zunächst wurde der Flügel wieder nach Italien geschickt, wo wiederum Angelo Fabbrini das wertvolle Stück während einiger Monate in seiner Werkstatt auf Vordermann brachte und gründlich überholte.

Und damit schliesst sich auch der Kreis zu András Schiff, der den Solti-Flügel nun in Zürich mit einem Konzert in der Tonhalle eingeweiht hat. Denn für András Schiff ist dieser Flügel sozusagen ein alter Bekannter. «Ich hatte in London oft Gelegenheit, darauf zu spielen», sagt er rückblickend. Wie Solti, hatte auch András Schiff sich in London niedergelassen und war – wie zuvor schon Georg Solti – von Königin Elisabeth in den Adel erhoben worden und ist seither stolzer Träger des Titels «Sir». 

«Georg Solti war sehr charismatisch und berührend», erinnert sich Schiff. «Wir beide sind Juden aus Ungarn. Erst waren wir Kollegen, dann wurden wir Freunde. Wir sprachen erst englisch miteinander, dann etwas deutsch, aber es hat lange gedauert, bis wir auch ungarisch miteinander gesprochen haben … Solti liebte ungarische Salami mit Single Malt Whiskey … eine seltsame Kombination!» Schiff schmunzelt bei dieser Erinnerung. Ihre Beziehung zur alten Heimat Ungarn war allerdings sehr unterschiedlich. «Solti ist in Ungarn begraben und ich bin dort eine Persona non grata. Ich reise nicht mehr nach Ungarn und wenn mich jemand fragt, wo ich beerdigt sein möchte, antworte ich: keinesfalls in Ungarn! Das kommt überhaupt nicht in Frage.»

Wie Georg Solti schwört auch András Schiff auf Angelo Fabbrini, wenn es um das Stimmen des Flügels geht. «Es gibt weniger gute Techniker als es gute Pianisten gibt …», sagt er mit einem Lächeln. Und Fabbrini, der ebenfalls nach Zürich gekommen ist, um den Flügel an seinen neuen Standort zu begleiten, erzählt: «Ich habe Solti und dieses Instrument über Jahre betreut. Solti hatte sich in diesen Flügel verliebt! So ein Instrument ist ein bisschen wie ein Lebewesen. Es war mir eine Ehre, daran zu arbeiten.» Fabbrini sagt es mit Ehrfurcht. Und András Schiff sinniert: «Fabbrini hat diesen Klangsinn, den man nicht erklären kann. Das ist nicht die Mechanik, die Hammerköpfe oder andere Teile … Die Leute denken, ein Klavierstimmer ist so etwas wie ein Schuster oder Metzger. Also bei allem Respekt für Schuster und Metzger … das Stimmen des Instruments ist das wenigste, aber es zu regulieren, zu intonieren, all‘ diese feinen Nuancen, das kann nur der Fabbrini!»

Doppeltes Debut 

Es ist fast ein bisschen ein Familientreffen, diese Einweihung des Flügels, denn alle, die sich hier einfinden, hatten auf irgendeine Weise damit zu tun. Und alle sind davon berührt. Auch Georg Soltis Tochter und der Enkelsohn sind nach Zürich gekommen, um den Flügel, der so lang in ihrem Familienbesitz war, in seine neue Heimat zu begleiten.

Und für Sir András Schiff bedeutet das Konzert ein doppeltes Debut: Er ist der erste Pianist, der auf dem frisch eingerichteten Flügel konzertiert; und gleichzeitig dirigiert er (teilweise vom Flügel aus) zum ersten Mal das Tonhalle-Orchester, das ihn natürlich schon oft begleitet hat. Hat er da noch Lampenfieber? «Ja, immer», sagt er und wirkt dabei sehr entspannt. «Ich habe vor jedem Konzert Lampenfieber. Es ist nicht so, dass ich jetzt zittern würde. Aber ein bisschen aufgeregt bin ich schon. Das ist nicht unangenehm … das ist Adrenalin!»

Und was ist denn nun für ihn als Pianisten, das Besondere an diesem Klavier? «Es ist so rund und gesanglich und warm, da ist keine Spur von Härte. Es ist ein reifes Instrument. Es ist gereift. Es ist besser als vor 50 Jahren. Es ist auch nicht überstrapaziert worden und jetzt hat es Maestro Fabbrini sehr schön wiederhergestellt. Es ist einfach wunderbar. Ich hoffe, es bleibt so!»

Tasten aus Elfenbein

Im Unterschied zu heutigen Instrumenten hat der Solti-Flügel noch Tasten aus Elfenbein. Spielt sich das anders? Fühlt es sich anders an? Wirkt es sich auf den Pianisten aus? «Für mich eindeutig ja! Ich bin ja damit auch aufgewachsen. Eine Elfenbein-Tastatur fühlt sich für mich ganz anders an. Es ist ein warmes Gefühl, ein sanftes Gefühl. Wenn es Plastikmaterial ist, tun meine Finger wirklich weh: Es ist ein ganz anderes Gefühl: kalt und unmenschlich. Es wirkt sich nicht auf den Klang aus, aber die Haut spürt den Unterschied: Elfenbein ist eine sympathische Begegnung, Plastik ist antipathisch.»

Trotzdem sieht er natürlich das Problem der Elfenbeintasten: «Ich habe volles Verständnis für die Elefanten, sie tun mir auch furchtbar leid. Aber einen Elefanten, der schon hundert Jahre tot ist, kann man nicht mehr ins Leben zurückholen. Man muss aber heute aufpassen, dass man sie nicht weiter tötet wegen des Elfenbeins. Das muss aufhören!»

Inzwischen hat András Schiff als Pianist den Solti-Flügel eingeweiht mit dem Klavierkonzert Nr. 3 von Johann Sebastian Bach und dem Klavierkonzert Nr. 1 von Ludwig van Beethoven. Und als Dirigent leitete er noch die «Musique funèbre» von Witold Lutoslawski in memoriam Béla Bartók und die Tanz-Suite von Béla Bartók. Eine Hommage an Georg Solti, der Béla Bartók als seinen Lieblingskomponisten bezeichnet hatte. Womit sich der Kreis um Soltis Piano in Zürich auf wunderbare Weise geschlossen hat.

Künftig wird der Flügel in der Kleinen Tonhalle insbesondere auch mit jüngeren Nachwuchs-Musikern erklingen. Dies ganz im Sinne von Georg Solti, dem der Nachwuchs ebenso sehr am Herzen lag, wie András Schiff.

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