Tragische Farce am Bosporus

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Tragische Farce am Bosporus

Von Ignaz Staub, 11.10.2018

Die mutmassliche Ermordung des Journalisten Jamal Kashoggi in Istanbul wirft ein schlechtes Licht auf Saudi-Arabien und dessen Kronprinzen.

Noch ist ungewiss, was genau dem Journalisten und Dissidenten Jamal Kashoggi widerfahren ist, der am 2. Oktober das saudische Konsulat in Istanbul betrat, um Papiere abzuholen, und seither verschollen ist (https://www.journal21.ch/wir-glauben-der-mord-war-vorsaetzlich). Die Saudis sagen, ihr Staatsbürger, der in den USA im Exil lebte, habe das Konsulat kurz nach seinem Eintreffen durch einen Hinterausgang wieder verlassen. Die türkische Regierung sagt, Jamal Kashoggi sei von eigens eingeflogenen Agenten ermordet und seine Leiche zerstückelt aus der saudischen Vertretung geschafft worden. Fast ein Stoff für Eric Ambler, würde der Brite noch Thriller schreiben, die in Istanbul spielen.

Der Kronprinz – ein progressiver Reformer?

Das Königshaus in Riad, wenig überzeugend, dementiert energisch. Man wisse nicht, heisst es dort, was mit Jamal Kashoggi in der Türkei passiert sei und sorge sich um dessen Sicherheit. Etliche westliche Regierungen fordern nun aber, der mysteriöse Fall müsse vorbehaltlos aufgeklärt werden. Nur US-Präsident Donald Trump, ein Freund  des jungen Kronprinzen Mohammed bin Salman, bleibt merkwürdig stumm. Er wisse so viel wie alle andern, sagte Trump in einem Fernsehinterview, nämlich nichts. Egal, dass US-Geheimdienste vor Kashoggis Verschwinden saudische Regierungsvertreter abgehört hatten, die einen Plan diskutierten, den unliebsamen Journalisten festzunehmen. Schergen Riads haben in der Vergangenheit wiederholt saudische Bürger im Ausland entführt und zwangsrepatriiert. 

Während sich in Istanbul die Indizien verdichten, dass die Saudis Jamal Kashoggi ermordet haben, müssen all jene Kommentatoren ihre Einschätzungen überdenken, wonach Muhammed bin Salman, Saudi-Arabiens De-facto-Herrscher, ein progressiver Reformer ist, der für Land und Volk nur das Beste will. Die optimistische Prognose stützten sie unter anderem auf den Umstand, dass MBS, wie das Kürzel des Kronprinzen lautet, Frauen das Autofahren erlaubt hat, die Korruption eindämmen will und den Einfluss der gefürchteten Religionspolizei stutzt. Doch dabei übersahen sie, dass der 33-jährige Kronprinz Kritiker seines Vorgehens und Intellektuelle ins Gefängnis werfen liess, unter ihnen neun Frauenrechtsaktivistinnen. Sie sind des Landesverrats angeklagt; ihnen drohen bis zu 20 Jahre Gefängnis.

Huntingtons „modernisierende Monarche“

Gemäss Leitartikler Charles Lane von der „Washington Post“ verkörpert Muhammed bin Salman, was der Politologe Samuel P. Huntington den „modernisierenden Monarchen“ nennt: jenen Typ Herrscher, der sich mit dem so genannten Königsdilemma konfrontiert sieht. Der Monarch muss einerseits rasch genug modernisieren, um die Mittelklasse, den Beamtenapparat und die Intellektuellen zufriedenzustellen. Anderseits darf er traditionellere Kreise wie die Geistlichkeit oder die ländliche Bevölkerung nicht vor den Kopf stossen. Doch wie das Beispiel des Schahs von Iran zeigt, haben einschneidende Veränderungen laut Huntington ihren Preis: „Monarchen, die beharrlich Reformen umsetzen, stützen sich zunehmend auf Repression, um an der Macht zu bleiben.“

Auf jeden Fall scheint sich nun zu rächen, dass die USA, im Gegenzug für milliardenschwere Rüstungsgeschäfte und Gunstbezeugungen gegenüber Donald Trump, Saudi-Arabien bisher vorbehaltlos unterstützt haben, sei es im Fall der Missachtung von Menschenrechten, dem Druck auf das Emirat Katar oder des Vorgehens im Jemen, wo die saudische Luftwaffe glaubwürdigen Berichten zufolge Kriegsverbrechen begeht.

Zunehmende Morde an Journalisten

Zunehmend zu bewahrheiten droht sich auch jene Befürchtung, wonach Donald Trumps verächtliche Einstellung gegenüber Journalisten, die er in Amerika wiederholt  als „Volksfeinde“ und als Lieferanten von „Fake News“ beschimpf hat, unter Autokraten im Ausland Nachahmer finden könnte. Zumindest hat „The Committe to Protect Journalists“ dieses Jahr eine 50-prozentige Zunahme von Morden an Journalisten festgestellt.

Unter den 43 Pressevertretern, die bis dato umkamen, sind mindestens 27 gezielt getötet worden – so unlängst die Fernsehreporterin Viktoria Marinova in Bulgarien, der Aktivist Sergio Martinez Gonzalez in Mexiko oder  der Reporter Jan Kuciak in der Slowakei. Und jetzt mutmasslich Jamal Kashoggi in der Türkei. Der 59-Jährige war kein Landesverräter, sondern ein Patriot, der Reformen befürwortete und Muhammed bin Salman anfänglich unterstützte. Bis er, enttäuscht und resigniert, ins Exil ging, um in Freiheit schreiben zu können. Seine Begründung: „Wir Saudis haben ein besseres Los verdient.“ 

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