Tabuthema Rentenalter

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Tabuthema Rentenalter

Von Klara Obermüller, 11.09.2017

Die Rentenreform, über die am 24. September abgestimmt wird, geht zwar in die richtige Richtung, nur leider nicht konsequent genug.

Es gibt vieles, was einen zur Ablehnung der bevorstehenden Rentenreform verleiten könnte: die Heraufsetzung des Frauenrentenalters zum Beispiel oder der Zustupf von 70 Franken, mit dem die Rentenkürzungen für Minderverdienende abgefedert werden soll. Gleichwohl plädiere ich für ein Ja. Nach Jahren der Stagnation braucht es diese Reform dringend. Und zwar nicht nur, weil sonst die AHV in finanzielle Schieflage gerät, sondern weil der Status quo der Realität nicht mehr entspricht.

In diesem Punkt herrscht vermutlich weitgehend Einigkeit. Nur über die Konsequenzen, die daraus zu ziehen sind, ist man sich uneins. Wie die steigende Zahl der Rentenbezüger auffangen? Wie reagieren auf die Tatsache, dass immer mehr Menschen immer älter werden und dabei immer länger leistungsfähig und auch leistungsbereit bleiben?

Angesichts der kontinuierlich steigenden Lebenserwartung ist die Heraufsetzung des Frauenrentenalters sicher ein logischer Schritt. Aber warum nicht gleich eine generelle Erhöhung, wo doch eine Ruhestandsdauer von 20 und mehr Jahren heutzutage bereits keine Seltenheit mehr darstellt?

Ich weiss, kein Politiker, der wiedergewählt werden möchte, traut sich an dieses Thema heran. Und ich weiss auch, dass der Arbeitsmarkt älteren Arbeitnehmenden alles andere als gewogen ist. Dennoch bin ich überzeugt, dass wir nicht darum herum kommen, über Themen wie Lebensarbeitszeit und Pensionsalter völlig neu nachzudenken. Ein Rentenalter 67 oder gar 70 mag heute noch ein Tabu sein. Aber Tabus sind dazu da, geknackt zu werden – am besten gleich nach dem hoffentlich positiven Ausgang der Abstimmung vom 24. September.

Kommentare

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Kurzer Blick auf die neuere Geschichte: 1. Hälfte des 20. Jhd. schlug sich Europa ++ die Köpfe ein; 2. Hälfte ein historisch noch nie dagewesener Aufschwung, für den wir, langsam aber sicher, den Umweltpreis bezahlen. Kommen die internationalen Veränderungen dazu - Globalisierung, Migrationsströme, etc. (Abschottung wird der CH nur kurzfristig helfen). Die Nachkriegsgeneration war ausgesprochen privilegiert. Zu meinen, sie hätte nun zudem einen wohlverdienten Anspruch auf ein langes, bestens versorgtes Alter, ist naiv. Eine flexible Lösung fürs Rentenalter, von 62 bis 70, ist klug und sollte baldmöglichst eingeführt werden, sonst werden die Umstände zu schlechteren Lösungen zwingen. Als Junger würd ich mir meine Altersvorsorge dreimal überlegen - vermutlich ausserhalb des angebotenen Systems.

Über eine echt erstaunliche Reform müssen wir da abstimmen:
Da wird der Verfassungsartikel der Gleichstellung einfach gegen die Frauen benutzt, indem man ihnen das allerletzte kleine, wohlverdiente Privileg wegnimmt:

Da erbringen die Frauen zwei Drittel (63%) der jährlich erbrachten knapp 8 Milliarden (!) Stunden Gratis-Arbeit, was eine Wertschöpfung fast 180 Milliarden Franken ergibt! (Quelle: Satellitenkonto Haushaltsproduktion, BA f.Statistik, 2004) Dafür war einmal die frühere Pensionierung der Frauen gedacht. Heute bekommen sie für diese Gratisarbeit einen Tritt…

Da sagt die FDP-Präsidentin, sie lehne die Reform ab, weil nicht alle Rentner die 70 Franken erhielten. Das sei unfair. Gleichzeitig aber stimmt sie für die Kürzung der IV und der Ergänzungsleistungen (EL) und war gegen diese 70 Franken und dagegen, dass man für Mehreinnahmen für die Zukunft sorgt. Die Frau weiss aber ganz genau, dass die Ärmsten unter den alten Leuten die Frauen sind und genau diese auf die EL angewiesen wären, wenn sie nicht verhungern sollen…
FDP und SVP lehnen die Reform, die sie selbst so mies gestaltet haben ab. Alte Leute rentieren halt nicht.
Mir scheint, dass die Schweiz die frühere Anständigkeit verliert, wenn wir nur noch auf „Rentabilität“ schauen, statt auf Werte. Ich meine Werte, wie sie in der Präambel unserer Verfassung stehen, nämlich „…dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen“ – und so gesehen sind alle jene Parteien, die diese AHV-Reform derart lausig gestaltet haben und diesen mickrigen Ansatz dazu noch ablehnen, einfach nur sehr, sehr schwach.
Wer die Schweiz stärken will, nimmt diese Reform an, damit sie weiter verbessert werden muss, auch gegen den Widerstand der rechten Parteien, deren Schwäche eigentlich schon peinlich ist.

Ab 1947, als die AHV eingeführt wurde, zahlten die Arbeitgeber und -nehmer die Renten für jene, die bisher wenig bis nichts einbezahlt hatten. Das war noch Solidarität, nicht Erbsenzählerei wie heute.
Mit einer Übergangslösung gewinnen wir Zeit, um eine neue Finanzquelle für die AHV zu erschliessen, z. B. eine Finanztransaktionsabgabe.

Dass nun auch gescheite Intellektuelle die Forderung rabiater rechter Millionäre – Martullo-Blocher (SVP), Bührer (FDP) – nach Rentenalter 67 oder gar 70 wenig reflektiert nachbeten, ist eher trostlos und bedauerlich. Dieses rechteigentlich freche Ansinnen blendet nämlich nicht nur die immer noch krasse Lohnungleichheit zwischen Mann und Frau aus. Es ignoriert vor allem die massive allgemeine Produktivitätssteigerung hierzulande in den letzten Jahrzehnten: Bei wenig real steigenden oder gar stagnierenden und sinkenden Löhnen (Lohndumping "dank" desaströser EU-"Personenfreizügigkeit") produzieren die allermeisten produktiv Beschäftigten heute (auch wegen technologischen Fortschritts) viel mehr (bis ein Vielfaches) als noch zu Ende des letzten Jahrhunderts. Doch die Früchte dieser verbesserten Effizienz verschwinden fast ausschliesslich in den prallen Taschen der Kapitaleigner und der Finanzspekulanten. Dagegen hilft keine "Umverteilung" (ein blödes ideologische Wort, das besagt, es müsse dann noch nachgebessert werden, nachdem schon falsch verteilt ist!) sondern nur eine endlich gerechte Verteilung der Profite. Wäre dies der Fall, genügten heute 40 oder maximal 42 Jahre Lebensarbeitszeit längstens. Wer angesichts dieser Fakten einseitig nur einfach nach der Erhöhung des Rentenalters ruft, macht sich zum Helfershelfer rechter Ideologen. So traurig! Um ihnen Paroli zu bieten braucht es 2 X Ja zur AHV am 24. 9. ! Niklaus Ramseyer, BERN

Sehr geehrte Frau Obermüller. Ich danke Ihnen für Ihren klaren und realistischen Worte. Ja, man wagt es, insbesondere als Frau (um die 50ig) eigentlich nicht, solche Gedanken zu äussern. Mir ist es manchmal geradezu unangenehm wie Frauen an etwas festhalten wollen, das sich zusehends selber überholt - die Fixierung auf ein starres Rentenalter was nicht passt zur kontinuierlichen Entstehung neuer Lebensmodelle und einen Lebensstandard, der für heute (aber nicht mehr für morgen) gültig ist.

Es scheint mir zwingend zu sein, diese Reform anzunehmen. Damit haben wir etwas Luft für eine zukünftige Reform, die so unausweichlich ist wie das Amen in der Kirche. Sie haben recht, Frau Obermüller, dass wir uns über ein Rentenalter von 67 oder gar 70 Gedanken machen müssen. Dass die Leute immer älter werden, ist nicht von der Hand zu weisen. Somit wird es immer schwieriger, die Sozialwerke zu finanzieren. Dennoch stellen sich in diesem Zusammenhang einige Fragen. Wo sollen die Leute bis 67 oder 70 beschäftigt werden? Heute finden Menschen schon ab 50 Jahren schwerlich eine neue Festanstellung. Wie können Arbeitgeber davon überzeugt werden, dass Alter, Berufserfahrung, Lebenserfahrung keine Belastungen sondern Bereicherungen sein können? In unserer standardisierten Arbeitswelt spielen die oben erwähnten Kriterien nur mehr eine marginale Rolle. Jugend und Schönheit sind gefragt, vor allem dort, wo auf Teufel komm raus verkauft werden muss und eine Schnorre gefragt ist. Dies ist fast in allen Branchen der Fall. Ältere Arbeitnehmer sind vielleicht besonnener, abgeklärter, gelassener, doch reicht dies, um in vielen Jobs bis 67 beschäftigt zu werden? Kommt hinzu, dass mit der Digitalisierung die Atemlosigkeit in der Arbeitswelt laufend zunimmt. Ich befürchte, dass in Zukunft immer weniger Menschen in der Lage sein werden, den atemberaubenden Entwicklungen standzuhalten. Es stellt sich die Frage, ob die heutige und noch vielmehr die zukünftige Arbeitswelt dazu geeignet ist, die Leute bis 67 zu beschäftigen? Natürlich gibt es Jobs, in denen es ohne weiteres möglich ist, bis 67 zu arbeiten. Sie werden jedoch immer mehr eine Ausnahme sein. Fakt ist auch, dass immer mehr Menschen auf der Arbeit psychische Probleme bekommen, nicht schlafen können, Medikamente schlucken müssen etc. Wir müssen also nicht nur über die Erhöhung des Rentenalters nachdenken, sondern auch über die Rahmenbedingungen, wie die Menschen im Arbeitsprozess bleiben können. Hier braucht es radikalere Denkansätze, ansonsten wird die Arbeitswelt für immer mehr Menschen schon vor dem 65 Altersjahr zum Albtraum. Ebenso müssten wir über neue Finanzierungsmöglichkeiten nachdenken, um die Sozialwerke vor dem Niedergang zu retten. Ihn zu verhindern, könnte zur Sisiphosarbeit werden.

Liebe Frau Obermüller,
Für jemanden, der seit seinem 62. Geburtstag vor 15 Jahren AHV- und Pensionskassenrente bezieht und sich seither ohne Existenzangst frei mit Literatur, Altersfragen, Bioethik, Kirche und Religion publizistisch beschäftigen kann, ist es ein Leichtes, für alle anderen Rentenalter 67 oder gar 70 zu fordern. Eine Intellektuelle, die auf die sich und anderen gestellte Frage, wie zu reagieren sei «auf die Tatsache, dass immer mehr Menschen immer älter werden und dabei immer länger leistungsfähig und auch leistungsbereit bleiben», als Antwort nur ein höheres Rentenalter empfehlen kann, gibt zudem ein schlechtes Beispiel ab für die geistige Leistungsfähigkeit der älteren Bevölkerung.
Müsste in die Überlegungen nicht zumindest auch die Tatsache einbezogen werden, dass die Gnade des hohen Alters unter den Menschen höchst ungleich verteilt ist, dass gerade Männer und Frauen mit tiefen Einkommen und/oder einer bildungsfernen Biographie statistisch weniger alt werden als gutverdienende Intellektuelle; dass also eine biologisch begründete Quersubventionierung derjenigen Rentenbezügerinnen und Rentenbezüger stattfindet, wie Sie eine sind?
Und dürfte man nicht auch die Frage stellen, ob die Zunahme des gesellschaftlichen Reichtums der letzten Jahre und Jahrzehnte es vielleicht rechtfertigen würde, den durch AHV und Pensionskasse abgesicherten Lebensabend länger geniessen zu dürfen? Eine Lebensarbeitszeitverkürzung dank höherer Lebenserwartung, die wir uns leisten dürfen und leisten können.
Pietro Cavadini (65)

Die Rentenreform sieht neben dem Referenzalter von 65 ein flexibles Rentenalter von 62 bis 70 Jahre vor. Wer will und kann, soll früher oder eben später in Pension gehen. Das ist ein Fortschritt gegenüber der heutigen Regelung. Ob morgen oder übermorgen ein fixes höheres Referenzalter für alle festzulegen ist, soll dannzumal entschieden werden.
Einstweilen gilt es die Rentenreform 2020 ins Trockene zu bringen.

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