Suicidio!

Iso Camartin's picture

Suicidio!

Von Iso Camartin, 24.10.2018

In der Oper begegnet man allen Tugenden und allen Lastern, die der Mensch sich im Lauf seines Lebens ausgedacht und zu praktizieren gewagt hat.

Im universellen und schonungslosen Abbild des Menschlichen unterscheidet sich die Oper nicht vom Sprechtheater. So erleben wir in Verdis «Otello» sowohl den Mord an seiner Geliebten Desdemona sowie den Selbstmord Otellos im Augenblick, als er deren Unschuld und seine eigene Eifersuchtsverblendung erkennt.

Was in der Oper anders ist als im Theater: Ein Wort, ein Gedanke, ein Gefühl, ein Entschluss können sich in die Länge ziehen, brauchen die melodische Entfaltung, den von der Musik erforderten harmonischen, dynamischen und rhythmischen Entwicklungsraum, damit wir begreifen, was der Komponist uns sagen will.

La Gioconda und der Schurke

Amilcare Ponchielli (1834–1886) galt seinen Zeitgenossen nicht nur als ein begabter Komponist und beliebter Lehrer am Konservatorium, sondern vor allem auch als ein äusserst liebenswürdiger Mensch. Als er 52-jährig in Mailand nach einer winterlichen Reise nach Piacenza an Lungenentzündung starb, schrieb Verdi seinem Freund Opprandino Arrivabene: «Der arme Ponchielli! Ein so guter Mensch! Ein so begabter Musiker!»

Gerade diesem Menschenfreund sollte es gelingen, eine der unsympathischsten, ja widerlichsten Figuren der Operngeschichte auf die Bühne zu bringen. Es handelt sich um den venezianischen Spion Barnaba, der im Dienst der Inquisition und aus eigener Bosheit intrigiert, verleumdet, das Volk aufhetzt, Unschuldige ermordet und Frauen sexuell erpresst. Ein Unhold und Bösewicht allerschlimmster Sorte also, ein finsterer Geselle aus der Familie der Jagos und der Scarpias, über den Silke Leopold, die bedeutende Expertin der Opernmusik, einmal bemerkte, Ponchielli habe ihm «selten mehr als die schroffe, gleichsam gestossene, wenig melodische Deklamation» zugeeignet. Ein abgrundböser Typ mithin, der für den Komponisten keiner Kantilene würdig war.

Ganz im Gegensatz zur Lichtfigur aus Ponchiellis heute bekanntester Oper «La Gioconda», was soviel bedeutet wie: Jene, die Heiterkeit und Fröhlichkeit verbreitet. Diese stattete der Komponist mit grossem melodischem Reichtum aus. Weltbekannt ist aus dieser Oper, die 1876 am Teatro alla Scala in Mailand ihre erfolgreiche Uraufführung hatte, die Musik zum Ballett «Der Tanz der Stunden» aus dem 3. Akt. Sie fand in Walt Disneys Film «Fantasia» Verwendung und wird immer wieder auch für Werbespots missbraucht.

In Italien war Ponchielli zu seinen Lebzeiten allerdings ein hoch angesehener Komponist. Er hat über ein Dutzend Opernstoffe vertont, darunter auch «I promessi sposi» (1856, Neufassung 1872), ein Werk, das auf Manzonis «Nationalroman» der Italiener basiert. Als Kapellmeister der «Guardia nationale» schrieb er erfolgreich Bläsermusik, als Domkapellmeister von Bergamo auch Messen, geistliche Hymnen und Kantaten. Jenseits der Grenzen Italiens sind diese Werke allerdings selten gehört worden. International hat sich allein Ponchiellis Oper «La Gioconda» durchgesetzt.

Venezianische Sitten

Dies vermutlich auch, weil die Geschichte einen hoch prominenten Anreger hatte: Sie geht auf ein Schauspiel von Victor Hugo zurück. Sicher aber auch, weil ein Opernspezialist erster Garnitur, wie es Arrigo Boito war, das Libretto für Ponchielli verfasste, zwar unter einem Pseudonym, aber immerhin!  Und drittens wohl, weil die Oper interessante Einblicke in die Sittengeschichte der Stadt Venedig im 17. Jahrhundert bietet.

Der venezianische Karneval kommt ebenso vor wie die Omnipräsenz der Kirche in der freien Republik; die reichen und mächtigen Venezianer ebenso wie die Bettler und die Strassenkünstler; Machtspiele und Intrigen gibt es hier ebenso wie die Hoffnungen, welche arme fromme Schlucker auf die Hilfe des Rosenkranzes setzen. Selbstredend gehört auch Liebe und Eifersucht zum Inhalt dieser Oper.

Die schöne Gioconda ist eine Strassensängerin, die für sich und ihre blinde Mutter in der Stadt ihren Lebensunterhalt «ersingt». Begehrt wird sie vom Spion Barnaba, sie aber liebt Enzo Grimaldo, einen inkognito in der Stadt den Karneval geniessenden Fürsten. Der Fürst ist allerdings auf der Suche nach seiner ehemaligen Geliebten Laura, die aber inzwischen mit dem mächtigen Inquisitionsbeamten Alvise Badoero verheiratet wurde.

Für Konflikte, Beleidigungen, Eifersuchtsszenen, misslingende Fluchtversuche und beschwörende gegenseitige Liebe ist somit reichlich gesorgt. Natürlich kommen auch Erpresserbriefe, Gift, den Scheintod produzierende Schlafgetränke und Dolche zum Einsatz. Das heisst ziemlich alles, was eine bühnentaugliche Oper damals erforderte.

Für all dies galt es, die geeignete Musik zu finden, was Ponchielli auch hervorragend gelang. Im letzten Akt ringt sich Gioconda durch, auf den von ihr Geliebten Enzo zu verzichten und dem Liebespaar Laura und Enzo zur Flucht zu verhelfen. Um mit dem Erpresser Barnaba nicht die Nacht verbringen zu müssen, ersticht sie sich vor seinen Augen mit einem Dolch. Dieser ruft ihr noch zu, er habe gerade Giocondas blinde Mutter in der Lagune erstochen. Die inzwischen tote Gioconda vernimmt es nicht mehr.

Selbstmord als Ehrenrettung

Es ist der Moment, in welchem diese Frau ihren Entschluss zum Selbstmord fasst, in dem sie eine der eindrücklichsten Arien des gesamten italienischen Opernrepertoires singt. Die über eine weite Tessitur – gemeint ist: über einen hinreichenden Stimmumfang – verfügenden dramatischen Soprane der Vergangenheit und der Gegenwart haben diese Arie in ihr Repertoire aufgenommen, die Callas wie die Tebaldi, Zinka Milanov wie Montserrat Caballé, um nur vier der grossen Gestalterinnen dieser Partie zu nennen.

Die Arie ist eine Art existentieller Selbstbefragung: Wie weit ist es mit mir gekommen? Ist der Selbstmord die richtige Antwort auf meine verwirrenden Gefühle und auf meine Ausweglosigkeit? Ist Selbstmord die letzte ratende Stimme des eigenen Schicksals? Gioconda erinnert sich an die leichten Tage ihrer Jugend. Inzwischen hat sie alles verloren – «verloren hab ich die Mutter, verloren auch die Liebe». Hat sie aber auch das Fieber der Eifersucht überwunden? Und ist der Selbstmord wirklich der letzte Ausweg, der ihr geblieben ist? Am Ende scheint es ihr, sie falle nur noch bleischwer in tiefe Dunkelheit. Gioconda scheint am Ziel zu sein und bittet den Himmel, «dass ruhig ich im Grab schlafen möge».

Kann irgend jemand sagen, welche Musik für die äusserste Verzweiflung die passende ist? Gibt es überhaupt eine Musik, die suizid-adäquat oder zumindest suizid-klärend ist?

Es müsste eine Musik sein, die neben Trauer und Verzweiflung auch so etwas wie Aufbegehren und Protest hörbar macht. Genau dies gelingt dem Komponisten Amilcare Ponchielli. Und genau dies gelingt auch Renata Tebaldi in ihrer fabelhaften Interpretation der «Gioconda» aus dem Jahr 1952.

Ähnliche Artikel

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren