Sport ist Mord

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Sport ist Mord

Von Ignaz Staub, 31.07.2017

American Football gehörte aufgrund medizinischer Erkenntnisse verboten. Doch wer schlachtet die heilige Kuh?

Amerika, wir wissen es nicht erst seit Donald Trump, ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Auch im professionellen Sport, von der Vermarktung sowie von den Salären und Profiten her erst recht. Baseball, Basketball und Football gehören zu den heiligen Kühen der Nation, mit einem Nährboden an liebgewonnenen Bräuchen und Ritualen. Der Herbst, wenn die Lüftchen kühler werden und die Blätter sich verfärben, gehört dem Football, jenem komplexen Spiel, das seiner häufigen Besprechungen und Unterbrüchen wegen einst als „Sport mittels Kommission“ definiert worden ist.

Dass Football als Kontaktsport, mitunter brutal und gewalttätig, bei aller Popularität auch dunklere Seiten hat, ist allgemein bekannt und von den Fans akzeptiert. Doch neuerdings zeigen medizinische Untersuchungen klar, dass der Sport längerfristig Gesundheit schädigend, wenn nicht gar lebensgefährlich ist. Erst vor kurzem hat eine Studie von 111 Gehirnen von früheren Spielern der National Football League (NFL) ergeben, dass 110 der untersuchten Organe Symptome von chronisch-traumatischer Enzephalopathie (CTE) aufwiesen – einer Krankheit, die unter anderem zu Gedächtnisverlust, progressiver Demenz und suizidaler Depression führen kann.  

Auslöser von CTE sind, ausgeklügelten Helmen zum Trotz, wiederholte Gehirnerschütterungen sowie unzählige ungebremste Zusammenstösse, Kopf gegen Kopf, während eines Spiels, dessen Teilnehmer immer schneller, schwerer und stärker werden. Doch die fundamentalen Gesetze der Physik – Kraft gleich Masse mal Beschleunigung – lassen sich entgegen aller Schönfärberei und Verharmlosung der Football League nicht aushebeln.

Zwar geht Dr. Ann McKee, Leiterin der Studie der Boston University, noch nicht so weit, zu behaupten, Football als Sport gehöre untersagt. Das wäre, als würde einer in der Schweiz wegen des Verletzungsrisikos ein Verbot des Schwingens fordern. Doch kein Geringerer als Barack Obama hat nach Bekanntwerden einer früheren Untersuchung verlauten lassen, er würde seine Söhne, hätte er welche, nicht Football spielen lassen. Noch aber gibt es in den USA genügend Eltern, die das tun und ihre Sprösslinge, wie Videos zeigen, lauthals dazu anstacheln, sich kopfvoran ins Getümmel zu stürzen.

Aufgrund jüngster medizinischer Erkenntnisse gehörte Football auf jeden Fall viel stärker reglementiert, wenn in seiner heutigen Form nicht gar verboten. Doch so weit wird es nicht kommen. Der Sport ist einerseits zu populär und anderseits für alle Beteiligten – Spieler, Clubs, Inserenten, Fernsehanstalten – zu profitabel. Kaum ein Politiker in Washington DC wird sich an diesem heissen Eisen die Finger verbrennen wollen.

Ein Spieler allerdings hat sich von den Ergebnissen der jüngsten Studie über CTE offenbar beeindruckt gezeigt. Der 26-jährige John Urschel von den Baltimore Ravens erklärte vergangene Woche nach drei erfolgreichen Jahren als Football-Profi, er beende seine Karriere und wende sich anderen Dingen zu.

Anderen Dingen? Urschel, 1,91 Meter gross und 136 Kilogramm schwer, galt schon als College-Student als Mathematik-Genie. Jetzt will der Afroamerikaner am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) seine Doktorarbeit beenden. Dazu braucht er einen klaren Kopf und ein kühles Hirn – jene Instrumente, die zu gebrauchen Politiker und Funktionäre der NFL allen Forschungsresultaten zum Trotz noch nicht willens sind. 

Kommentare

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Dazu sollte man auch Boxen noch verbieten, das produziert sicher genau so viele Hirnverletzte. Und auch die Mixed Martial Arts, das Freistil- und Alles-erlaubt-Strassenkämpfen in Arenen bis zum Abbruch, mit unglaublich brutalen Schlägen, Tritten und Würgegriffen, manchmal mit gebrochenen Knochen und Wirbeln und Todesfolgen. Aber vermutlich wurde das schon bei den Römern von den Gladiatoren gefordert. Hingegen das American Football könnten die Amis ja doch mit einer kontaktarmen Rugby Variante ersetzen, was zudem noch viel sexier aussieht, wie diese gut gebauten, knackigen jungen Männer in ihren engen Leibchen und knappen, kurzen Hosen so sportlich dynamisch gegen einander anrammeln. Huch.

Dazu muss man nicht nach Amerika schauen. Auch hier erzeugen der Sport und die daraus folgenden Schäden riesige Unkosten, von denen niemand spricht. Ich bin überzeugt, dass der Schaden jenen des Rauchens übertrifft und die Krankenkassenprämien hochschnellen lässt. Aber Sport ist ja sooooo gesund.

Lieber Mario Etzensberger, sie scheinen schlecht oritiert zu sein ueber das schweizerische Versicherungswesen. Im Normfall bezahl die KK keine Unfallkosten, also koennen wegen den vielen Unfaellen auch nicht praemien steigen. Falscher Suendenbock benannt.
So ist die Lage : Wer in der Schweiz mehr als acht Stunden beim gleichen Arbeitgeber arbeitet, ist automatisch via seines Betriebes in der obligatorischen Unfallversicherung (UVG) versichert. Kindern, Studenten oder Rentnern fehlt diese Unfallversicherung. Deshalb schliessen sie die Unfalldeckung in ihrer Krankenversicherung ein.

Lieber Bruno Fröhlich

Demenz und andere Folgekrankheiten landen sehr wohl bei den Krankenkassen..

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