Schatten der Geschichte

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Schatten der Geschichte

Von Klara Obermüller, 27.04.2017

Das Muster: Wer die israelische Politik kritisiert, ist ein Antisemit, ein Nestbeschmutzer oder ein Verräter, sicher aber ein Feind Israels.

Dies bekam jetzt der deutsche Aussenminister Sigmar Gabriel zu spüren. Davon können aber auch Regierungskritiker im Land selbst ein Lied singen. Israel ist beileibe nicht das einzige Land, das nach diesem Muster tickt. Man kennt es aus Russland, wo regimekritische Gruppierungen kollektiv unter dem Verdacht des Volksverrats stehen. Und man kennt es auch aus Ungarn, wo als Staatsfeind gilt, wer Orbáns Politik nicht vorbehaltlos zustimmt. Zu fragen bleibt, warum das so ist.

Es ist relativ einfach, dahinter politisches Kalkül und undemokratische Gesinnung auszumachen. Aber reicht es aus, um zu erklären, warum manche Länder auf Kritik mit solch reflexartiger Abwehr reagieren? Gerade der Fall Netanyahus zeigt meines Erachtens, dass da noch ganz andere, meist uneingestandene oder auch unbewusste Beweggründe mit im Spiel sind. Ich meine jene tiefsitzenden Ängste, die als Folge der traumatischen Erfahrungen des Holocaust in der israelischen Gesellschaft nach wie vor virulent sind.

Physische wie psychische Traumata setzen ihr zerstörerisches Werk fort, wenn sie verdrängt oder mit einem Schweigegebot belegt werden. Das war in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Fall, wo auf politischer Ebene zwar viel in die sogenannte Vergangenheitsbewältigung investiert wurde, im privaten Bereich eine Auseinandersetzung mit Scham- und Schuldgefühlen jedoch vielfach ausblieb. Das war aber auch in Israel der Fall, wo die Traumata der Verfolgten bis zum Beginn des Eichmann-Prozesses 1961 in der öffentlichen Debatte kaum thematisiert wurden. Und nicht viel anders verhält es sich in Russland, wo das Leid des Volkes von der Zarenherrschaft bis hin zum Terrorregime Stalins noch immer weitgehend tabuisiert ist.

Die Folge solcher Verdrängungsstrategien sind wiederkehrende Ängste, die das Denken der Menschen beherrschen und sie irrational und selbstzerstörerisch auf vermeintliche Angriffe reagieren lassen. Nein, sie entschuldigen weder Putins Hatz auf Andersdenkende noch Netanyahus Misstrauen gegenüber regierungskritischen Organisationen. Und sie entschuldigen schon gar nicht den Affront gegen den Aussenminister jenes Landes, das auf Grund seiner Geschichte Israel mehr als jedes andere in unverbrüchlicher Treue zur Seite steht. Aber sie können vielleicht ein Stück weit verständlich machen, warum viele der sonst so debattierfreudigen Israelis die Fassung verlieren, wenn sie sich der Kritik am eigenen Verhalten ausgesetzt sehen.

So viel an Verständnis für die Folgen traumatischer Erfahrungen sollten Aussenstehende, zumal im Land der einstigen Täter, schon aufzubringen bereit sein. 

Kommentare

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Hoppla, die Juden, seit mindestens 2500 Jahren in ihren Stammgebieten, siehe altes Testament, sollen nun mit den Arabern, seit rund 1300 Jahren Invasoren, in einen "Dialog" treten? Samaria war immer Stammland der Juden. Geschichte, an dutzenden Universitäten in Westeuropa gelehrt, scheint nicht wahrgenommen zu werden, geschweige an der Al -Aksar-Universität in Kairo.

Man muss die Juden halt verstehen, was die an Gewalt mitgemacht haben seit der Vertreibung aus Israel bei den Römern. Friedlicher, verständnisvoller Pazifismus hat's einfach nicht gebracht, sondern am verheerendsten war bis heute das Prinzip des Faschismus, Und von dem Schatten werden sie noch lange nicht los kommen.

„Wer die israelische Politik kritisiert, ist ein Antisemit, ein Nestbeschmutzer oder ein Verräter, sicher aber ein Feind Israels“.

Ich kann die Worte von Frau Obermüller nicht ganz nachvollziehen. Sie fügt den vielen Erklärungsversuchen, die den Befindlichkeitskämpfen zwischen PM Netanyahu und AM Gabriel folgten eine neue Sichtweise hinzu. Die der Psychologie. Psychologie ist immer gut und meist auch der Retter in verfahrenen Argumentationsketten.

Gabriel hat Israel nicht kritisiert, nicht bei diesem Besuch. Die Kritik kam im März 2012 aus Hebron und ist einfach in vielen Quellen zu finden: „Das ist ein Apartheid-Regime, für das es keinerlei Rechtfertigung gibt.“ Das war eine klare antiisraelische Kritik, hinter der sich heute fast immer Antisemitismus verbirgt. Mit dieser Aussage hat er sich als hochrangiger Politiker selber disqualifiziert.

Frau Obermöller spricht die Traumata von PM Netanyahu und des gesamten jüdischen Volkes an. Sie vergisst aber das Trauma des Sohnes Siegmar, der unerwartet erkennen musste, dass sein ungeliebter Vater ein aktiver Nazi der ersten Stunde war. War also das, was wir beobachten mussten die Folge von Trauma gegen Trauma?

Nein, das greift zu kurz. Das Aussenministerium von PM Netanyahu bot an, zum geplanten Treffen mit den beiden NGOs’ eine weitere NGO der anderen Seite einzuladen, um das Gespräch etwas ausgewogener zu gestalten. Der deutsche Botschafter sah es nicht einmal als notwendig an, dieses Thema mit seinem Chef zu diskutieren. Auch der erbetene Rückruf von AM Gabriel nach Jerusalem blieb aus.

Beide, Breaking the silence und Btselem sprechen im Zusammenhang mit dem israelischen Staat von „Apartheid“ und „Rassismus“. Innerhalb des Landes hindert sie niemand daran. Aber wenn es darum geht, ihre verhängnisvoll falschen und delegitimierenden Aussagen gegenüber hochrangigen Vertretern des Auslands zu wiederholen, dann ist das Ziehen der diplomatischen Notbremse getan. Nichts anderes hat PM Netanyahu gemacht.

Er verstösst nicht, wie Herr(?) Ramseier behauptet, gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker; in diesem Fall gegen Palästina. Einfach, weil es einen Staat Palästina nicht gibt.

Dass seine Argumentation immer schwammiger wird, kann vielleicht daran liegen, dass sie eben auf falschen Argumenten basiert. Wer die Kriegsverbrecher aus Ex Jugoslawien/Afrika als „Schürklein“ bezeichnet, PM Netanyahu aber implizit zu den „Schurken“, der hat etwas nicht verstanden. Sein oberstes Bestreben ist es, seinen, unseren Staat zu schützen. Auch wenn die Vorgangsweise vielleicht beim deutschen Freund sauer aufgestossen ist.

Immer mehr Menschen weltweit haben eben sehr wohl "verstanden", dass "den Staat zu schützen", sicher nicht heissen kann, den Lebensraum eines benachbarten Volkes systematisch einzuengen (mit Landraub und illegalen, teils von Extremisten bewohnten Siedlungen auf der Westbank), abzuschnüren und und zu zerstören (in Gaza). Auf den alten Trick, jemandem oder einer ganzen Ethnie, den oder die man weg haben will, zuerst mal die Existenz abzusprechen ("gibt es gar nicht") fällt erst recht niemand mehr herein. Solche "Vorgehensweisen" sind typische Anzeichen eines Unrechtsstaates. Lob für Herrn Gabriel, der zu solchen Machenschaften Klartext mutig spricht – und sich nicht erpressen lässt. Niklaus Ramseyer

Leute, die sagen, Gabriel habe Israel provoziert, sollten sich bitte ein bisschen besser informieren. Seit Jahren fährt Netanjahu und Konsorten die gleiche Tour. Wer ihre menschenverachtende, internationales Recht mit Füssen trertende, expansionistische Politik verurteilt, oder nur ein bisschen an ihr kratzt, wird als Antisemit an den Pranger gestellt. Danke, Frau Obermüller, dass Sie den Mut haben, dies einmal klipp und klar zu sagen. Leuten wie Frau Ospelt wünsche ich einen etwas breiteren Horizont.

Johann Leuthold - 27.04.2017 21:23:
Auch ich wünsche Ihnen, dass Sie einen breiten Horizont haben. Sie haben, wie auch Frau Obermüller, keine Ahnung von Israel und plappern islamische Propoganda nach.

Man kann immer und lange herumfinanssieren mit "unbewussten Beweggründen" oder "traumatischen Erfahrungen" und "tiefsitzenden Ängsten". (Hab ich selber alles auch. Z. B.: Vertreibung unserer Familie aus der Heimat meiner Grosseltern im Alter von 5 Jahren). Das alles hilft den Opfern der Gewalttäter in Machtpositionen jedoch nicht - und ist auch leicht arrogant ihnen gegenüber. Worum es (Soziologie hin oder Psychologie her) wirklich geht ist die Frage nach Macht und Gewalt oder/gegen Recht und Gesetz. In allen genannten Fällen verstossen militärisch hochgerüstete Gewaltherrscher gegen das eigentlich verbriefte "Selbstbestimmungsrecht der Völker": Putin in Tschetschenien, Netanyahu in Palästina, Erdogan im Kurdistan – und nicht zu vergessen Trump, wo er weltweit gerade will. Diese Täter können das nur, weil sie (im Unterschied zu kleineren Potentaten) nie sanktioniert, oder gar vor ein "Weltgericht" gestellt werden. Schlimmer noch: Sei missbrauchen diese "Weltjustiz" mitunter als Waffe gegen ihre "Feinde". Angeklagt oder verurteilt werden da dann nur lokal gefährliche "Schürklein" aus Ex Jugoslawien oder Afrika - oder aktuell der "Teufel" Assad. (Mit viel Bravo-Rufen in allen Medien) Solche selektive Justiz jedoch, die kein allgemein weltweit gültiges Gesetz ("Wer das und das macht, wird so oder so sanktioniert und bestraft") um- und durchsetzt, ist noch fast schlimmer, als gar keine. Kurzum: Es bräuchte endlich solche weltweit geltende Gesetze, die für alle gleich gelten - gerade und vor allem auch für die grössten und gefährlichsten Potentaten und ihre Günstlinge. Die Hoffnung stirbt zuletzt. N. Ramseyer, Bern

Aussenminister Sigmar Gabriel hat Israel wissentlich und willentlich provoziert und brüskiert.

Jawoll, hat er. Dass aber soo viele andere Politiker kuschen ist sehr bedenklich.

Sie haben Recht, Frau Ospelt. Wollte Gabriel den "starken Mann" zuhause geben, wo Wahlzeit ist? In Zeiten, in denen immer kurzfristiges Denken angesagt ist. Ein Steinmeier hätte wohl trotzdem anders agiert - mehr nach Schweizer Art. Womit wir nach wie vor gutfahren. Die Konsequenz Netanjahu's ist übrigens verständlich. Eine Konsequenz, die auch in anderen Belangen für sein Land verständlich und überlebenswichtig ist. Eine Konsequenz, die Europa, vor allem Deutschland, gut täte. Einem Deutschland, das mit bisherigem Laissez -faire in der Flüchtlingspolitik und seinen Integrationsträumen wohl auch in Israel nur Kopfschütteln auslöst.

Berlin hat Glück, dass die AfD ein zerstrittener Haufen ist - auch von Staatsmedien genüsslich verbreitet. Noch kann aber bis im Herbst einiges passieren. Wenn nicht, wird's wohl ein Weiterso geben - mit allen Konsequenzen. Bis zu den Wahlen bleibt Merkel & Co. aber noch Zeit, die eine oder andere AfD - Forderung umzusetzen oder in die Wege zu leiten. In Frankreich ist dies für etablierte Parteien nicht mehr möglich. Dort sind sie zur Stichwahl gar nicht mehr zugelassen. Vielleicht ein "Hallowach" auch für Deutschland - spätestens für übernächste Wahlen. Wenn ein Wir-haben-es-nicht-geschafft wohl Tatsache wird.

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