Riad auf Konfrontationskurs gegen Iran

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Riad auf Konfrontationskurs gegen Iran

Von Arnold Hottinger, 08.11.2017

Kommt nach Jemen und Syrien ein weiterer Stellvertreterkrieg, diesmal in Libanon?

In der gleichen Nacht des 4. auf den 5. November, in der Prinz Mohammed Ben Salman (MBS) unter dem Vorwand der Korruptionsbekämpfung seine Rivalen und Kritiker festnehmen liess, ging eine Rakete in der Nähe von Riad nieder. Die Saudis erklärten, sie sei abgefangen und unschädlich gemacht worden. Eine Explosion war in der saudischen Hauptstadt hörbar, und die Huthis in Sanaa veröffentlichten ein Video, auf dem – wie sie sagten – die von der Rakete verursachte Explosion zu sehen war. Das Video zeigt nichts Erkennbares ausser einem grossen Feuer.

Es war das zweite Mal, dass die Huthis eine Scud-Rakete auf Riad abfeuerten. Die erste war am 15. Oktober auf den Militärflugplatz bei Riad gerichtet, und die Saudis erklärten, sie sei ebenfalls abgefangen worden. Die Hafenstadt Jidda war mehrmals Ziel von Huthi-Raketen geworden. Keine hatte grossen Schaden angerichtet. Die Saudis verfügen über amerikanische Patriot-Abwehrbatterien, und Raytheon, der amerikanischer Hersteller der Patriots, sagt, die Raketenabwehr sei in Saudi-Arabien „hundert Prozent erfolgreich“ gewesen.

Saudi-Arabien prangert Iran wegen Huthi-Raketen an

Russische Scud-Raketen befanden sich schon im Besitz der jemenitischen Nationalgarde, bevor die Bombardierungen durch die Saudis begannen. Die Nationalgarde hat Partei für den früheren Präsidenten, Ali Saleh Abdullah, ergriffen, der sich seinerseits mit den Huthis verbündet hat. Einige der Scud-Depots sollen saudischen Luftangriffen zum Opfer gefallen sein, doch offensichtlich nicht alle.

Raketen, die Jiddah und Riad erreichen, müssen modifiziert worden sein, um ihre Reichweite zu verlängern. Solche Modifikationen von Scuds wurden von mehreren Staaten vorgenommen, unter ihnen Iran und Nord-Korea. Sie bilden manchmal den Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung eigener Raketen, wie dies in Iran geschah. Es gilt als nicht ausgeschlossen, dass jemenitische Ingenieure solche Verlängerungen der Reichweite vornehmen können, die normalerweise auf Kosten der Treffsicherheit gehen. Doch wahrscheinlicher ist, dass sie dabei ausländische Hilfe erhielten – wenn so, dann am ehesten aus Iran.

Bisher hatten die saudischen Behörden wenig Aufhebens von den Huthi-Raketen gemacht, die Saudi Arabien erreichten. Sie pflegten einfach den erfolgreichen Abschuss der Raketen zu melden. Doch diesmal war es anders. Der Kronprinz erklärte Iran für die Rakete verantwortlich, die auf Riad abgeschossen worden sei, und die saudische Koalition gegen die Huthis gab bekannt, dass sie alle Grenzen, Häfen und Flugplätze Jemens „vorübergehend“ für allen Personen- und Güterverkehr sperre, mit der Ausnahme von humanitären Hilfsgütern, welche ihrerseits einer strengen Kontrolle unterzogen würden. Dies soll geschehen, „um die Lücken in den Inspektionsvorgägngen zu stopfen, die es ermöglichen, dass beständig Raketen und militärisches Material zu den Huthis geschmuggelt werden, die Iran gegenüber loyal sind“, wie aus Riad verlautete.

Sperre auch für Hilfsgüter

Der Kronprinz sagte, die iranische Rakete stelle „möglicherweise ein indirektes Kriegsverbrechen Irans“ dar, und die militärischen Sprecher wiederholten diese Bewertung, indem sie das „möglicherweise“ und das „indirekt“ ausliessen. Die internationalen Hilfsagenturen erklärten, ihre Hilfsgüter würden ebenfalls gesperrt. Möglicherweise laufen die angekündigten strengen Kontrollen darauf hinaus, dass zunächst nur noch wenige oder gar keine Hilfsgüter durchkommen.

Die Uno rief Saudi-Arabien dazu auf, Hilfsgüter passieren zu lassen. Es geht um Nahrung und Medizin für das Land, das am Rande einer Hungersnot steht und unter einer schweren Cholera-Epidemie leidet. Auch die Medikamente gegen die Cholera werden zurzeit nicht mehr durchgelassen. Saudi-Arabien hat angeregt, die Hilfsgüter sollten in den saudischen Rotmeerhafen von Jizan transportiert werden statt in den jemenitischen Hafen Hodeida, den die Huthis kontrollieren und die Saudis bombardieren. Doch von Jizan müssten die Waren über die Grenze nach Jemen gebracht werden, und diese wurde ebenfalls für geschlossen erklärt.

Jemen im Clinch zwischen Saudis und Iran

Einer Zusammenkunft von Aussenministern der Staaten der saudischen Koalition gegen die Huthis in Riad erklärte der saudische Aussenminister Adel Jubair: „Iran zerstört alle Versuche, in Jemen eine Lösung zu finden. Das hat zum Zusammenbruch aller Verhandlungen zwischen der Regierung (gemeint ist jene al-Hadis) und den Milizen geführt. Diese Milizen könnten nicht weiter operieren ohne die Hilfe des grössten Terrorismushelfers der Welt – des iranischen Regimes.“ Gegenüber dieser Version der Dinge ist festzuhalten, dass die vielen vergeblichen Verhandlungen über Jemen bisher an der harten Haltung Saudi-Arabiens, und nicht etwa Irans, gescheitert sind.

Iran für den zähen Widerstand der Huthis verantwortlich zu erklären, hat einen doppelten Nutzen für Saudi-Arabien. Es erklärt, warum der seit langem erwartete Sieg über die Huthis nicht zustande kommt, und es liefert zusätzliche Argumente für die saudische Feindschaft gegenüber Teheran. Iran streitet alle Hilfe für die Huthis ab. Doch herrscht der Eindruck vor, dass die Iraner in der Tat die Huthis, soweit sie es können, mit Geld und mit Waffen versorgen.

Die jemenitische Bevölkerung läuft Gefahr, Opfer des Streits zwischen den beiden mächtigeren Staaten zu werden, die ihrerseits offenbar eher auf eine weitere Eskalation ihrer Konfrontation bedacht sind als auf irgendwelche Rücksichtnahme auf die schwer leidenden Jemeniten.

Kommt nun Libanon an die Reihe?

In Libanon schaut man besorgt auf die Konfrontation in Jemen, die sich zum Stellvertreterkrieg zu entwickeln scheint. Die Beobachter fragen sich, ob sich nicht ein vergleichbarer Prozess in Libanon vorbereite. Wie die Huthis – und wahrscheinlich mit mehr Berechtigung – werden die Hizbullah-Kämpfer in Libanon von den Saudis und ihren Freunden als Werkzeuge Irans angesehen. Diese Kämpfer haben in Syrien dazu beigetragen, die Pläne der Saudis zu vereiteln, die hofften, mit Hilfe der syrischen Rebellen Asad zu Fall zu bringen.

Dies stellt Riad vor die Entscheidung, entweder den Rückschlag in Syrien hinzunehmen und eine Aussöhnung mit Asad anzustreben, oder aber den Einsatz zu erhöhen, indem Saudi-Arabien versucht, die libanesischen Feinde und Gegenspieler der schiitischen Macht gegen Hizbullah zu mobilisieren und so den Stellvertreterkrieg aus Syrien nach Libanon auszudehnen.

Vorbereitungshandlungen von MBS

In Riad herrscht der Kronprinz Mohammed Ben Salman, MBS, dessen Vorgehen gegen vermutete Feinde und Widersacher bisher stets offensiver und präventiver Art gewesen ist. Wie in Jemen gegen die Huthis agiert er auch gegenüber Qatar und vor allem in Saudi-Arabien selbst, wo er stets als erster zuschlug: im vergangenen Juli gegen den bisherigen Kronprinzen, Mohammed bin Nayef, der weiterhin in seinem Palast unter Hausarrest steht; gegen Kritiker unter den Geistlichen und Intellektuellen im vergangenen Oktober; weiter am 4. November gegen eine ganze Phalanx von Rivalen, Kritikern und vermuteten Gegenspielern aus den obersten Schichten des Königreiches.

In Beirut fürchten viele, dass auch der Rücktritt des libanesischen Ministerpräsidenten, Saad Hariri, der gänzlich unerwartet in Riad verkündet wurde und der im Zeichen schwerer Anklagen und Polemik gegen Iran und gegen Hizbullah stand, den Auftakt für einen Versuch Saudi-Arabiens bilden könnte, die sunnitischen Feinde des Hizbullah in Libanon gegen die schiitischen und von Iran unterstützten Hizbullah-Kämpfer zu mobilisieren. Manche argwöhnen sogar, dass ein Krieg gegen Hizbullah in Libanon ein israelisch-saudisches Gemeinschaftsunternehmen werden könnte. Es ist bekannt, dass die saudischen und die israelischen Geheimdienste im Zeichen der gemeinsamen Feindschaft gegen Iran zusammenarbeiten.

Kommentare

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KSA und der Iran müssen jedem Demokraten zutiefst zuwider sein. Wären im Iran keine Hinrichtungen üblich, könnte man dem Iran sogar etwas Sympathie entgegen bringen. Aber Staaten in denen die Todesstrafe aufgrund religiöser Vergehen verhängt werden, die sollte man schlicht ignorieren, Geschäft hin, Geschäft her. Solche Systeme sind mittelalterlich und das sollte man ihnen auch klar zu verstehen geben.
Die gesammte Entwicklung in den Golfstaaten ist aus dem Ruder gelaufen.
Wenn man die geschichtliche Entwicklung beider Länder seit Ende des zweiten Weltkriegs betrachtet, ist die heutige Situation nicht verwunderlich​.
Da der heutige Einfluss von aussen auf diese Länder noch chaotischer erscheint wie in den fünfziger Jahren, werden die Ergebnisse in nächster Zeit wohl nicht weniger traumatisch verlaufen.

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