Povera Italia

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Povera Italia

Von Heiner Hug, Rom - 03.07.2017

Das Land dreht sich im Kreis und kommt aus dem Schlamassel nicht heraus.

Von Aufbruch keine Spur. Reformen? Fehlanzeige. Neues Blut in der Politik? Nichts. Nein, die Versager von einst kriechen diesen Sommer wieder aus den Löchern. Sie, die abgehalfterten Polit-Fossile geistern flächendeckend durch die Medien und wissen plötzlich, wie das Land gerettet werden kann. Da ist der 77-jährige Romano Prodi, der als Ministerpräsident kaum Spuren hinterliess. Er glaubt jetzt, dem Land Lektionen geben zu müssen, wie man es richtig macht. Oder da ist Ex-Ministerpräsident Mario Monti, ein peinlich gescheiterter Wirtschaftsprofessor. Auch er weiss plötzlich, wie erfolgreiche Politik geht. Auch Massimo D’Alema, ein ausrangierter Ex-Kommunist und Ex-Ministerpräsident, fühlt sich plötzlich wieder berufen, Belehrungen zu erteilen. Nicht genug: Auch Pierre Luigi Bersani, der einstige Chef der Sozialdemokraten, gibt Interview über Interview. Seine Politik bestand darin, nichts zu ändern. Und da ist natürlich auch der bald 81-jährige Silvio Berlusconi. In seiner zwanzigjährigen Regierungszeit hat er eigentlich nichts erreicht. Doch er hält sich für unentbehrlich und setzt zu einem neuen Karriere-Sprung an. Und da ist die Linke unter Matteo Renzi. Er hatte zu Hoffnung Anlass gegeben. Jetzt wird er in den eigenen Reihen abgeschossen. Die italienische Linke bietet einmal mehr ein jämmerliches Schauspiel der inneren Zerrissenheit.

Also: Nichts Neues in Italien. Das übliche Palaver. Opera buffa wie eh und je. Die traditionelle Selbstzerfleischung. Die gut bezahlten Politiker, die sich nur um sich selbst, statt um das Land kümmern. Auch der laute Beppe Grillo mit seinen populistischen „Fünf Sternen“ hat nichts zu bieten ausser einer grossen Klappe. Neue, profilierte, ernsthafte Politiker sind nicht in Sicht. Sowohl bei der Linken als auch bei der Rechten sind es die traurigen Erfolglosen, die dominieren – und nichts bieten. Wo sind die jungen Politiker mit frischen Ideen? In der Zwischenzeit geht es dem Land immer schlechter. Die Wettbewerbsfähigkeit sinkt, die Bürokratie lähmt jede Initiative. Investoren wandern ab. Das Land ist heute ärmer als noch vor 15 Jahren, Wachstum gibt es kaum, die Verschuldung bleibt horrend, 40 Prozent der Jungen sind arbeitslos. Hoffnung auf Besserung gibt es nicht. Wer glaubt, Italien komme in den nächsten zwanzig Jahren aus dem Schlamassel heraus, lebt auf der hinteren Seite des Mondes.

Kommentare

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Wer allen Ernstes glaubt, dass Italien - oder Europa überhaupt - an irgend einer Euro-Sklerose leide, oder gar, dass der Euro an allem Schuld sei, der gehört in die selbe Schublade wie die AfD. Die Einfachheit des Seins.

Es ist ziemlich naiv Herr Wolf zu glauben, der Euro sei schuld am italienischen Desaster. Sie haben einen Eurowahn und sie kennen Italien nicht.

Nun, Herr Schneider, ob man Herrn Wolf's Sicht auf den Euro als Eurowahn abqualifizieren sollte ist fraglich.
Die unbestreitbaren negativen Auswirkungen werden inzwischen selbst von €-Verfechtern nicht mehr in Abrede gestellt.
Den € als einzige Ursache zu verstehen ist selbstredend Unsinn, aber das können Sie dem Mitforisten auch nicht unterstellen.

Klientelpolitik über Generationen, Korruption in Politik, Geschäftswelt und Administration tragen ebenso zum Schlamassel bei wie ein betonierter Arbeitsmarkt, der jungen Menschen den Zutritt praktisch verwehrt. Das wohl ineffizienteste, langsamste und erratischste Rechtssystem in ganz Europa kommt hinzu. Ergänzungen gern erbeten.
Klingt das besser in Ihren Ohren?

wie erklären Sie sich denn sonst den Niedergang seit 20 Jahren? Die Italiener, die ich kenne, sind fleissig und erfinderisch, und ich arbeite gern mit Ihnen zusammen. Warum ist Euro-Skepsis, die auch von den unabhängigen Ökonomen wie HP Sinn von Anfang an geteilt wurde, "Eurowahn"?

Italien wird aus dem Schlammassel kommen, wenn der Euro abgewickelt wird. Dann ist die Wettbewerbsfähigkeit wieder da, die Jugendarbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit wird ein Ende haben, egal welche Politiker gerade dilettieren. Das geht keine 20 Jahre mehr.

Sie haben recht Herr Wolf. Ich kenne das Land aus langjähriger Erfharung. Der Euro wird in der Jugend aber auch bei führenden Ökonomen des Landes immer mehr als zerstörerischer Faktor für den Wachstum der Wirtschaft diagnostiziert. Hier lohnt es sich die jüngsten Bücher von Werner Flassbeck zu lesen.

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