Pinkeln in Afghanistan

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Pinkeln in Afghanistan

Von Helmut Scheben, 13.01.2012

Da sind ein paar amerikanische Soldaten, die auf die Leichen ihrer Feinde urinieren. Grosse Entrüstung weltweit, und Hillary Clinton sagt, dies entspreche nicht den Werten der amerikanischen Armee

Das Pentagon ordnet eine Untersuchung an und so weiter und so fort. Ich frage mich: Was um Himmels Willen sind denn die Werte eines Staates, der Kriegsgegner oder vermeintliche Terroristen Jahrzehnte lang auf einem gepachteten Stück Land in Kuba gefangen hält, weil sie dort leichter gefoltert werden können? Die Regierung Bush glaubte, auf Guatánamo gelte kein amerikanisches Recht.

Wo muss man die Werte der amerikanischen Armee suchen? Wo sind sie bisher zum Ausdruck gekommen? In den Flächenbombardements auf Vietnam? Im Einsatz der Dioxin-haltigen Substanz Agent Orange? Im Gefängnis von Abu Ghraib? In den geheimen Drohnen-Angriffen, die im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan seit vielen Monaten Woche für Woche halbe Dörfer in Schutt und Asche legen? Das ist eine Strategie, die in dieser Region den Hass auf die USA ins Masslose steigern wird.

Was wurde im Irak erreicht?

Zum Abzug der Amerikaner aus dem Irak wird selbst von den Blättern der übriggebliebenen kalten Krieger und von strammen NATO-Verbündeten kleinlaut die Frage gestellt, was denn mit diesem Angriffs-Krieg erreicht wurde im Zweistromland - ausser weit mehr als hunderttausend tote Iraker.

Am 14. Dezember zog Präsident Barack Obama in Fort Bragg, North Carolina, alle Register des traditionellen amerikanischen Patriotismus, als er den heimkehrenden Truppen für ihren heldenhaften Irak-Einsatz dankte.

Tags drauf titelt die Herald Tribune: „Killings in focus as U.S. pulls out.“

Tote Zivilisten "not remarkable"

Es geht unter anderem um ein Massaker in Haditha in der Provinz Anbar, Irak, im Jahre 2005. Eine amerikanische Patrouille war auf eine Mine gefahren, die Marines begaben sich daraufhin in die umliegenden Häuser und töteten 24 Dorfbewohner, darunter einen 76-jährigen blinden Mann und einige Kinder. Die Armee leitete eine Untersuchung ein. Die Befragungen der Beteiligten und Augenzeugen füllen 400 Seiten. Die Protokolle wurden als top secret eingestuft. Die Armee war im Begriff, die Sache in den untersten Schubladen verschwinden zu lassen, doch es kam durch Zufall anders.

Als die Amerikaner ihren Abzug aus dem Irak begannen, entdeckte ein Journalist der New York Times die geheimen Unterlagen in einem Hinterhof, wo irakisches Personal dabei war, Papiere eines Abfall-Containers zu verbrennen. Die New York Times veröffentlichte die Dokumente auszugsweise im vergangenen Dezember. Die Verhör-Protokolle ergeben ein grauenhaftes Bild von der täglichen Routine des Irak-Krieges. Viele der befragten amerikanischen Soldaten fanden die Tötung von zwei Dutzend Zivilisten in Haditha als nicht besonders erwähnenswertes Ereignis. „Not remarkable“, eine Routine-Sache. Major General Steve Johnson, der Kommandeur der amerikanischen Einheiten in der Provinz Anbar, gab zu Protokoll, er habe das Gefühl gehabt, der Tod von Zivilisten sei „part of the engagement“. Und: a cost of doing business.“

Von den acht beschuldigten Marines wurden sieben entlastet, ein Fall ist noch hängig. Ein Massaker von vielen, die folgenlos blieben.

Verteidigungsminister Leon Panetta sagte, es sei „absolut unangemessen“, wenn amerikanische Soldaten auf tote Taliban urinierten. Dies „spiegelt nicht den Standard oder die Werte, für die die amerikanischen Streitkräfte stehen“. Welche Werte meint der Mann?

Kommentare

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Herzlichen Dank, Herr Scheben, dass Sie die Heuchler hinter dem Atlantik (und deren Apologeten hierzulande) so klar ins rechte Licht rücken! Mit "reisserisch" hat das gar nichts zu tun. Und jene Intellektuellen, die meinen, sie müssten Sie über den Rhein hinweg schulmeistern, sollten sich erst mal fragen, warum eigentlich ihr Land immer noch unter US-Besatzung (Grafenwöhr!) steht. Und was das für ihr an diesen traurigen Zustand angepasstes kollektives Bewusstsein bedeute. Dass die Bundeswehr unter dem verlogenen Titel "Friedenseinsatz" auch noch meinte, sie müsse "Deutschland am Hindukusch verteidigen" (Struck,SPD), hat viel damit zu tun. Und es ist bestimmt nicht im Sinne der Mehrheit in diesem demokratischen Land, in dem die Leute gar nie über diese blödsinnige "Verteidigung am Hindukusch" abstimmen konnten. Im Gegenteil: Gestossen durch die US-Besatzer wurde dieser schmutzige Krieg (Kunduz!) den Deutschen durch ihre (grün-roten!!) Machthaber aufgedrängt.
Im Übrigen ist es halt schon ein grundlegender Unterschied, ob eine Armee sich darauf beschränkt, das eigene Land zu verteidigen, oder ob sie weltweit feige Feldzüge gegen technologisch meist klar unterlegene, weit entfernte Völker führt. Das hätte gerade Deutschland schon lange vor Kunduz eigentlich wissen müssen... Mit Verteidigung (Defense) hat ohnehin insbesondere die US-Kriegsmaschinerei längst nichts mehr zu tun. Das Land, das sich finanziell, ökonomisch und moralisch in einem rasanten Niedergang befindet, leidet unter einem ungeheuerlichen "militärisch-industriellen" Komplex, der jedes Jahr 700 Milliarden Dollar verschlingt, und die ganze Erde in Militärbezirke aufgeteilt hat (Wir sind hier in der US-Besatzungszone "Europe South Centre"). Vor dieser gefährlichen Entwicklung hatte schon der gescheite General und US-Präsident Dwight D. Eisenhower 1961 gewarnt. Könnte er die Kriegsmaschinerie seines Nachfolgers und Friedens-Nobelpreisträgers (!!!) Obama sehen, er würde seinen Augen kaum trauen. Das Problem dabei: Eine solche Maschinerie führt Krieg – unter irgend welchen Vorwänden und Lügen irgendwo (Mobile Giftgaslabors im Irak). Sie muss Krieg führen, weil sonst sofort die Frage gestellt wird: "What the fuck are we paying these guys for?" Nach den bösen Schlappen in Irak und Afghanistan, wird jetzt als "Nachfolge-Projekt" darum ein Krieg gegen den Iran vorbereitet und angezettelt. Da ist die Umwertung aller Werte, die Eisenhower schon fast prophetisch vorausgesehen hatte, in vollem Gange: Es wird nicht eine Armee unterhalten, um Krieg vom Land fern zu halten. Der "military-industrial complex" (Eisenhower) sucht sich umgekehrt immer neue Kriege, um seine eigene Existenz mitsamt Rüstungsfirmen und Forschungslabors dahinter abzusichern. Der gefährliche Komplex hat das ganze Land im Würgegriff. Und er bedroht im Falle der USA nun fast die ganze Welt. Das ist indes im Niedergang einer sich überdehnenden Weltmacht schon oft so gewesen: Das letzte Kapitel besteht meist fast nur noch aus Gewalt, Verlogenheit und Krieg. Was Wunder sagt der gescheite US-Amerikaner Noam Chomsky: "There ist only one rogue-state in the world – it' s the US of A."

(exceptio probat regulam in casibus non exceptis )? Bagram, Abu Ghuraib, Guantanamo... schon vergessen? Zeit zum nachdenken! Wenn ich Deutscher wäre, würde ich es niemals zulassen, dass heutzutage nochmals einer nach Berlin kommen würde um zu sagen er sei ein Berliner. Berlin müsste sich dann schämen.

Entrüstungsrhetorik ist genau der richtige Begriff für diese oberflächliche Art der Lehnstuhl-Empörung. Null Differenzierung, keinerlei historische Vertiefung. Gut dass ein Leser daran erinnert, was die meisten Bürger in Osteuropa über die Rolle der amerikanischen Armee in Europa während des Kalten Krieges denken - und jene Europäer mit etwas längerem Gedächtnis über die US-Beiträge im 1. und 2. Weltkrieg.

Panettas Bemerkung ist nicht adäquat, weil Krieg per se mit "anderen Mitteln" arbeitet. Selbst schweizerische Soldaten wären in einem Defensivkrieg auf schweizerischem Boden nicht fähig, zu töten und dabei Werte zu bewahren . Panetta ist entweder zynisch, oder ungebildet, oder anmaßend, indem er uns uns eben dies unterstellt. In diesem Sinne sind Sie, sehr geehrter Helmut Scheben, ins Lamentierende getappt, ins Entrüstungsrhetorische. Mir wäre ein differenzierender Essay da lieber gewesen. Nix für ungut, mit herzlichen Grüßen aus dem Nachbarland, Ihr Thomas Esche

...nicht schlecht geknurrt Löwe.

Hmmm.... mich würde mal interessieren, ob Armeen im Kampfeinsatz überhaupt geeignet sind, um Werte zu vertreten.

Man kann zwar der Auffassung sein, dass die Menschheit seit dem Krim-Krieg oder oder allerspätestens seit der Landung auf dem Mond bewaffnete Konflikte auf zivilisierte Manier und unter Einhaltung von Konventionen abwickelt.

Ich neige allerdings zu der Ansicht, dass wir auch noch im 21. Jahrhundert tendenziell mit den selben Strategien Krieg führen wollen, wie sie schon die Cro-Magnon-Menschen anwandten, als sie sich im lauschigen Süden Frankreich die Schädel mit Steinbeilen spalteten (um nachher den Rest der Feindpopulation zu vergewaltigen, zu meucheln oder zu versklaven).

@ Gast (13.01.2012, 11:11): Einverstanden, aber nicht reisserischer Journalismus muss auch auf solche Ungereimtheiten hinweisen dürfen, wie eben vermeintliche vs. tatsächlich feststellbare Werte. Eine Analyse ist es nicht unbedingt, aber der Artikel soll wohl zum Denken anregen. Die erwähnten Bsp. sind genügend verifizierbar und nicht aus der Luft gegriffen. So gesehen sollte der Text als "nicht reisserisch" durchgehen - im Vergleich zu Mainstream-Medien sowieso.

Übrigens ist Ihre Interpretation, wonach "die Werte eines Staates in Frage" gestellt werden, eher gewagt, quasi das Pendant zu dem, was Sie selber kritisieren. Der Artikel nimmt zwar indirekt deutlich Stellung, aber stellt vor allem Fragen nach den Werten.

Letzlich sind Ihre Beispiele (Europa) vermutlich sehr passend. Aber Sie sagen ja selber, dass es auch "grässliche Taten" gibt. Wollen wir ernsthaft "Werte" bewahren, müssen auch einzelne Verstösse dagegen schonungslos aufgedeckt und kritisiert werden dürfen.

Journal21 will gemaess Selbstbeschreibung "vertiefte Analysen" liefern. "Ganz bewusst betreiben wir keinen reisserischen Journalismus", heisst es weiter. Niemand bestreitet ernsthaft, dass Mitglieder der US Streitkraefte fuer graessliche Taten verantwortlich sind. Aber deswegen die Werte eines Staates in Frage zu stellen ist eindeutig "reisserisch" und kann wohl kaum als "vertiefte Analyse" bezeichnet werden. Wo sind die Werte der US Armee zum Ausdruck gekommen? Fragen Sie mal die Bevoelkerung Kosovo's oder Osteuropaeer nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Oder auch nur die meisten Westeuropaeer mit einem Geschichtsverstaendnis, das mehr als 50 Jahre zurueckgeht.

Journal21 will gemaess Selbstbeschreibung "vertiefte Analysen" liefern. "Ganz bewusst betreiben wir keinen reisserischen Journalismus", heisst es weiter. Niemand bestreitet ernsthaft, dass Mitglieder der US Streitkraefte fuer graessliche Taten verantwortlich sind. Aber deswegen die Werte eines Staates in Frage zu stellen ist eindeutig "reisserisch" und kann wohl kaum als "vertiefte Analyse" bezeichnet werden. Wo sind die Werte der US Armee zum Ausdruck gekommen? Fragen Sie mal die Bevoelkerung Kosovo's oder Osteuropaeer nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Oder auch nur die meisten Westeuropaeer mit einem Geschichtsverstaendnis, das mehr als 50 Jahre zurueckgeht.

Danke für diesen erfrischenden Beitrag. Leider will der Mensch belogen werden. Unschöne Tatsachen sind unbequem. Keine Person, welche einen Funken Verstand besitzt glaubt ernsthaft daran, dass eine "chirurgisch exakte" Kriegsführung möglich ist. Dennoch wird es ständig so propagiert und die Einsätze damit auch legitimiert. Beiläufig entsteht halt ab und zu Kollateralschaden - hey, niemand ist perfekt. Was dieser Kollateralschaden wirklich beinhaltet und wie gross er ist, ist Ermessenssache. Wo liegt die Grenze? Beinhaltet der Kollateralschaden auch, dass die Leute psychisch dermassen geschädigt werden, durch das was sie erleben, dass solche Dinge passieren? Leute wie Hillary Clinton sind einfach eine einzige riesige Lachnummer. Verurteilen das Geschehene aufs Schärfste und drohen mit Konsequenzen. Hat Sie auch Konsequenzen zu befürchten, weil Sie vielleicht in einem entfernteren Sinne überhaupt dazu beigetragen hat, dass es soweit kommen konnte? Diese Leute sind bestimmt nicht freiwillig in diesen Krieg gezogen. Die "Führung" (zu der sie ja auch gehört) hat genügend lange daran rumgebastelt, dass die Einsätze lohnenswert erscheinen - Ehre, Ruhm, Antiterror, Sicherheit und Klimbim. Es wäre zu wünschen, das weltweit die Teppichetagen mal gehörig ausgekehrt werden.

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