Pierre Loti - Les Désenchantées (1906)

Urs Bitterli's picture

Pierre Loti - Les Désenchantées (1906)

Von Urs Bitterli, 08.01.2014

Der Imperialismus war nicht nur ein Zeitalter kolonialer Ausbeutung, sondern auch exotischer Sehnsüchte. Im Werk des Franzosen Pierre Loti hat sich dieser Exotismus eindrücklich manifestiert.

In den Bildergalerien, welche die Bürger der europäischen Kolonialmächte im 18. Jahrhundert in ihren Köpfen trugen, beanspruchte der Orient einen wichtigen Platz. Die Engländer blickten nach dem Vizekönigreich Indien, das sie ausbeuteten, dessen Faszinationskraft sie sich aber nicht entziehen konnten. Die Franzosen profitierten von ihren Handelsbeziehungen zur Levante, und der Zauber orientalischer Lebensform faszinierte auch sie. Im Zeitalter der Aufklärung kam der Orient recht eigentlich in Mode. Jean Chardin bereiste Persien, und Montesquieu verfasste, auf dessen Bericht gestützt, seine „Lettres persanes“.

Lady Montagu, die Gattin eines britischen Botschafters, schrieb eine berühmte Schilderung über ihren Aufenthalt in Istanbul. Die französischen Maler porträtierten vornehme Pariserinnen in türkischer Kleidung und stellten deren Männer dar, wie sie auf geblümten Sofas sassen und ihre Wasserpfeifen rauchten. Auf dem Theater und in der Oper waren die „Turquerien“ beliebt: Mozarts „Entführung aus dem Serail“ spielt im Landhaus eines osmanischen Würdenträgers am Bosporus. Im 19. Jahrhundert war es der französische Maler Ingres, der diese Tradition mit den Bildnissen der Odalisken, nackter türkischer Haremsdamen, weiterführte, und Maler wie Delacroix, Manet oder Matisse wandten sich gern orientalischen Themen zu.

Die Blume im Haar der Tahiti-Frauen

Soll man denjenigen unter den französischen Schriftstellern nennen, welcher diesen „Orientalismus“ an der Wende zum 20. Jahrhunderts am überzeugendsten vertrat, muss man Pierre Loti nennen. Julien Viaud, wie er eigentlich hiess, wurde 1850 in Rochefort an der Atlantikküste geboren; sein Pseudonym wählte er nach dem Namen einer Blume, die sich auf Tahiti die Insulanerinnen ins Haar steckten. Die See lockte ihn, und er befuhr, vom Matrosen zum Kapitän aufsteigend, die Weltmeere. Die wichtigsten Stationen seiner Reisen waren Kleinasien und Nordafrika, der Senegal und Tahiti, China und Japan.

Als groben Seebären darf man sich Loti nicht vorstellen, fiel er doch schon als Kind durch seine Sensibilität, eine Neigung zur Melancholie und ausgeprägte musische Begabung auf. Auf seinen Reisen führte er Tagebuch und hielt als talentierter Zeichner Land und Leute fest. Viele seiner Aufenthalte boten auch Stoff zu Büchern, die weite Verbreitung fanden. Deren Titel lassen erraten, wo die Handlung spielt: „Le roman d’un Spahi“, „Madame Chrysantème“, „La mort de Philae“, „Un pèlerin d’Angkor“. Pierre Loti war, nebenbei bemerkt, ein grosser Katzenliebhaber; das Kunsthaus Zürich besitzt ein Porträt von ihm mit rotem Fez und Katze, das Henri Rousseau gemalt hat.

Türkei-Liebhaber

Das Land, das Pierre Loti am nächsten stand, war die Türkei, besonders Istanbul, wo er sich mehrmals und für längere Zeit aufhielt. Die Hauptstadt des Osmanischen Reiches und die Residenz des Sultans zählte damals gegen eine Million Einwohner, etwa 500’000 Türken, je 200’000 Armenier und Griechen, ferner Juden und eine stattliche Minderheit anderer Nationalitäten. Dank ihrer beherrschenden Lage am Bosporus und ihrem vorzüglichen Hafen war und ist die Stadt von grosser strategischer und wirtschaftlicher Bedeutung, und viele europäische Länder unterhielten hier ihre diplomatischen Vertretungen.

Doch das Osmanische Reich befand sich in einem Auflösungsprozess, und die europäischen Grossmächte waren begierig, den „alten Mann am Bosporus“ zu beerben. Die türkischen Besitzungen auf der Balkanhalbinsel fielen ab, und im Innern wuchs die Opposition gegen Misswirtschaft und Korruption. Als Frankreich im Jahre 1877 ein Kriegsschiff zur Sicherung seiner Interessen am Bosporus stationierte, befand sich der Marineoffizier Pierre Loti an Bord.

Liebe ohne Zukunft

Der Zauber des Orients scheint den Franzosen rasch erfasst zu haben. Er mietete eine Stadtwohnung, nahm Türkischstunden, kleidete sich türkisch, rauchte die Wasserpfeife und spielte mit dem Gedanken, Muslim zu werden. Ja, er ging noch einen Schritt weiter: Er verliebte sich in ein reizendes Mädchen, die Frau eines alten Geschäftsmannes. Doch das Ende der Liebesgeschichte war absehbar: Loti musste nach Frankreich zurückkehren, die Geliebte starb am gebrochenen Herzen.

Es ist diese wahre Geschichte, die Pierre Loti in seinem ersten erfolgreichen Roman unter dem Titel „Aziyadé“, erzählte. Das Buch ist eine Liebeserklärung an die Türkei. Das Bild, das der Autor von Istanbul und vom türkischen Alltag zeichnet, wirkt authentisch. Von der Schilderung des Frauenhauses, in dem seine Geliebte in strikter Abgeschlossenheit gehalten wird, geht ein melancholischer Zauber aus. Wenn Loti die Titelfigur beschreibt, die wenig sagt, aber gern lächelt, die sich elegant und lautlos bewegt, die sich in erlesene Stoffe kleidet und aufreizend parfümiert – dann gelingen ihm atmosphärisch dichte Schilderungen, in denen Erotik und Exotik sich verführerisch verbinden. Dabei spielt sich alles - hier wie in anderen von Lotis Romanen – vor einem dunklen Hintergrund des Geheimnisses, der Bedrohung und der Gefahr ab, und der Leser ahnt früh, dass diese Liebe keine Zukunft hat.

Eine Verehrerin aus Istanbul

Der bedeutendste Türkei-Roman Pierre Lotis heisst „Les Désenchantées“ und erschien 1906; eine deutsche Übersetzung, in der ganze Abschnitte einfach weggelassen wurden, kam unter dem Titel „Die Entzauberten“ 1912 heraus. Die Handlung, inspiriert von einem späteren Istanbul-Aufenthalt Lotis vom Jahr 1903, ist rasch erzählt. Der erfolgreiche Schriftsteller André Lhéry, Lotis Alter ego, erhält eines Tages an seinem Wohnsitz in Frankreich den Brief einer türkischen Verehrerin aus Istanbul, die seine Bücher gelesen hat.

Die junge Dame heisst Djénane. Sie ist gebildet, schreibt perfekt Französisch, liest Baudelaire und spielt auf dem Klavier Chopin. Sie lebt in gehobenen Verhältnissen, aber in völliger Abgeschlossenheit, überwacht von schwarzen Dienern und Gouvernanten. Sie erhält Lhérys Antwortschreiben am Tag vor ihrer Verheiratung mit einem Mann, den sie weder kennt noch liebt.

Der Reiz des Geheimnisvollen

Drei Jahre später, im Jahre 1904, erhält André Lhéry einen Posten als Attaché an der französischen Botschaft in Istanbul. Nicht seine berufliche Tätigkeit, sondern die Wiederbegegnung mit der geliebten Stadt, die er von deinem früheren Aufenthalt her kennt, ist ihm wichtig. Die inzwischen verheiratete Djénane hat von seiner Ankunft erfahren, will ihn sehen und bittet um eine Zusammenkunft. Lhéry trifft Djénane, die zum heimlichen Rendez-vous zwei ihrer Freundinnen, Zeyneb und Mélek, mitbringt. In den folgenden Monaten treffen sich Lhéry und die drei Damen immer wieder auf verschwiegenen Plätzen, auf Booten am Bosporus, in Parkanlagen.

Allen diesen Begegnungen haftet der Reiz des Geheimnisvollen und Verbotenen an. Die Türkinnen, die in der strikten Isolation des Frauenhauses leben, überlisten ihre Wächter und treten immer in schwarzen Gewändern und verschleiert auf. Zuweilen wechselt man auch Briefe. In den Briefen und bei den Zusammenkünften ist vom Elend und der Verzweiflung der jungen Türkinnen die Rede, die in Unfreiheit existieren und die sich, da sie sich in der Liebe nicht verwirklichen können, in Traumwelten flüchten. „Man verheiratet uns ohne unser Einverständnis, so wie Schafe oder Stuten“, heisst es in einem dieser Briefe. Lhéry und die drei Frauen kommen sich rasch näher. Djénane berichtet vom Unglück ihrer Ehe, und zwischen ihr und dem Attaché entsteht eine seltsame, melancholisch überschattete Vertrautheit, die nicht Liebe sein darf. Die drei Freundinnen bitten Lhéry, ein Buch zu schreiben und sich darin für die Emanzipation der türkischen Frau einzusetzen. Das Buch soll den Titel „Les Désenchantées“ tragen.

Gift

Die Geschichte dieser Beziehung endet tragisch. Lhéry wird nach Frankreich zurückgerufen. Mélek stirbt vor einer Verheiratung, die sie nicht akzeptiert. Djénane enthüllt beim Abschied ihres französischen Geliebten erstmals ihr Antlitz und wirft ihm aus tränenfeuchten Augen einen letzten Blick zu.

Aus Frankreich übersendet der Schriftsteller Djénane einen ersten Teil seines Buches. Ein Versuch Djénanes, sich von ihrem ungeliebten Mann zu trennen, schlägt fehl; sie nimmt Gift und stirbt. Es ist Zeyneb, die letzte der drei Türkinnen, die Lhéry den Brief nach Frankreich nachsendet, den Djénane sterbend an ihren Geliebten verfasst hat. Darin erinnert sie ihn an sein Versprechen, das Buch zu verfassen und schreibt: „Sind Sie sich der Trostlosigkeit unseres Lebens wirklich bewusst geworden? Haben Sie begriffen, welches Verbrechen es ist, Frauen wie leblose Gegenstände zu behandeln und schlummernde Seelen aufzuwecken und dann zu zerbrechen, wenn sie auffliegen wollen? Sagen Sie es, dass unsere Existenzen wie im Sand versunken und einer langsamen Agonie ausgesetzt sind. Ja, sagen Sie das alles, damit wenigstens mein Tod meinen muslimischen Schwestern von Nutzen ist.“

Sentimental?

Der heutige Leser mag Pierre Lotis Roman, einst ein Erfolgsbuch erster Ordnung, als sentimental oder gar als melodramatisch empfinden; doch das Buch bleibt glaubwürdig als psychologisch fein durchdachte Darstellung der tragischen Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen verschiedener Kultur. André Lhéry, der elegante, etwas oberflächliche Vertreter der bürgerlich-europäischen Kultur, sucht in Istanbul das Abenteuer und die Wiederbelebung der Erinnerung an einen früheren Aufenthalt und an eine frühere Liebe.

Er sucht beides vergebens, denn nicht nur er selbst, sondern auch Istanbul hat sich verändert und ist, wie der Autor schreibt, vom „bösen Hauch des Abendlandes“ erfasst worden. Djénane ihrerseits, die westlich gebildete Frau, ahnt etwas von den Freiheiten, die der türkischen Frau versagt bleiben, kann sich aber zur resoluten Absage an ihre Kultur nicht entschliessen. Je mehr sie sich von ihren orientalischen Wurzeln zu emanzipieren sucht, desto mehr verliert sie den Reiz der Orientalin, den Lhéry bei ihr sucht.

"So endet alles"

War Pierre Loti ein Imperialist? Sicherlich freute er sich darüber, auf den Weltmeeren die Tricolore wehen zu sehen, und er war stolz auf das „Empire colonial“, das ihm sein weltläufiges Leben ermöglicht hatte. Durch seine Bücher reich geworden, erweiterte er sein Haus in Rochefort um eine Moschee, eine japanische Pagode, und  einen türkischen Salon, wo er, exotisch kostümiert und an seiner Wasserpfeife saugend, Gäste empfing.

Aber Pierre Loti war kein Hurra-Imperialist und keine Eroberer-Natur. Der französischen Kolonialdoktrin, die den unzivilisierten Eingeborenen zum freien französischen Citoyen emporzuheben versprach, ohne je den Zeitpunkt zu nennen, an dem dieses Versprechen eingehalten würde, misstraute er zutiefst. Mit Unbehagen und Skepsis verfolgte der Zivilisationsflüchtling Loti, wie der europäische Industrialisierungsprozess auf überseeische Kulturen übergriff und ihr historisches Erbe und ihren exotischen Zauber zu zerstören begann. Dem Osmanischen Reich bewahrte Pierre Loti bis zu dessen Ende seine unverbrüchliche Treue. Im Jahre 1910 hielt er sich wiederum in Istanbul auf, gab sich melancholischen Erinnerungen hin und schrieb ins Tagebuch: „Ich sehe dem Ende des Sommers, dem Ende des Orients und meinem eigenen Ende entgegen; so endet alles.“

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren