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Zweiter Weltkrieg

Blutiges Endspiel an der Schweizer Grenze

11. März 2026
Rolf App
Bevorstehende Hinrichtung
Insbesondere die SS reagiert auf den Widerstand mit brutaler Härte auch gegenüber der Zivilbevölkerung: Hier warten am 20.Juni 1944 in Verbania 44 Männer und eine Frau auf ihre Hinrichtung. (Bild aus: Raphael Rues/Andrej Abplanalp: Kampfzone Ossola)

Mit der Landung der Alliierten auf Sizilien und dem Sturz Mussolinis beginnt 1943 für Italien eine neue Zeit. Im Norden formieren sich Partisanenverbände. Beherzt, aber mit teils untauglichen Mitteln kämpfen sie gegen die Deutschen. Sie bekommen dabei aus der Schweiz Unterstützung, was jetzt auch im Parlament ein Thema ist. Ein neues Buch zeichnet die turbulente Zeit nach.

Egone Gruenberger ist Textilkaufmann in Istrien, das zu dieser Zeit zu Italien gehört, und hat gute Beziehungen in die Schweiz, zur Firma Eduard Sturzenegger in St.Gallen. Als er sich im Dezember 1943 zusammen mit Frau, Mutter, Bruder und Tante auf den Weg macht, hofft er sehr, hier in Sicherheit zu sein. Denn für Juden wie ihn und seine Angehörigen ist Italien zu einem gefährlichen Terrain geworden, seit englische und amerikanische Truppen im Juli auf Sizilien gelandet sich. Dank eines genialen Täuschungsmanövers gelingt es ihnen, rasch vorzurücken. Die Italiener reagieren: Schon am 25.Juli wird der faschistische Diktator Benito Mussolini abgesetzt und verhaftet, eine Übergangsregierung schliesst einen Waffenstillstand mit den Alliierten.

 

Abwehrkampf
Partisanen der Division Piave nahe der Grenze im Kampf gegen die Besatzungstruppen. Wenige Tage später werden diese Männer ins schweizerische Spruga fliehen. (Bild aus: Raphael Rues/Andrej Abplanalp: Kampfzone Ossola)

Die mit Italien verbündeten Deutschen sind keineswegs überrascht. Kurzerhand übernehmen sie die Herrschaft, befreien Mussolini, deportieren rund 70’000 italienischer Männer nach Deutschland, sie ziehen sich Schritt für Schritt nach Norditalien zurück und hinterlassen eine Spur der Verwüstung. Was jetzt in unmittelbarer Nähe der Schweizer Grenze – und mit tatkräftiger Unterstützung aus dem Tessin und dem Wallis – geschieht, zeichnet ein gerade erschienenes Buch nach. «Kampfzone Ossola» von Raphael Rues und Andrej Abplanalp erzählt von Partisanen und ihren Helfern, von Massakern und Hilfsaktionen aus der Luft, von Spionen und einer verhinderten Tunnelsprengung. Und von einfachen Menschen wie dem eingangs erwähnten Egone Gruenberger.

Egone Gruenberger hat doch noch Glück

Der wird an der Grenze abgefangen und über den Lago Maggiore zurückgeschickt. Nur seine schwangere Frau darf bleiben. Egone Gruenberger wird in Mailand inhaftiert, im Januar 1944 soll er mit rund 650 Gefangenen, viele von ihnen wie er an der Schweizer Grenze zurückgewiesen, ins Konzentrationslager Auschwitz (und damit in den fast sicheren Tod) transportiert werden. Doch in der Nähe von Verona springt er zusammen mit zwei anderen Männern aus dem fahrenden Zug und schlägt sich nach Mailand durch, wo er in Kreisen des Widerstands unterkommt. Partisanen unterstützen ihn jetzt auf dem Weg zur Schweizer Grenze, wo man ihn diesmal passieren lässt. 

Gut sichtbar ist die Endphase des Zweiten Weltkriegs angebrochen. An allen Fronten befinden sich die faschistischen Verbündeten in der Defensive, überall wird heftig gekämpft, und mittendrin befindet sich in unangenehmer Lage die neutrale Schweiz. Besonders heikel ist die Lage im Süden. Denn in Norditalien hat sich am Gardasee Mussolinis Rumpfstaat etabliert und verteidigt sich mit 100’000 brutalen faschistischen Kämpfern, die nichts zu verlieren haben. Weiter westlich, im Piemont, versuchen die Deutschen, der Verbände weiterer, rund 100’000 Kämpfer umfassenden Partisanen Herr zu werden, die sich mit dem Zusammenbruch der faschistischen Herrschaft gebildet haben, und schrecken dabei auch vor Massakern an der Zivilbevölkerung nicht zurück. 

Tausende fliehen in die Schweiz

Oft kommt das Terrain diesen Partisanen zu Hilfe, besonders trifft dies auf die 1800 Quadratkilometer grosse, von den Kantonen Wallis und Tessin umfasste Region Ossola rund um Domodossola mit ihren schwer zugänglichen Wäldern und den Fluchtwegen in die Schweiz zu.

Karte
Das Partisanengebiet Ossola zwischen der Schweizer Grenze und dem Lago Maggiore (Karte aus: Raphael Rues/Andrej Abplanalp: Kampfzone Ossola)

Dort verschanzen sich jetzt die Kämpfer, ab und an aus der Luft unterstützt durch von den Alliierten abgeworfene Waffen und Munition. Die Bewaffnung ist ein Problem, die Rivalität unter den Partisanengruppen ein weiteres. Denn schon kündigt sich die Nachkriegszeit an, da aus den Verbündeten USA und Sowjetunion Rivalen werden. Auch in Italien gehen die kommunistischen Partisanen jetzt gern ihre eigenen Wege, manchmal, wie bei der von ihnen vom Zaun gerissenen Belagerung des Arbeiterstädtchens Gravellona, mit verheerenden Konsequenzen: Mehr als dreissig Partisanen verlieren dabei ihr Leben.

Rund 3’500 gut ausgebildete deutsche Soldaten stehen 4’000 schlecht bewaffneten und ausgebildeten, dafür ortskundigen Partisanen gegenüber: So sieht es auf den ersten Blick aus. Doch auch die Deutschen haben ihre Schwachpunkte. Immer öfter nämlich müssen sie sich mit Hilfstruppen behelfen, die jede Gelegenheit zur Flucht benutzen. Für kurze Zeit vermag sich eine Partisanenrepublik Ossola zu etablieren, sie organisiert mit dem Schweizerischen Roten Kreuz die Flucht von über 1’500 schwer unterernährten Kindern in die Schweiz, wo sie bei Gastfamilien im ganzen Land Aufnahme finden. Im Oktober 1944 aber gelingt den Deutschen zusammen mit Verbänden der italienischen Faschisten – zu denen auch der 1997 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Dario Fo gehört – die Rückeroberung des Gebiets, mehr als 10’000 Menschen fliehen in die Schweiz.

Lebhafte Unterstützung aus der Schweiz 

Die wird, mehr und mehr, zu einem wichtigen Rückzugsraum und bekommt auch mannigfache Hilfe aus der Zivilbevölkerung und der Politik. «Der Kanton Tessin bot Zivilisten und Partisanen aus dem Ossolagebiet Unterschlupf, diente mehreren Widerstandsgruppen als Operationsbasis und erleichterte den Schmuggel von Waffen und sonstigem Material», fassen Raphael Rues und Andrej Abplanalp ihre Nachforschungen zusammen. «Die Tessiner Behörden waren an dieser Unterstützung beteiligt und strapazierten die offizielle Neutralitätspolitik der Schweiz einige Male bis aufs Äusserste. Zum Beispiel als mehrere Tessiner Politiker im Herbst 1944 die Partisanenrepublik Ossola besuchten.» 

Einige Männer aus der Region Locarno gehen noch einen Schritt weiter, indem sie wie Vincenzo Martinetti, Vater der bekannten Sängerin Nella Martinetti, sogar mitkämpfen – was als fremder Kriegsdienst bis heute verboten ist. Doch sollen die damals rechtmässig verurteilten Schweizer Kämpfer in den Reihen der französischen Résistance und der italienischen Resistenza jetzt nach dem Willen des Bundesrates und der vorberatenden Kommission des Nationalrats auch formell rehabilitiert werden, weil ihre Bestrafung nicht mehr dem heutigen Gerechtigkeitsempfinden entspreche.

Die Amerikaner greifen ein

Je länger der Krieg dauert, desto stärker tritt dessen Beendigung ins Zentrum politischer Bemühungen. Sie gehen insbesondere von Allen Dulles aus, dem Chefspion der USA in der Schweiz, der im SS-General Karl Wolff einen Partner auf deutscher Seite findet. Wolff kommt im März 1945 in die Schweiz mit der Absicht, die Amerikaner auf die deutsche Seite zu ziehen, um dann gemeinsam den Kampf gegen die Sowjetunion fortzusetzen – was freilich eine Illusion ist. Kontakte zum Schweizer Nachrichtenoffizier Max Waibel ebneten den Weg zur Kapitulation der deutschen Truppen in Italien. Wolff widersetzt sich dabei auch Hitlers Befehl, alle Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen zu zerstören. Das hätte auch den Simplontunnel betroffen, zu dessen Sprengung die deutsche Wehrmacht bereits sehr weitgehende Vorbereitungen getroffen hatte. Dieses Vorhaben aber wird in den Morgenstunden des 22. April 1945 vom gut informierten Schweizer Nachrichtendienst und hundert lokalen Partisanen vereitelt. Ein Teil der Widerstandskämpfer blockiert den Weg zur nächsten Wehrmachts- und SS-Garnison, der Schweizer Geheimdienst überredet die deutschen Wachsoldaten zum Überlaufen.  

Raphael Rues/Andrej Abplanalp: Kampfzone Ossola. Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943–1945. Verlag Hier und Jetzt, Zürich 2025, 184 Seiten

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