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Mailand

Das Ende einer Kult-Buchhandlung

11. März 2026
Heiner Hug
Mailand
Der Corso Vittorio Emanuele II. im Jahr 1926. Rechts die Buchhandlung Hoepli, im Hintergrund der Dom (Foto: Mit freundlicher Genehmigung Navigli Foto)

Sie gehört zu Mailand wie der Dom. Die vor 156 Jahren von einem Thurgauer gegründete Buchhandlung war weit mehr als ein Geschäft für Bücher: Über Generationen hinweg diente sie als Treffpunkt für Intellektuelle, Kulturschaffende und Politiker. Nun ist Schluss. Mit der Liquidation verschwindet ein Stück Mailand.

Dutzende Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen protestierten am Dienstag vor der Buchhandlung mit Plakaten gegen die Schliessung der historischen «Libreria Ulrico Hoepli». Zuvor hatten die drei Erben des Kulthauses, in dem auf vier Etagen über 100'000 Bücher zu finden sind, die Schliessung beschlossen.

Ihr Vorfahre, der in Tuttwil im Kanton Thurgau geborene Johann Ulrich Höpli, Sohn einer Hutmacherin und eines Bauern, hatte 1862 in Zürich eine Buchhändlerlehre gemacht und zog dann über Mainz, Leipzig, Wien, Triest und Breslau nach Mailand. 

Im Jahr 1861 war das Königreich Italien entstanden. Weite Gebiete des heutigen Italien hatten sich unter König Vittorio Emanuele II. zusammengeschlossen. Erste Hauptstadt des neuen Nationalstaates war Turin, aber vor allem das viel grössere Mailand erlebte einen wirtschaftlichen, kulturellen und intellektuellen Aufbruch.

In dieser Zeit sah Ulrich Höpli seine Chance. 1871 kaufte er eine kleine Buchhandlung mit einer Buchbinderei. Doch er wollte nicht nur Bücher verkaufen, er wollte auch anspruchsvolle Bücher verlegen. Damit trug er wesentlich zum geistigen Aufschwung des neues Staates bei. Aus Johann Ulrich Höpli wurde Ulrico Hoepli.

Taschenbücher gab es damals noch kaum. Da sah Hoepli eine Marktlücke. Seine Handbücher im Taschenformat 10 mal 15 Zentimeter nannte er «Manuali». Die Reihe behandelte Themen aller Art: Technik, Wissenschaft, Astronomie, Recht, Medizin, Kultur, Geschichte und Geografie. Auch Kunst, Mode, Fotografie sowie Biografien bedeutender Italienerinnen und Italiener gehörten dazu. Insgesamt erschienen mehr als 2000 dieser Bände. Sie trugen wesentlich zur Volksbildung bei und förderten den Zusammenhalt Italiens, das damals sprachlich, kulturell und politisch noch ein Flickenteppich war.

Ulrico Hoepli
Ulrico Hoepli im Alter von 35 Jahren (PD)

Hoepli galt als Workaholic. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeitete er in seiner «Casa Editrice Libreria Ulrico Hoepli». Bald schon wurde er mit Preisen überschüttet. Er wurde Ehrendoktor der Universität Zürich, Ehrenbürger von Mailand. An der Weltausstellung 1893 in Chicago wurde sein Verlag mit acht Goldmedaillen ausgezeichnet. Er wurde Verleger des italienischen Königshauses und des Vatikans. Als er 1931 ans Zürcher Sechseläuten eingeladen wurde, war es der Flugpionier Walter Mittelholzer, der ihn nach Dübendorf bei Zürich flog. Er wirkte auch als Mäzen und unterstützte grosszügig unter anderem den Bau der geplanten Zentralbibliothek in Zürich, die Psychiatrische Klinik in Münsterlingen und die Schweizer Schule in Mailand. Sogar ein Asteroid (8111 Hoepli) ist nach ihm benannt. Die Buchhandlung in Mailand befindet sich in der «Via Hoepli».

Der Verlag und die Buchhandlung wurden zuletzt in fünfter Generation von Giovanni Ulrico Hoepli, Matteo Hoepli und Barbara Hoepli geführt; Barbara Hoepli steht dem Verwaltungsrat vor. Noch vor kurzem veröffentlichte der Verlag rund 300 neue Titel pro Jahr.

Im vorletzten Sommer sorgte die Buchhandlung für Schlagzeilen: Ein mysteriöser Käufer erwarb sämtliche 200 Bücher, die in den Schaufenstern ausgestellt waren – für rund 10’000 Euro. Das teuerste Exemplar war eine limitierte Ausgabe des Bildbands Bruce Springsteen & The E‑Street Band Lynn Goldsmith, im Wert von 600 Euro.

Nun endet die lange Erfolgsgeschichte. In der Kanzlei einer Mailänder Notarin legten die drei Erben nach «schwierigen und gründlichen Überlegungen zur Gesamtsituation des Unternehmens» der Gesellschafterversammlung die «freiwillige Auflösung der Gesellschaft und ihre Liquidation» zur Abstimmung vor – trotz zahlreicher Appelle und Solidaritätsbekundungen.

Die Mehrheit der Anteilseigner von Hoepli S.p.A. stimmte schliesslich für die Liquidation und den Verkauf des Unternehmens. In einer Erklärung der Anwaltskanzlei heisst es, «die sorgfältige Bewertung der aktuellen und künftig erwarteten negativen Geschäftsergebnisse sowie die prognostizierte Entwicklung des Verlags- und Buchmarktes» hätten diesen Schritt notwendig gemacht. Hinzu komme, dass es unmöglich gewesen sei, «einen schweren Konflikt innerhalb der Gesellschaft zu beenden». Nur ein Cousin der drei Erben, Giovanni Nava, hat – erfolglos – gegen die Schliessung gestimmt.

Für die Belegschaft kam die Entscheidung einem Schock gleich. Einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brachen in Tränen aus, andere standen fassungslos vor dem Gebäude. Schliesslich wurden Plakate hochgehalten. Aus Protest blieb die Buchhandlung am Dienstag von 15 bis 16 Uhr geschlossen.

Eine Wiederbelebung des Unternehmens mit neuem Management wurde von der Mehrheit der Eigentümer nicht in Betracht gezogen. Mitarbeiter versuchen nun offenbar selbst, eine Lösung zu finden – allerdings mit geringen Erfolgsaussichten. «Wir wollen ein Stück italienischer Geschichte retten», erklärten Gewerkschaftsvertreter. Doch sie wissen selbst, dass sie das Geld dazu nicht haben.

Es ist nicht nur die Digitalisierung und die allgemeine Krise im Buchhandel, die zur Liquidation geführt hat: Ein Familienkrach der gröbsten Art belastet seit Jahren das Unternehmen.

Mailand
Mailand, Libreria Hoepli

An den Schaufenstern der Buchhandlung kleben inzwischen Zettel mit der Aufschrift: «Patrimonio di Milano!!!!» – kulturelles Erbe Mailands. «Wieder verschwindet ein Stück der lombardischen Metropole», sagt eine Buchhändlerin mit Tränen in den Augen. Und sie fügt bei: «Das scheint nur wenige zu interessieren.»

Am Samstag soll vor der Buchhandlung eine Grossdemonstration stattfinden. Solidarität kommt auch vom Mailänder Erzbischof Mario Delpini. «Ich habe die Publikationen der Buchhandlung immer bewundert. Es geht etwas verloren, das ein wertvolles Erbe der Stadt war.»

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