Direkt zum Inhalt
  • Politik
  • Kultur
  • Wirtschaft
  • Gesellschaft
  • Medien
  • Über uns
close
Iran: Hilflos in einer grossen Kaserne

Gibt es ein Leben im Krieg? Und wie sieht es aus?

11. März 2026
Ali Sadrzadeh

Am vergangenen Samstag erhielten die «verehrten Vertreter» der ausländischen Medien im Iran einen Brief vom Ministerium für islamische Führung. Der erste Satz des Schreibens gehört einem Verweis auf einer langen Richtlinie, dann folgten klare Verbotsanordnungen.

Bilder, seien sie aufgezeichnet oder live bzw. detaillierte Informationen über angegriffene Orte dürften nicht verbreitet werden, auch Meldungen über das Abfangen iranischer Raketen durch den Feind sind ebenso verboten wie Nachrichten, die «Besorgnis auslösen oder die öffentliche Meinung beeinträchtigen könnten». 

Es sei ausserdem verboten, Statistiken oder Informationen über Opferzahlen oder über feindliche Militärangriffe zu veröffentlichen, die nicht von «zuständiger Behörde» stammen, so das Schreiben des Ministeriums

Wie viele Empfänger dieser Brief hatte, wissen wir nicht, offizielle Zahlen der ausländischen Journalisten gibt es nicht. Doch das Schreiben beschreibt genau, was wir nicht sehen, lesen und hören dürfen.

Wenn der Korrespondent vor Ort praktisch zum Schweigen verurteilt ist, werden zwangsläufig diverse Telegrammkanäle und Instagram-Accounts bzw. sporadische Telefongespräche in oder aus dem Iran zu Fundgruben. 

Puzzel eines Gesamtbildes

Aus wenigen Meldungen, die auf verschiedenen Wegen und oft kurz und vorsichtig nach aussen dringen, lässt sich manchmal ein glaubwürdiges Bild zusammensetzen.    

Doch am vergangenen Dienstag lieferte der Koordinierungsrat der Gewerkschaften ein ziemlich vollständiges Gesamtbild der Millionenstadt Teheran unter dem Titel: «Bericht aus der Hauptstadt: Es herrscht Kasernenstimmung.» 

Diese stets wache Stadt sei in eine gespenstische Stille versunken, die Strassen seien leer, die Rollläden der Geschäfte heruntergelassen. hier drehe sich weder das Lebensrad, noch das Rad der Wirtschaft; die einzige Sorge sei das Überleben bis zum nächsten Morgen, so die erste Passage des Berichts, dessen Authentizität von der BBC geprüft und veröffentlicht wurde.   

«Es sind Tage, in denen ängstliche, traurige  Menschen mehr als alles anderes nach einem Gefühl von Sicherheit und Schutz trachten.» Doch diese unsichere Stadt sei seltsam gesichert. 

«Gepanzerte Fahrzeuge der Repression, schwere Läufe der Maschinengewehre an den Hauptplätzen und Kreuzungen demonstrieren eine omnipotente Macht, es fragt sich nur wem gegenüber.»

Die bewaffneten, maskierten Männer verbreiteten Schatten der Angst auf den wenigen müden und besorgten Passanten. «Es ist, als müssten wir uns eher vor den Strassen unserer eigenen Stadt fürchten als vor einem Himmel, in dem die Kampfjets der Feinde ziemlich frei herumfliegen. Unter dieser entflammten Atomsphäre ist Überleben alles.» 

Über die Alltagsversorgung liest man in dem Bericht den folgenden Satz: «Innerhalb von nur zehn Tagen haben sich die Preise für die einfachsten Lebensmittel wie Eier und Kartoffeln verdoppelt, mancherorts verdreifacht. Zu dieser täglichen Belastung kommen noch die langen Schlangen an Tankstellen und Bäckereien hinzu.»

Jeder Demonstrant ist ein Soldat des Feindes

Die Repressionskräfte wähnten sich auf den Strassen offenbar sicherer als in ihren Stützpunkten, die Truppen seien von Kasernen in die Strasse verlegt, sie marschieren Tag und Nacht im öffentlichen Raum, als seien sie in ihren Garnisonen.» Und in den Abendstundenden bis weit in die Nacht hallen ihre drohenden Schreie und Parolen so demonstrativ durch unsere Gassen und Wohnvierteln, als wollten sie uns daran erinnern, sie seien da, allen aus dem Himmel fallenden Bomben zum Trotz.» Mit diesem Satz endet der Koordinationsrat sein Bericht.

Am nächsten Tag geht eine Reporterin der Webseite Schargh durch die Stadt, beschreibt ihre Beobachtungen. Der grosse Basar, das Handelszentrum unserer der Stadt, sei seit Tagen teilweise geschlossen, manche Bereiche sogar komplett, einige Händler hätten offenbar aus Angst vor Anschlägen, wegen Energiemangels oder fehlender Kunden einfach alles eingestellt. Und am Ende schreibt sie: 

«Die grösste Tragödie ist unsere absolute Hilflosigkeit; kein Alarm ertönt, der uns Zuflucht gewährt, kein Schutzraum ist für eine Mutter da, um ihr Kind darin zu verstecken. Die Bürger Teherans, verlassen und schutzlos, sitzen allein da und erwarten ihr Schicksal.»

Als ob alle diese vielfältigen Ängste nicht ausreichten, trat am vergangenen Abend Mohammad Reza Radan, der oberste Kommandant der Polizeikräfte des Landes im Fernsehen auf und sprach sehr deutlich: 

«Unser Kräfte sind bereit, das Feuer auf jeden zu eröffnen, der für Protest auf die Strasse kommt, wenn jemand auf Geheiss des Feindes auf die Strasse geht, werden wir ihn nicht als Demonstranten betrachten, sondern als das, was er ist, Soldat des Feindes. Er ist ein Feind und ihn behandeln wir auch als Feind. Alle unsere Kinder sind schussbereit.»

Zugleich gab er bekannt, 81 Personen habe man wegen der «Veröffentlichung von verstörenden Inhalten im Internet verhaftet, ein Strafverfahren gegen sie ist eingeleitet». 

Ort der Festnahmen nannte er nicht. Dafür den Grund ihrer Inhaftierung: Sie hätten Inhalte an ausländische Medien gesendet.

Letzte Artikel

Das Ende einer Kult-Buchhandlung

Heiner Hug 11. März 2026

Blutiges Endspiel an der Schweizer Grenze

Rolf App 11. März 2026

Ein Präsident für die Quadratur des Kreises?

Thomas Fischer 10. März 2026

Nochmals: Eine Erfolgsgeschichte

10. März 2026

Monströses Paradies

Annette Freitag 10. März 2026

«Die Dinge genau so sehen, wie sie sind»

Ignaz Staub 10. März 2026

Newsletter abonnieren

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Zurück zur Startseite
Leserbrief schreiben
Journal 21 Logo

Journal 21
Journalistischer Mehrwert

  • Kontakt
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Newsletter
To top

© Journal21, 2021. Alle Rechte vorbehalten. Erstellt mit PRIMER - powered by Drupal.