Paul Valéry - La crise de l’ésprit (1919)

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Paul Valéry - La crise de l’ésprit (1919)

Von Urs Bitterli, 30.05.2014

Der Erste Weltkrieg hatte auch eine schwere geistige Krise zur Folge. Der Franzose Paul Valéry versuchte in seiner Zeitdiagnose, den nationalen Standpunkt zu überwinden und für die Zukunft Europas einzutreten.

Wenige Sätze der Weltliteratur dürften häufiger zitiert worden sein als jener Satz, der am Anfang von Paul Valérys berühmtem Essay mit dem Titel „Die Krise des Geistes“ steht. Der Essay, verfasst ein Jahr nach dem Ende des Grossen Krieges, beginnt so: „Wir Kulturvölker, wir wissen jetzt, dass wir sterblich sind.“ Mit diesen lapidaren Worten wird ein Endzeitbewusstsein formuliert, das nach 1918 weit verbreitet war und seinen Ausdruck nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Philosophie, der Musik oder der bildenden Kunst fand.

Wie das Widersinnigste sich jäh verwirklicht

Valéry fährt fort: „Nicht genug, dass unsere Generation durch eigene Erfahrung hat lernen müssen, wie das Schönste und das Ehrwürdigste, das Gewaltigste und das Bestgeordnete durch blossen Zufall dem Untergang verfallen kann; sie hat gesehen, wie in der Welt des Denkens, des gesunden Menschenverstandes und des Gefühls das Unerwartetste in Erscheinung tritt, wie das Widersinnigste sich jäh verwirklicht, das Gewisseste zuschanden wird.“

Paul Valéry wurde 1871, im Jahr des Deutsch-Französischen Krieges, in der südfranzösischen Hafenstadt Sète geboren. Er studierte in Montpellier die Rechte, sah sich aber stärker von der Literatur angezogen. In Paris suchte er den Umgang mit Schriftstellern und verkehrte in Künstlerkreisen. Seine Gedichte und Essays wurden im Kreis der Kenner geschätzt. In der Dreyfus-Affäre, die Frankreich um die Jahrhundertwende erschütterte, bezog er einen konservativen Standpunkt und nahm Stellung gegen den der Spionage verdächtigten Hauptmann.

Eine Stelle als Privatsekretär des Leiters der französischen Presseagentur Havas liess Valéry viel Freiheit und gab ihm die Möglichkeit, literarisch tätig zu bleiben.

Ehrungen in Frankreich, England, Deutschland

Der Schriftsteller wurde nicht zum Kriegsdienst eingezogen, und die Fronterfahrung blieb ihm erspart. Doch die Katastrophe sensibilisierte sein Wahrnehmungsvermögen für das Zeitgeschehen, das er einer scharfsinnigen Analyse unterwarf. Seine Texte sind blendend formuliert; man hat von der „mediterranen Limpidität“ seines Stils gesprochen. Rasch erwarb Valéry sich öffentliches Ansehen und wurde zu einem der wichtigsten geistigen Repräsentanten der Dritten Republik.

Im Jahre 1927 wurde er in die Académie française aufgenommen, er wurde Ehrendoktor der Universität Oxford und erhielt die Goethe-Medaille der Stadt Frankfurt. Kaum ein europäischer Schriftsteller, vielleicht Stefan Zweig ausgenommen, ist damals soviel in Europa herumgereist wie Valery, und ähnlich wie Zweig betrachtete er sich als Repräsentanten europäischer Geistigkeit. Er war ein begehrter Redner und ein charmanter Causeur, der sich ebenso gewandt in den Salons der Pariser Aristokratie wie in den Hörsälen ausländischer Universitäten bewegte. Als Mitglied einer Kommission des Völkerbundes setzte er sich für die Pflege internationaler Kulturbeziehungen ein, war mit wichtigen Politikern persönlich bekannt und unterstützte die Politik Aristide Briands zur deutsch-französischen Aussöhnung.

Mehrmals weilte er auch in Zürich, wo er im Jahre 1922 seinen Essay „Die Krise des Geistes vortrug“. Neben allen diesen Aktivitäten blieb Valéry schriftstellerisch tätig. Er schrieb freilich keine Romane oder umfangreiche Abhandlungen, sondern notierte in seinen „Cahiers“ Aphorismen, Gedichte und Essays, die er von Zeit zu Zeit veröffentlichte.

Aufstieg Deutschlands – Bewunderung und Sorge

Valérys erster zeitkritischer Aufsatz erschien 1897 unter dem Titel „La Conquète allemande“. Darin konstatierte er, halb bewundernd, halb besorgt, den raschen Aufstieg des Deutschen Reiches zur wirtschaftlichen und militärischen Grossmacht. Als Hauptgrund für diesen Erfolg erkannte er die Tugend der Disziplin, mit der Deutschland es im Unterschied zu Frankreich verstehe, die Leistung des Einzelnen in den Dienst des nationalen Wachstums zu stellen. „Eine natürliche Disziplin“, schrieb er, „verbindet das individuelle deutsche Wirken mit dem des ganzen Landes und ordnet die Sonderinteressen derart, dass sie sich zusammenfügen und gegenseitig verstärken, anstatt sich gegenseitig zu vermindern und zu behindern.“

Der Essay hatte in mancher Hinsicht prophetischen Charakter und wurde während des Ersten Weltkrieges neu aufgelegt.

Keine Sieger im Ersten Weltkrieg

An Valérys zweitem politischen Aufsatz über „Die Krise des Geistes“ fällt zuerst auf, dass der Autor den nationalistischen Standort verlässt und Europa ins Zentrum seiner Betrachtungen stellt. „Ein Schauer ohnegleichen“, heisst es da, „hat Europa bis ins Mark durchbebt. Es hat in allen seinen Nervenzentren empfunden, dass es aufgehört hat, sich selbst zu gleichen, dass es das Bewusstsein seiner selbst verliert...“

Dies ist, von heute aus gesehen, die wichtige Einsicht von Valérys Essay: dass Frankreich und Deutschland Teile Europas sind, und dass der Erste Weltkrieg darum keinen Sieger kennt, weil die europäische Kultur als Ganzes eine Niederlage erlitt. So zu denken, war um 1917 sehr ungewöhnlich, in Frankreich besonders. Hier blieb man dem traditionellen Nationalismus verpflichtet, und es herrschte die Meinung vor, der besiegte Gegner sei so zu entmachten, dass er nie wieder gefährlich werden könne. Es war diese Auffassung, die Frankreich im Versailler Frieden denn auch durchsetzte. Durch solche Unversöhnlichkeit vergab man die Chance eines stabilen Friedens.

Sonderstellung der europäischen Kultur

In der „Krise des europäischen Geistes“ wird der europäischen Kultur eine Sonderstellung zugeschrieben. „Die andern Weltteile“, schreibt Valèry, „hatten wohl bewundernswerte Kulturen, Dichter hohen Ranges, Baumeister und auch Gelehrte. Aber kein anderer Teil der Erde besass diese seltsame physische Eigenschaft: intensivste Ausstrahlungskraft, verbunden mit intensivstem Absorptionsvermögen. Alles kam nach Europa und alles kam von Europa. Oder doch fast alles.“ Diese Sonderstellung, fährt er fort, sei umso erstaunlicher, als Europa, was seine Ausdehnung betreffe, nur ein „kleines Vorgebirge des asiatischen Festlandes“ sei.

Die natürlichen Reichtümer an Bodenschätzen und Naturprodukten seien nicht ausserordentlich und erklärten diese Vormachtstellung nicht. Also müsse es an den Bewohnern liegen, dass Europa „das Gesamtbild beherrsche“. „Wir haben soeben angedeutet“, schreibt Valéry, „dass die Art der Menschen bestimmend gewesen sein muss für den Vorrang Europas. Ich kann diese Art nicht im Einzelnen analysieren; aber ein rascher Überblick ergibt, dass unersättlicher Tätigkeitsdrang, glühende und rein sachliche Neugier, die glückliche Verbindung von Phantasie und logischer Strenge, Skepsis ohne Pessimismus, Mystik ohne Resignation die spezifisch wirksamen Kräfte der europäischen Psyche sind.“

Der Krieg als Zerstörer des europäischen Gleistes

Wie aber ist es zu dieser Überlegenheit des Europäers gekommen? Valéry sieht drei Faktoren, die im Lauf der Geschichte wirksam geworden seien. Zuerst weist er auf das Römische Reich hin, das als gut organisierter und stabiler Machtstaat eine Leitfunktion übernommen habe. Dann erwähnt er das Christentum, das den geistigen Bedürfnissen des Menschen entgegen komme und der „Einheit des römischen Rechts“ eine „Einheit der Moral“ zur Seite gestellt habe. Und schliesslich kommt er auf das antike Griechenland zu sprechen, dem Europa eine „Methode des Denkens“ verdanke, dank der sich der Erkenntnisdrang der modernen Wissenschaften erst habe entwickeln können.

„Auf dem Erdball existiert also ein Gebiet“, schliesst Valéry seine historischen Ausführungen, „das sich von allen anderen unter humanitärem Gesichtspunkt tief unterscheidet. In allen Machtfragen und Fragen der wissenschaftlichen Erkenntnis wiegt Europa noch heute viel schwerer als die übrige Welt. Viel mehr nicht Europa, sondern der europäische Geist, dessen grossartige Schöpfung Amerika ist.“

Ein konservativer Denker

Valérys Diagnose ist unmissverständlich: Der europäische Geist ist in eine tiefe Krise geraten. Der Krieg, der sich gerade wegen der technischen Fortschritte dieser Kultur zur Katastrophe auswachsen konnte, hat den Glauben der Europäer an die Sittlichkeit ihrer Werte und an die Realisierbarkeit ihrer Träume zerstört. „Das Schwanken des Schiffs war so stark“, schreibt Valéry, dass auch die am sichersten aufgehängten Lampen erloschen.“

Eine Prognose will Valéry nicht stellen. Militärische und wirtschaftliche Einbussen, meint er, seien zu beheben; wie aber die Wunden, die dem europäischen Geist zugefügt wurden, zu heilen seien, sei ungewiss. Es sei durchaus möglich dass die innovative Schaffenskraft des Europäers erlahme. Es sei möglich, dass dessen Leistungen von andern Kulturen aufgenommen und nachgeahmt würden, sodass Europa aus seiner geistigen Vormachtstellung verdrängt würde. Allerdings sei zu bedenken, dass der Europäer auch schon aus Krisensituationen neue Kraft gewonnen habe: „Anstatt ins geistige Nichts zu versinken, schafft er aus seiner Verzweiflung noch ein Lied“.

Nach dem Erscheinen der „Krise des europäischen Geistes“ äusserte sich Valèry in der Zwischenkriegszeit in zahlreichen Betrachtungen zur kulturellen und politischen Lage. Sein Bestreben, das geistige Europa zu stärken und den Glauben an seine humanen Werte zu stützen ist offensichtlich. Im Grunde seines Wesens konservativ, begegnete er den sozialistischen Heilsversprechungen mit Skepsis und misstraute dem Volk, dessen Verführbarkeit ihm stets bewusst blieb.

Scharfe Ablehnung Hitlers

Auch warnte er davor, aus der Geschichte, deren Gang schwierig zu deuten sei, Lehren ziehen zu wollen. Totalitäre Ideologien forderten seine Kritik heraus. Die Person des deutschen „Führers“ war ihm verhasst und von seiner Partei hielt er nichts; der deutschen Kultur aber zollte er weiterhin Respekt. Als Deutschland Anfang September 1939 in Polen einfiel, nahm Valéry in einer Rundfunkrede unmissverständlich Stellung.

Nun sei der Krieg unausweichlich geworden, stellte er fest: „Ein einzigartiger Krieg, ohne Vergleich mit anderen: Krieg der Vernunft gegen den Wahnsinn, Krieg der Bündnistreue gegen die Missachtung von Treu und Glauben, Krieg des Geistes gegen die Unterdrückung allen Denkens; doch Krieg ohne allen Hass gegenüber jenen Massen gehorsamer deutscher Seelen, die in sich selbst keinerlei Widerstand finden gegen den Irrwitz, der in ihnen wütet...“

Gegen Pétain  – für De Gaulle

Als nach der Niederlage von 1940 Philippe Pétain in den Verträgen von Montoire Frankreich an Deutschland auslieferte, kündigte Valéry dem Marschall die bisherige Freundschaft auf. Zum Vichy-Regime ging er sofort auf Distanz, lehnte jede Kollaboration ab und solidarisierte sich mit General de Gaulle, der aus dem Londoner Exil zum Widerstand aufgerufen hatte. Auf die Befreiung von Paris im August 1944 reagierte er mit einem kurzen Artikel im „Figaro“, der mit den Sätzen begann: „Die Freiheit ist ein Gefühl. Das spürt man beim Atmen.“ Als Paul Valéry kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs starb, ordnete General de Gaulle ein Staatsbegräbnis an.

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