Ostereier suchen

Urs Meier's picture

Ostereier suchen

Von Urs Meier, 21.04.2019

Konkrete Poesie misstraut den Wörtern und behandelt sie als Material ohne feststehenden Sinngehalt – ein Verfahren, das durchaus Sinn macht.

Die konkrete Poesie hat ihr Verfahren bei der bildenden Kunst abgeschaut, die in der holländischen De-Stijl-Bewegung «konkret» geworden war: Linien, Flächen, Farben standen dort einzig für sich selbst und nicht für etwas Darzustellendes. Nach diesem Vorbild hielt das Spiel mit Buchstaben, Lauten und typographischen Formen Einzug in die Lyrik.

Dabei ging es allerdings nicht nur um ein Spiel. Konkrete Dichter wie Kurt Schwitters, Helmut Heissenbüttel und Eugen Gomringer gaben in der Mitte des 20. Jahrhunderts einer grossen Sprachskepsis Ausdruck. Sie hielten die Wörter für dermassen missbraucht – mit manipulativer Absicht oder aus Gedankenlosigkeit –, dass sie ihnen nicht mehr trauten. 

Zu den bedeutenden «Konkreten» der Lyrik gehört auch Kurt Marti (1921–2017) mit seinen frühen Gedichten. Das folgende Beispiel stammt aus seinem 1963 erschienenen Lyrikband «gedichte am rand».

Der Theologe und Dichter Marti traut dem Wort «Ostern» nicht mehr, und so spielt er ihm denn mit, indem er es schon im Titel zu «o stern» verfremdet und in der Folge mit seinen Buchstaben jongliert. Nicht nur «stern» steck da drin, sondern auch «rest» und «nest». Und da kein des Lesens Mächtiger noch so wirre Buchstabenfolgen sehen kann, ohne nach Bedeutungen zu fahnden, tauchen plötzlich Bezüge zu Ostern auf: Festglanz, Brauchtum und geschrumpfte Bedeutung.

Im Teil I des Gedichts herrscht das Prinzip der Kombinatorik, das den Wortsinn auflöst und in der Mittelstrophe eine Art Dadaismus generiert. In Teil II dann plötzlich ein klarer Fragesatz: «wer wälzt uns den christlichen plunder vom grabe des herrn?» – Die «gedichte am rand» sind unfromme Randnotizen zum Evangelium, hier zur Szene nach der Kreuzigung, in der Frauen das Grab Jesu aufsuchen und sich fragen: «Wer wird uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?»

Sprache ist eben nie ohne Bedeutung – sonst wäre sie keine. Konkrete Poesie kann daher nicht im gleichen Sinn wie konkrete Kunst vom Vorgang des Bedeutens Abstand nehmen. Sie kann Sinngehalte zwar in Frage stellen, kritisch auflösen, aber stets nur im Durchgang zu neuen Bedeutungen. 

Doch eins ist allen Konkreten – in bildender Kunst, Literatur, Musik – gemeinsam: ein spielerisches Element. Von wegen Spiel: Haben Sie die vielen Ostereier in Kurt Martis Gedicht gesehen?

Ähnliche Artikel

Von Urs Meier, 25.01.2019
Von Heiner Hug, 07.02.2019

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

So gilt die wahre Suche also nicht den Eingefärbten, sondern dem Ei als Symbol an und für sich - ganz konkret. Schöner Bericht, danke.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren