Kurt Marti (1921–2017)

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Kurt Marti (1921–2017)

Von Urs Meier, 15.02.2017

Der Berner Pfarrer und Dichter Kurt Marti ist eine der grossen prägenden Gestalten der Schweizer Gegenwartsliteratur.

Mit seinem 1969 erschienenen Gedichtbändchen «Leichenreden» trifft Kurt Marti einen Nerv der Zeit. Er geht von Erfahrungen seines Berufs aus. Als Pfarrer an der Stadtberner Nydeggkirche muss er viele Abdankungen halten, manchmal drei pro Woche. Mit der Routine, so erzählt er später im Rückblick, sei er unversehens in eine klischeehafte Sprache hineingeraten. Seine Reflexion über diese „déformation professionelle“ öffnet ihm, der bereits mit viel beachteter Lyrik an die Öffentlichkeit getreten ist, den Weg zu einer sprachlich radikalen Bearbeitung des Themas.

Kampfansage gegen das Wegschauen

Marti bürstet die Redesituation der Abdankung gegen den Strich, er unterläuft die Konventionen der Trauer- und Trostpredigt. Im verdichteten Duktus lyrischer Sprache setzt er Schlaglichter auf ungelebtes, an den Rand gedrängtes oder brutal abgebrochenes Leben. Wohlfeiles frommes Gerede wie «es hat Gott gefallen», stellt er an den Pranger:

dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
dass gustav e. lips
durch einen verkehrsunfall starb

Die «Leichenreden» sind eine Kampfansage gegen den weichgespülten Umgang mit dem Tod, und sie denunzieren die verbreitete kirchliche Komplizenschaft mit dem Wegschauen von der Wirklichkeit. «Eine Abdankungspredigt ist wie eine Abdankungspredigt», heisst es in einem der Gedichte, das die Routinen des pastoralen Geschäfts und die Stereotypen von Trauerfällen blossstellt. Ein anderes dreht sich um «eine schwer geprüfte Frau» und fragt dann: «Wer hat sie so schwer geprüft?» Marti wendet so den Blick weg von den Klischees der Nachrufe und lenkt ihn auf das gewesene Leben und dessen reale Umstände.

Theologie inmitten der Modernitätskrise

Doch die «Leichenreden» klagen nicht nur an. Das Bändchen ist zugleich eine weit ausgreifende, gedankentiefe Theologie von Tod und Leben. Sie blickt auf die schweizerische Welt von 1969, auf Viten einzelner Menschen, und sie reagiert auf Fragen, die diese Existenzen aufwerfen. Jede Doppelseite stellt je einem Gedicht verschiedene Zitate gegenüber, welche Martis Texte präludieren, beleuchten, kommentieren, vertiefen. Die Einwürfe kommen von Helmut Heissenbüttel, Walter Serner, Tertullian, Gilbert Keith Chesterton, Johann Nepomuk Nestroy, Ingmar Bergmann, Pariser Mauerinschriften 1968, Karl Barth, Jean Paul, André Malraux, Augustinus und vielen anderen – ein Pastiche literarischer und theologischer Lesefrüchte, die Martis Poesie zum Leuchten und das Büchlein zum Vibrieren bringen.

Die «Leichenreden» zielen mitten in die Modernitätskrise der Kirche, deren Verkündigung zu klerikalem Jargon erstarrt und deren Handeln in einer Separatwelt des Religiösen konventionalisiert ist. Martis Texte sprengen diese Verkrustungen auf, doch sie tun dies nicht mit einer Modernisierung kirchlicher Sprache, nicht durch Ersetzung eines veralteten Jargons durch einen zeitgemässen. Die Kraft seiner Gedichte schöpft aus der sich selbst reflektierenden Sprache, der lyrischen Findung, dem Abhorchen von Wortsinn und Sprachklang.

Eigen-Sinn der Sprache

Zehn Jahre vor den «Leichenreden» tritt Kurt Marti prominent als Lyriker hervor. 1959 – er ist 38jährig und Pfarrer im aargauischen Niederlenz – erscheint sein «Boulevard Bikini», dessen Eingangsgedicht um die rätselhafte lyrische Erfindung «das Herz der Igel» kreist, die später einem Sammelband den Titel gibt. Im gleich Jahr – offensichtlich hat ein im Geheimen gewachsener Vorrat in der sprichwörtlichen Schublade gewartet – kommt das Bändchen «Republikanische Gedichte» heraus, in dem sich der politische Denker und Schriftsteller zeigt. Hier bereits sind die gesellschaftskritischen Inhalte aus dem Eigen-Sinn der Sprache gewonnen, zum Beispiel wenn Machtverhältnisse durch das Spiel mit den Wörtern «machen», «mächtig» und «Macht» aufgedeckt und überraschend umgedreht werden.

machtverhältnisse

die ohne macht
machen
die mächtigen

was
machten
die mächtigen
machten
die ohne macht
nicht
was die mächtigen
machen?

mächtiger sind
als die mächtigen
die ohne macht

In seinem Erinnerungsbuch «Ein Topf voll Zeit» erzählt Marti, er sei als Gymnasiast von Stefan Georges Dichtungen getroffen worden wie von einem erhellenden Blitz. Es ist die Initiation zu einem gestalterischen Umgang mit Sprache. Später werden Einflüsse der Konkreten Lyrik bestimmend, jener Stilrichtung also, die Wörter, Bedeutungen und typographische Formen als Material der künstlerischen Gestaltung auffasst.

Haltung der riskanten Freiheit

Ebenfalls in der Mittelschulzeit entdeckt Marti für sich den Jazz, in dessen Verdammung sich das Dritte Reich und die gut schweizerische Bürgerlichkeit irritierend einig sind. Radio Beromünster, so erinnert sich Marti, habe es damals abgelehnt, Jazz zu senden. Zum Glück habe es den welschen Sender Sottens gegeben mit «Jazz Hot», einer von Hugues Panassié kundig gestalteten Jazzsendung. In der Begeisterung für expressive Musik, Malerei und Dichtung macht sich der jugendliche Lebenshunger in der beengten Atmosphäre der Kriegszeit Luft.

Die Verwandtschaft von Jazz und moderner Lyrik ist immer wieder erkannt und oft ausprobiert worden. Durch Improvisation und Experiment haben beide eine Haltung der riskanten Freiheit kultiviert. Kurt Marti als der Gegenwart zugewandter Theologe hat am weltläufigen geistigen Labor dieser Aufbrüche partizipiert und ist so zuerst zum Lyriker, dann – mit den 1960 erschienenen «Dorfgeschichten» – auch zum Erzähler geworden.

Kein «Dichterpfarrer»

Martis Gedichte und Prosa sind nicht Verlängerungen des Pfarrberufs in schriftstellerische Reviere, sondern Schöpfungen eines genuin literarischen Künstlertums. Er ist deshalb kein «Dichterpfarrer», sondern Dichter und Pfarrer. Die beiden Professionen haben sich beeinflusst und befruchtet, aber Marti hat sie nicht vermischt. Sein Werk ist nicht unter «geistlicher Lyrik» zu rubrizieren. Im Unterschied zu Vertretern dieses im Barock aufgeblühten und bis ins 20. Jahrhundert reichenden Genres hat Marti nicht Poesie als Vehikel einer inhaltlich festgelegten Verkündigung oder Erbauung benützt. Bei ihm sind Theologie und Literatur getrennte Areale.

Doch Grenzen kann man überschreiten. So lenkt er die ebenso utopische wie zersetzende Energie der lyrischen Avantgarde mitunter auf theologische und kirchliche Gegenstände. Grenzüberschreitung findet bei Marti aber auch in der Gegenrichtung statt: Religiöse und theologische Vokabeln und Denkfiguren fliessen in den poetischen Zeichenvorrat ein und interagieren mit der offenen Wörterwelt nach den experimentierenden Regeln der Lyrik.

Go-Between im Niemandsland

Als «zuverlässigste Garantie gegen ‚eindimensionale’ Verkürzungen, d.h. Verstümmelungen des Menschen und seiner Welt» hat die religiös-theologische Dimension für Marti eine kritische und subversive Kraft nicht nur gegenüber kommerzialisierter Kultur und ideologischem Denken, sondern insbesondere auch gegenüber einer verbürgerlichten Kirche.

Als ein Fremdes kann das Religiöse in der Literatur ganz anders produktiv werden, als wenn in dieser Beziehung distanzlose Vertrautheit herrschte. Marti sieht keinen Anlass, eine dieses Verhältnis definierende Theologie der Literatur zu entwerfen. Die eigene literarische Arbeit habe dies geradezu verhindert, sagt er. Keine theologische Poetik also. Marti sieht sich vielmehr als unentwegten Go-between im Niemandsland zwischen Dichtung und Glauben. Dazu passend trägt die 1976 erschienene Anthologie mit Texten zu Kultur, Literatur und Kunst den Titel «Grenzverkehr».

Nicht Vor-, sondern Nachdenker

Wie weit sich die Grenzgänge von Martis Schreiben erstrecken, zeigt sich in seinem etwas verborgenen Opus magnum, den während 44 Jahren ohne Unterbruch in jeder Nummer der Zeitschrift «Reformatio» erschienenen «Notizen und Details». Die über 1400 Seiten füllenden Kolumnen bilden einen roten Faden im Werk Kurt Martis. Sie sinnieren über Zeiterscheinungen und Vergessenes, machen auf wenig bekannte Literaten aufmerksam, klopfen Sprachmoden auf ihren Sinn ab, legen kaum bedachte kulturelle Zusammenhänge frei, gehen theologischen Denkfiguren nach, streifen durch geographische Regionen, reden von Militärdienstverweigerung, Sexualität, Stadtplanung und, ja, von Jazz und von Lyrik.

Die gewichtige Gesamtausgabe «Notizen und Details 1964–2007» (TVZ Verlag 2010) hat Kurt Martis Rang als Intellektueller und seine Leistung als Literat einem grösseren Lesepublikum erst richtig zur Kenntnis gebracht. In den über 250 Kolumnen zeigt er sich nicht als Vordenker – das Wort hätte ihm gewiss einen sarkastischen Kommentar entlockt –, sondern als Nachdenker: einer, der sich Zeit nimmt, die Wörter abwägt und dann die ausgebrüteten Texte in die mechanische Schreibmaschine tippt, kräftig, mit Löcher schlagenden Punkten.

Politische Tagebücher

In den tagebuchartigen Bänden «Zum Beispiel Bern 1972» (1973), «Zärtlichkeit und Schmerz» (1979), «Ruhe und Ordnung» (1984) und «Tagebuch mit Bäumen» (1985; alle bei Luchterhand) äussert sich der pointiert politische Schriftsteller. Marti exponiert sich und nimmt in Kauf, dass man ihn als Partei sieht, als eigene oder gegnerische. Am 22.8.1972 meint er über sich: «Selber schuld, wenn mein Image einseitig und also verzerrt wird! Da schreibe ich nun ein politisches Tagebuch und wer’s nachher liest, muss annehmen, ich sei Tag und Nacht mit Politik und ähnlichen Dingen beschäftigt. Was keineswegs der Fall ist.»

In der Tat treten Dominanz und Dringlichkeit des unmittelbar Politischen nach dem explizit als «Ein politisches Tagebuch» deklarierten Bern-1972-Band in den Folgejahren zurück. Marti bewegt sich wieder vermehrt auf dem freien Territorium des Literarischen. Allem, was seine Aufmerksamkeit findet (und es gibt weniges, was sie nicht hervorlocken könnte), begegnet er als Sprachkünstler.

Lyrische Theologie

Aus ebendieser Haltung entsteht auch sein lyrisch-theologisches Meisterwerk: «Die gesellige Gottheit. Ein Diskurs» (Radius 1989). Marti ist an einem Punkt seines Schaffens angelangt, da er auf beiden Seiten der Grenze, auf poetischem und auf geistlichem Terrain, sicheren Tritt gefasst hat und nun doch eine Verbindung wagt. Der Gedichtzyklus ist ein moderner Katechismus, in dem der Autor darlegt, was und warum er glaubt. Er bezeichnet dies als einen Diskurs. Nichts anderes ist ja ein Katechismus. Er hätte es auch Sprachspiel nennen können. So entsteht eine lyrische Theologie, in der das Gewichtige leicht wird. Zu Beginn der Schöpfung lässt er Frau Sophia, die im Alten Testament zur Person mythisierte Weisheit, in swingendem Gestus auftreten:

Sie spielte
vor dem Erschaffer,
umspielte, was er geschaffen,
und schlug, leicht hüpfend von Einfall zu Einfall,
neue Erschaffungen vor:
Warum nicht einen anmutig gekurvten Raum?
Warum nicht Myriaden pfiffiger Moleküle?
Warum nicht schleierwehende Wirbel, Gase?
Oder Materie, schwebend, fliegend, rotierend?

Mit der Eleganz des poetischen Spiels verwebt der Dichter ein modernes Weltverständnis mit Gesängen der Bibel. Und genauso gelingt ihm im weiteren Verlauf ein auf das Heute bezogener Diskurs über die Themen Gott und Mensch, Respekt vor der Schöpfung, Gerechtigkeit und Frieden, Christentum und Religionen.

Spätes Meisterwerk

Das poetische Chef-d’œuvre wird noch überboten von einem späten Wunder. Das schmale Bändchen «Heilige Vergänglichkeit. Spätsätze» (Radius 2010) ist Martis letztes geblieben und zu seinem Vermächtnis geworden. In wortkarger Prosa hält es Gedanken rund um den nicht zu verwindenden Tod seiner Frau, die eigene Hinfälligkeit und die Endlichkeit des Lebens fest. «Schlimme Entdeckung: Ich kann nicht mehr pfeifen.» – Banal? Gewiss nicht, wenn die Feststellung als Zeichen fortschreitenden Abbaus dem eigenen Leib abzulesen ist.

Das kleine Buch ist ein grosses Zeugnis der aufrechten Einwilligung in die eigene Vergänglichkeit. Seine Qualität liegt einerseits in einer konzentrierten und erhellenden theologischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Auf der anderen Seite beeindruckt das Ringen um ein wahrhaftiges Reden über den baldigen eigenen Tod.

In «Heilige Vergänglichkeit» kommt beides auf gleichem Niveau zusammen: die biblische Meditation und die existentielle Reflexion. Von beidem spricht Marti in der gleichen von aller Ambition freien, gradlinigen und formvollendeten Sprache. «Ein Glaube, der auf das eigene Weiterleben nach dem Tod fokussiert ist, bleibt heillos egozentriert. Ist der Wunsch, ewig zu leben, nicht ohnehin der menschliche Urfrevel (1. Mose 3,5), so sein zu wollen wie Gott, der allein Ewige?»

Trinitätslehre in fünf Wörtern

Und an anderer Stelle: «Ist alle Theologie vielleicht eine Flucht vor den einfachen, aber radikalen Aussagen und Aufforderungen der Bergpredigt Jesu (Matthäus 5–7)?» Marti antwortet mit dem überraschenden Satz: «Ihm, Jesus, glaube ich Gott.»

In diesem Fünf-Wort-Satz steckt die ganze Trinitätslehre: Gott zeigt sich in Jesus, und beider Geist schafft gläubiges Vertrauen. Kurt Marti hat sich mit der Trinität immer wieder befasst und gezeigt, dass sie der Unfassbarkeit Gottes gewahr bleibt und doch die Möglichkeit lässt, über ihn zu reden – in Erzählungen und mit diszipliniertem Denken.

Hier am Schluss seines schriftstellerischen Werks hat er dieses Nachdenken in fünf Wörter gefasst. Die Kunst dieses Satzes zeigt sich darin, dass er die Trinitätslehre in der Verdichtung nicht kompliziert macht, sondern einfach. Man könnte sogar sagen: Gerade in ihrer überzeugenden poetischen Form erweist die Sentenz sich als wahr.

Marti hat es abgelehnt, eine theologische Poetik zu entwerfen. Eine poetische Theologie hingegen hat er in meisterlicher Art vorgelegt.

Dieser Text ist die überarbeitete Fassung des zuerst in „bref – das Magazin der Reformierten“ erschienenen Artikels.

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"Wo chiemte mer hi, wānn alli seite, wo chiemte mer hi, und niemer giengti fūr einisch z'luege, wohi dass me chiem, we me gieng." (Verzeihung: ich bin keine Bernerin, kann den Dialekt und die Sprachmusik in diesem Gedicht aber hōren.)

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