Nochmals: der Erste Weltkrieg

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Nochmals: der Erste Weltkrieg

Von Urs Bitterli, 18.08.2014

Noch immer erregt der Erste Weltkrieg die Gemüter. Das zeigt eine mit Leidenschaft und polemischer Schärfe verfasste Neuerscheinung.

Vor einiger Zeit habe ich in dieser Kolumne den Bestseller von Christopher Clark «Die Schlafwandler» angezeigt. Ich bemängelte an dem an sich lesenswerten Buch, dass der Autor die Verantwortung für den Kriegsausbruch zu gleichmässig auf die kriegführenden Staaten verteile und allein schon mit dem Titel eine gewisse Entlastung der Akteure vornehme. Demgegenüber zitierte ich die nachfolgende Bewertung von Gerd Krumeich, die mir als zutreffender erscheint: «Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn haben sich auf ein Vabanquespiel eingelassen, das den Schritt in den grossen Krieg nicht scheute, um die Balance der europäischen Politik zu ihren Gunsten zu wenden.»

Historie cum ira et studio

Nun ist ein Buch erschienen, das die Aussenpolitik des Deutschen Reiches vor 1914 einer vernichtenden Kritik unterwirft: «Mit vollem Risiko in den Krieg»* des deutschen Historikers Ignaz Miller. Wenn der römische Historiker Tacitus sich rühmte, Geschichte «sine ira et studio» zu schreiben, so gilt von diesem Autor das Gegenteil: Miller hat sein Buch ganz offensichtlich «mit Zorn und Leidenschaft» geschrieben. Der Titel enthält bereits des Autors These: Das Deutsche Reich hat diesen Krieg ohne Not vom Zaun gebrochen, und es hat, als der Krieg verloren ging, keine Einsicht gezeigt, wodurch der nächste Krieg gleichsam vorprogrammiert war.

Ignaz Miller stützt sich ausgiebig auf die Aussagen zeitgenössischer deutscher Politiker. Er zeigt, welch gefährlicher Chauvinismus die aussenpolitischen Verlautbarungen des Deutschen Reiches bereits um 1900 charakterisierte, ob sie nun von Staatsmännern, hochgestellten Militärs oder von Kaiser Wilhelm II. selbst stammten. Die fatalste und zugleich eine für die überhitzte Zeitstimmung typische Figur war ohne Zweifel Grossadmiral Tirpitz. Dessen überrissene Flottenpläne, die sich unverhüllt gegen die Weltmacht England richteten, waren angesichts des wirtschaftlich und politisch unbedeutenden deutschen Kolonialbesitzes schlichter geopolitischer Wahnwitz.

Dass der Kaiser solchen Plänen sein Ohr lieh, ist schwer verständlich. Ignaz Millers Darstellung macht deutlich, dass es nicht nur aussenpolitische Fehler waren, welche Deutschland nach dem Abgang von Bismarck in die Isolation trieben und den Kaiser klagen liessen, er fühle sich von lauter Feinden umstellt. Schuld trug auch die militant auftrumpfende nationalistische Rhetorik, welche das Ausland beunruhigte und zum kollektiven Bewusstsein der «Einkreisung» führte, die es, falls nötig mit Waffengewalt, aufzubrechen galt.

Keine Frage der Mentalität

Dass diese Sprengung der herbeigeredeten «Einkreisung» eine hochriskante Angelegenheit war, weil man in nationalistischer Überheblichkeit die Gegner, insbesondere Belgien, Frankreich und Russland unterschätzte, geht aus Millers Ausführungen überzeugend hervor. Fragwürdig wird des Autors Argumentation jedoch dort, wo er dazu neigt, den deutschen Expansionsdrang als «spezifische deutsche Mentalität» zu sehen. Derartige Feststellungen sind schwierig zu begründen; auch wäre leicht zu zeigen, dass sich die Kriegspropaganda anderer Staaten, etwa Frankreichs, im Vokabular des Chauvinismus nicht weniger gut auskannte als die der deutschen Kriegstreiber.

Fragwürdig ist auch des Autors Neigung, einen zwingenden Zusammenhang zwischen der wilhelminischen Aussenpolitik und derjenigen Hitlers zu sehen. Zwar ist unleugbar, dass aussenpolitische Unredlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und der totalitäre Wille zur Macht sowohl unter Wilhelm II. als auch unter den Nationalsozialisten bestimmende Denkhaltungen waren. Aber die Geschichte ist nun einmal kein unentrinnbares Fatum. Sie ist gegen die Zukunft hin offen, und Ansätze zur aussenpolitischen Entspannung und innenpolitischen Demokratisierung hat es in der Weimarer Republik durchaus gegeben. Ignaz Millers Feststellung, die abenteuerliche Risikopolitik der wilhelminischen Ära habe sich in der Weimarer Republik «übergangslos fortgesetzt» und sei schliesslich im «Dritten Reich kulminiert» hält wissenschaftlicher Prüfung nicht stand.

Versailler Vertrag zielte nicht auf Versöhnung

Streng geht Ignaz Miller auch mit der Haltung Deutschlands gegenüber dem Versailler Friedensvertrag ins Gericht. Es ist dem Autor vollständig zuzustimmen, wenn er die «Dolchstosslegende» scharf kritisiert. Die von Ludendorf und dem Kaiser propagierte weit verbreitete Meinung, man sei im Felde unbesiegt geblieben und die Niederlage sei die Folge sozialer Agitation und des Defaitismus an der Heimatfront, war eine perfide Lüge und hat die «Weimarer Republik» schwer belastet.

Dass Deutschland den Versailler Friedensvertrag als ungerecht empfand und dass man dazu neigte, sich als Opfer zu fühlen und die Bestimmungen des Vertrags zu unterlaufen, sei nicht bestritten. Auch dass der Versailler Frieden bereits den Samen für einen nächsten Krieg in sich trug, ist offensichtlich. Der Friedensvertrag scheiterte indessen nicht, wie Miller suggeriert, an der ablehnenden Reaktion der Deutschen. Der wahre Grund für dieses Scheitern lag darin, dass dieser Frieden nicht auf Versöhnung, sondern auf Entmachtung der unterlegenen Staaten abzielte. Dass diese zu den Verhandlungen denn auch gar nicht eingeladen wurden, passt ins Bild. Die Zuweisung der Hauptverantwortung an die Deutschen im Kriegsschuldartikel 231 des Friedensvertrags zielte in die gleiche Richtung.

Gefahr entfesselter Rhetorik

Trotz solchen Einwänden ist Ignaz Millers Buch lesenswert und anregend. Eine der wichtigen Einsichten des Autors besteht darin, dass politische Rhetorik, wenn sie sich bedenkenlos in den Dienst der nationalen Machterweiterung stellt, verhängnisvoll wirken kann. Sie erzeugt Träume, die nicht realisiert, Hoffnungen, die nicht erfüllt, und Ressentiments, die nicht behoben werden können.

Miller lässt sich nicht auf eine eingehende Diskussion der Schuldfrage ein. Aber er zeigt mit zahlreichen gut gewählten Zitaten, wie sich das wilhelminische Deutschland in das Gefängnis einer militanten Rhetorik einschloss, die den Blick auf die machtpolitischen Realitäten trübte und den eigenen Handlungsspielraum begrenzte. So wurde ein Krieg möglich, den sich niemand so menschenverachtend und mörderisch vorstellen konnte, wie er dann tatsächlich war.

*Ignaz Miller, Mit vollem Risiko in den Krieg. Deutschland zwischen 1914 und 1918, Verlag Neue Zürcher Zeitung 2014.

Kommentare

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Die Ansichten Millers wie auch diejenigen des Rezensenten werfen uns, gemäss dieser Darstellung, wieder 50 Jahre zurück zu den überholten Thesen von Fritz Fischer / Imanuel Geiss. "Vieux jeu" – schade. Zum Glück gibt es neue Publikationen, die anstatt zu vernebeln, die Sicht etwas zu klären versuchen:

Hans Fenske, Der Anfang vom Ende des alten Europa. Die alliierte Verweigerung von Friedensgesprächen 1914-1919, Olzog Verlag 2013. ISBN 3-7892-8348-2 (kurz und bündig auf 120 Seiten).

Bruno Bandulet, Als Deutschland eine Grossmacht war. Ein Bericht über das Kaiserreich, seine Feinde und die Entfesselung des Ersten Weltkrieges, Kopp-Verlag 2014. ISBN 3-86445-104-1 (273 Seiten).

Patrick J. Buchanan, Churchill, Hitler und der unnötige Krieg. Wie Grossbritannien sein Empire und der Westen die Welt verspielten, Pour le Mérite-Verlag, 3. Aufl. 2014. ISBN 3-932381-50-8 (316 Seiten; betrifft beide Weltkriege und räumt etwas mit dem übertriebenen "Churchill-Kult" auf)

Welcher seriöse Historiker wird denn auf die abseitige Idee kommen, seine Arbeiten in fragwürdigen Einrichtungen wie dem Kopp- oder dem Pour-le-Mérite-Verlag zu veröffentlichten??
Jeder, der eine Suchmaschine bedienen kann, mag sich ein Bild über die drei Autoren und die Verlage machen.

«Der wahre Grund für dieses Scheitern (des Friedensvertrages) lag darin, dass dieser Frieden nicht auf Versöhnung, sondern auf Entmachtung der unterlegenen Staaten abzielte.» Meiner Ansicht nach, waren die Versailler-Friedensverträge nicht nur nicht auf Versöhnung, sondern geradezu auf Rache angelegt. Im Sekundarschul-Geschichtsbuch «Zeiten, Menschen, Kulturen» wird David Lloyd George, damaliger englischer Premier, zitiert mit den Worten: «Wir sind dabei, Deutschland einen sehr harten Frieden aufzuerlegen.... Wenn wir unsere Bedingungen so niedrig wie nur möglich halten - sie werden auf alle Fälle so sein, wie sie noch NIEMALS eine Kulturnation annehmen musste.» Das ist haarsträubend! Die Briten sind allerdings auch nicht gerade als Friedenstauben bekannt.

Lieber Urs Bitterli,

Besten Dank für Ihre Kommentare zu wichtigen Büchern zum Ersten Weltkrieg. Schon Ihre Auswahl ist eine grosse Hilfe.

Ich habe mich auch etwas geärgert über die larifari-Neutralität des "Schlafwandlers".
Hat vielleicht dem Verrkaufserfolg in Deutschland genutzt. Vielleicht aber auch nicht. Deutsche gehen auch gerne zur Domina und haben Goldhagen hochgejubelt (ein wissenschaftlich wertloses Buch, siehe die Kritik von Finkelstein).

Clark ist aber wichtig bei den LEHREN AUS DER GESCHICHTE.

Kaum jemand wird sich gerne in der Nachfolge von Kriegsschuldigen sehen. Eher erwarte ich, dass man die Automatismen sieht, die schnell irreversibel werden.
Schon der 1. Weltkrieg war ein "Krieg nach Fahrplänen". In den letzten Tagen glaubte man Teil/Totalmobilisierungen nicht mehr stoppen zu können. Die Züge waren abgefahren.

Heute sind es Minuten beim Raketenstart.

Sogar Reagan hat das seinerzeit nach den Able Archer-Schock einmal eingesehen und die Systeme der beiden Imperien wurden vorübergehend etwas weniger bissig.

Heute aber haben wir Indien, Pakistan und Israel zusätzlich am roten Knopf. Leute, die vielleicht AUCH an eine unvermeidlich Apokalypse glauben oder an einen ewigen Zyklus, der solche durchläuft.

Werner T. Meyer

Dass Österreich-Ungarn und das verbündete Deutschland einen lokalen Krieg als Bestrafungsaktion gegen Serbien wollten (um damit gleichzeitig die Achse Berlin-Wien-Belgrad-Sofia-Istanbul-Baghdad-Basra zu schliessen und den Zugang zum persischen Golf zu sichern), während Frankreich und Russland seit mindestens 1912 einen Krieg zwischen europäischen Grossmächten anvisierten (Frankreich um das verlorene Elsass-Lothringen zurückzuholen, Russland um sich endlich den Zugriff auf den Bosporus vom mit Deutschland allierten Osmanischen Reich zu schnappen), ist eigentlich schon seit Ende der 20er Jahren klar gewesen. Ebenso, dass die Ausweitug zu einem Weltkrieg mit Einbezug der USA hauptsächlich durch England vorangetrieben wurde, nicht zuletzt unter Vermittlung jener Gruppe, die vom Sykes-Picot-Abkommen und der Balfour-Deklaration profitiert hat. Dass die damalige Entente auch für den schrecklichen Vertrag von Versailles verantwortlich war, und zwar alleinverantwortlich, genauso. Nur ging dieses etwas unbequeme Wissen nach 1945 wieder in Vergessenheit.

Es ist brandgefährlich, Geschichte "mit zahlreichen gut gewählten Zitaten" betreiben zu wollen. Damit kann alles und das Gegenteil davon belegt werden, wie Karl Popper schon vor 80 Jahren gezeigt hat. Eine wirklich wissenschaftliche Geschichtsschreibung muss sorgfältig und fälschungsfrei unterlegte Thesen formulieren, und diese dann der heftigsten Kritik, Gegendarstellung und Widerlegung ausetzen. Physiker lieben dieses Vorgehen, Sieger von Kriegen meist eher weniger.

Literaturempfehlungen:

In Quest of Truth and Justice: Debunking the War Guild Myth (1928): https://archive.org/details/inquestoftruthju00harr

The Genesis of the World War (1927): https://archive.org/details/genesisofworldwa00harr

Perpetual War for Perpetual Peace (1953):https://archive.org/details/PerpetualWarForPerpetualPeace

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