Nawalny – kein leichter Gegner für Putin

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Nawalny – kein leichter Gegner für Putin

Von Reinhard Meier, 21.12.2020

Der russische Präsident Putin weigert sich zwar, den Namen seines bekanntesten Gegners Nawalny je auszusprechen. Aber er kann doch nicht vermeiden, über ihn zu reden.

Präsident Putin hat in der vergangenen Woche seine traditionelle, vom Fernsehen übertragene Jahrespressekonferenz abgehalten. Sie dauerte über fünf Stunden – eine Marathonveranstaltung. Der Kremlchef dürfte damit gleichzeitig die im eigenen Land kursierenden Flüsterspekulationen über seine angeblich schwer angeschlagene Gesundheit vorerst zum Schweigen gebracht haben.

«Dieser Patient in einer Berliner Klinik»

Dass er auch über den wenige Tage zuvor veröffentlichten Bericht eines internationalen Recherchenetzwerkes über die Zusammenhänge bei der Vergiftung des Oppositionspolitikers Alexei Nawalny befragt wurde, wird Putin nicht überrascht haben. Dieser Bericht, an dem die britischen und russischen Recherche-Plattformen «Bellingcat» und «The Insider» sowie der «Spiegel» und der US-Sender CNN mitgearbeitet haben, hatte erhebliches Aufsehen erregt. Darin werden die Namen von mindestens acht russischen Geheimdienstagenten veröffentlicht, die Nawalny während seiner Reisen in der Heimat eng beschattet haben sollen. Mitglieder dieser Gruppe sollen im vergangenen August auch den Anschlag mit dem hochgiftigen und seit Jahren verbotenen Kampfstoff Nowitschok gegen Nawalny ausgeführt haben.

Putin bestätigte zwar, dass Nawalny von den russischen Geheimdiensten observiert wurde. Er vermied es allerdings sorgfältig, dessen Namen in den Mund zu nehmen, sondern sprach nur von «diesem Patienten in einer Berliner Klinik». Dessen Beschattung durch den Inlandgeheimdienst FSB sei nötig, weil Nawalny (respektive «dieser Patient») mit den amerikanischen Geheimdiensten zusammenarbeite. Das ist für Putin schon deshalb klar, weil es sich bei den jetzt vom internationalen Recherche-Netzwerk veröffentlichten Dokumenten eigentlich um Materialien des CIA handle.

Kein Grund zu juristischer Untersuchung

Von einem russischen Giftanschlag auf Nawalny kann gemäss Putins Version auch nicht die Rede sein, denn wenn das die Absicht gewesen wäre, «dann hätte man das auch zu Ende geführt», meinte der Kremlchef weiter an der Pressekonferenz. Überzeugend ist diese Logik allerdings nicht, denn im Falle des früheren russischen Doppelagenten Sergei Skripal, auf den 2018 in England nachweislich ein Giftanschlag inszeniert wurde, hatte die kriminelle Tat nicht die beabsichtigte Wirkung. Vielmehr konnte Skripal und seine Tochter gerettet werden und die für den Anschlag verantwortlichen Agenten später – unter Mithilfe der Recherche-Plattform Bellingcat identifiziert werden.

Putin machte weiter geltend, dass er persönlich ja die Erlaubnis erteilt habe, den an einer Vergiftung lebensgefährlich erkrankten Nawalny vom Krankenhaus im sibirischen Omsk in einem Rettungsflugzeug nach dem Berliner Charité-Spital zu bringen. Ein zwingender Beweis für die Unschuld russischer Geheimdienste am Zustand des späteren «Berliner Patienten» ist das aber nicht. Denn Nawalny war schon damals eine weitherum bekannte russische Oppositionsfigur und wäre er im Krankenhaus von Omsk gestorben, hätte die Kremlführung mit einem ebenso lautstarken öffentlichen Aufschrei rechnen müssen.

Als in Berlin später von mehreren Speziallabors in verschiedenen Ländern bestätigt wurde, dass der Körper des «Patienten» Spuren des Kampfstoffes Nowitschok aufwies, insinuierte Putins Sprecher Peskow zunächst, dieses Gift müsse Nawalny offenbar in Deutschland verabreicht worden sein. Für eine juristische Untersuchung der ganzen Affäre, wie das mehrere ausländische Regierungen gefordert haben, sieht Putin weiterhin keinen Anlass.  

Falls Putin oder einige seiner übereifrigen Geheimdienstleute kalkuliert haben, den unbequemen Regierungskritiker Nawalny durch eine diskrete Vergiftungsaktion während seiner Sibirienreise auszuschalten, so war das entweder von Anfang an ein illusionärer Plan oder bei dessen Ausführung sind ein paar Dinge völlig schief gelaufen. So oder so wird Putin jedenfalls nicht darum herumkommen, sich auch in Zukunft weiterhin mit dem «Berliner Patienten» zu beschäftigen. Vielleicht wird er es eines Tages sogar nicht vermeiden können, auch dessen Namen öffentlich auszusprechen.

Nawalnys Videos für ein Millionenpublikum

Denn der 44-jährige Nawalny befindet sich nach seiner Genesung im Berliner Charité-Krankenhaus zwar weiterhin in Deutschland, ist aber als politischer Aktivist auf den medialen Internet-Kanälen so rührig und gewandt wie eh und je. Zwei Tage nach Putins Pressekonferenz vom Donnerstag postete er auf Youtube ein Video mit seiner Stellungnahme zu Putins Auftritt, in dem er dessen Erklärungen zur Gift-Affäre scharf kritisierte. Er betonte weiter, dank den Untersuchungen des Recherche-Netzwerkes Bellingcat verfüge er nun über die Namen, Adressen und Telefonnummern jener Agenten, die ihn im August vergiftet hätten. Über seine mit Youtube verbundenen Video-Kanäle erreicht Nawalny ein Millionen-Publikum, einige seiner russischsprachigen Sendungen sind Englisch untertitelt.

Inzwischen hat der russische Oppositionelle die Öffentlichkeit durch einen weiteren sensationellen Coup überrascht. In einem neuen Video, über das unter anderem am Montag der «Spiegel» berichtet, dokumentiert Nawalny live ein Telefongespräch mit dem russischen Agenten Konstantin Kudrjanzew, den er von Deutschland aus angerufen hatte und dem er sich als Mitarbeiter eines hohen FSB-Beamten vorstellte. Der Agent bestätigte nach einigem Zögern schliesslich im O-Ton, dass er bei der Vergiftungsoperation gegen Nawalny im vergangenen August involviert war und äusserte sich auch darüber, weshalb die Operation möglicherweise aus dem Ruder lief. Das Video ist bereits nach wenigen Stunden über 400‘000 Mal angeklickt worden, am Dienstagnachmittag waren es schon 1.3 Millionen Klicks. 

Den Fall Nawalny wird, wie gesagt, Präsident Putin nicht so schnell abhaken können. Spätestens dann, wenn sein agiler und überaus mediensmarter Kritiker sich entscheidet, wieder nach Russland zurückzukehren, wird er sich erneut mit dieser Personalie befassen müssen. Dass Nawalny entschlossen ist, in seine Heimat zurückzukehren hat er bisher energisch bejaht.

Kommentare

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Klar, Geheimdienste bringen Leute um. Manchmal sogar Präsidenten.

Aber dass man den FSB nun dauernd bei stümperhaft ausgeführten Aktionen erwischt (Skripal, Tiergarten, Nawalny) ist doch schon mehr als merkwürdig. Was Geheimdienste nämlich noch besser können als Unterhosen zu vergiften, ist Desinformation zu verbreiten. Darin sind sie besonders gut. Aber alle die glauben, jeder James-Bond Film sei eine Reportagen aus der Wirklichkeit, befinden sich doch in einem kindlichen Märchenalter wo man so Zeug noch ernst nimmt.

Herr Nawalny wird von der West-Presse überschätzt. Schade dass er nicht merkt, wie er vom Westen instrumentalisiert und für ihre Interessen verheizt wird. Es scheint für ihn eine Lebenserfahrung zu werden. Mit der bitteren Erkenntnis, dass die West-Politiker und -Presse im Endeffekt nicht besser sind als in seinem Heimatland.

Herr Knecht, Ihre Einschätzung klingt ziemlich folgerichtig, wenn Herr Nawalny von den Ereignissen in der letzten Zeit überrumpelt wäre. Was wir aber nicht wissen ist, inwielange er sich schon vor diesen Ereignissen ausländischer Unterstützung erfreute. Möglicherweise war das ja der Grund, weshalb Herr Putin ihn gerne hat ausreisen lassen.

Nawalnyaden ohne Ende. Wen interessieren die eigentlich? Niemand

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