Müssen wir den Taliban helfen?

Heiner Hug's picture

Müssen wir den Taliban helfen?

Von Heiner Hug, 30.08.2021

So seltsam es klingt: Die neuen Herren in Afghanistan sind in der Defensive.

Die Situation ist grotesk, fast schon verrückt: Plötzlich gelten die Taliban als das geringere Übel. Seit ihrer Gründung 1994 wird die radikalislamistische Terrortruppe vom Westen bekämpft. Hunderte Milliarden Dollar haben die USA aufgewendet. Und jetzt?

Jetzt stellt sich plötzlich die Frage, ob man die Taliban im Kampf gegen einen noch radikaleren Gegner unterstützen soll.

Ihr schneller Sieg hat die Taliban in die Defensive gedrängt. Sie sind überfordert. Sie haben nicht genug Kämpfer, um die Sicherheit im Land aufrecht zu erhalten. Und sie haben nicht genug Personal, um den Staat zum Funktionieren zu bringen. Die Geldströme aus dem Ausland sind gekappt, die Staatskasse ist leer. Soldaten, Polizisten und Beamte können nicht bezahlt werden. Im Land herrscht Dürre; eine Hungersnot droht. Im Pandschirtal, und nicht nur dort, formiert sich Widerstand.

Nicht genug: Plötzlich haben die radikalen Taliban einen noch radikaleren Gegner: den «Islamischen Staat» (IS) und al-Qaida. Diese Super-Terroristen haben sich überraschend schnell wieder breitgemacht. Schon seit längerer Zeit ist es der IS, der in Kabul und anderswo Anschläge verübt, zum Beispiel auf eine Mädchenschule. Das Attentat am Flughafen am vergangenen Donnerstag mit seinen rund 180 Toten war der bisher blutigste Anschlag.

Die Taliban und der IS sind seit langem verfeindet. Schon bezeichnet der «Islamische Staat» die Taliban-Kämpfer als «gottlos», als nicht «wahre Muslime», die mit den Amerikanern einen Deal getroffen hätten.

Wer ist schlimmer, die Taliban oder der IS oder al-Qaida?

Es gibt einen grossen Unterschied: Die Taliban beschränken sich (zumindest bis anhin) auf Afghanistan (und die pakistanische Grenzregion). Sie wollen den Terror nicht ins Ausland exportieren. Im Gegensatz zum «Islamischen Staat» und al-Qaida, die für eine Art islamistische Weltrevolution kämpfen. Al-Qaida war für 9/11 und andere Anschläge im Ausland verantwortlich. Die Taliban haben nie im Ausland gemordet.

Also: Sollte man nun plötzlich den Taliban helfen, das noch grössere Übel zu bekämpfen: den «Islamischen Staat» und al-Qaida?

Die Taliban-Führung, die sich plötzlich in Bedrängnis befindet, ist nicht dumm. Sie weiss um die Probleme. Die «neuen Taliban» versuchen jetzt, den Westen zu ködern. Sie geben sich so lammfromm, dass es fast schon weh tut. Frauen würden geachtet, die Menschenrechte ebenso. Die Scharia, kein Problem, das sei eine ganzheitliche positive Lebensphilosophie. Todesstrafe? Die gebe es in den USA auch. Natürlich sei die Pressefreiheit garantiert. Man strebe solide, freundschaftliche internationale Beziehungen an, Hilfswerke seien willkommen.

Wenn sie in der Defensive sind, treten die Taliban sogar – zumindest dem Westen gegenüber – auch als Frauenförderer auf. Kaum jemand traut diesen süssen Schalmaien.

Doch es gibt nicht DIE Taliban. Es gibt Dutzende, vielleicht Hunderte Taliban: verschiedenste Gruppen mit eigenen Kommandanten und eigenen Interessen. Allein in Kabul sollen jetzt über 20 verschiedene Kriegsherren regieren. Es gibt die verbissenen Gotteskrieger, aber auch pure Verbrecher, Vergewaltiger, ehemalige Mörder und Folterer, die ihre eigene Suppe kochen. Einige agieren unter dem Label «Taliban» und als Plünderer. Andere machen Hatz auf Frauen, enthaupten Afghanen, die mit Ausländern zusammengearbeitet haben. Eine starke, berüchtigte, mordende Gruppe, die Haqqani-Fraktion, ist eng mit den Taliban verbunden. Und Pakistan spielt wieder ein Doppelspiel.

Sicher ist, dass die Taliban-Führung diese verschiedenen Strömungen und Gruppen nicht (oder vielleicht: noch nicht) unter Kontrolle hat.

Werden die Rechte der Frauen wirklich geachtet? Dürfen Mädchen zur Schule gehen? Stellt man die Verfolgung der Hazara und anderer Schiiten ein? Werden weiterhin Hände und Köpfe abgeschlagen?

Noch ist unklar, wer dann schliesslich das Sagen hat: die Moderaten? Die Radikalen? Die Fanatiker? Die Verrückten? Es wird wahrscheinlich viele Monate dauern, bis das klar wird.

Soll der Westen nun Beziehungen zur moderaten Taliban-Führung aufnehmen, um diese zu stärken? 25 Jahre lang kämpften die USA und andere westliche Staaten gegen die mordenden Taliban mit ihrem Steinzeit-Islamismus. Sie, die Tausende abgeschlachtet, teils geköpft haben. Sie, die Frauen ohne Schleier mit Säure begossen haben.

Und jetzt sollen diese Taliban Verbündete des Westens werden? Sollen die Amerikaner, um ihnen zu helfen, weiterhin mit Drohnen gegen IS-Kämpfer vorgehen (wie an diesem Sonntag)? Oder: Soll der Westen den moderaten Taliban gar Waffen liefern, um den «Islamischen Staat» zu bekämpfen? Das wäre wohl die Krone der Absurdität. Man würde das dann Realpolitik nennen.

Ähnliche Artikel

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Ein guter Kommentar. "Al-Qaida war für 9/11 und andere Anschläge im Ausland verantwortlich". Dies ist zu bezweifeln. Was vor zwanzig Jahren am 11. September 2001 in den USA passiert ist müsste neu untersucht werden, das verlangen Feuerwehrleute und Helfer die damals halfen, das verlangen auch Piloten, Architekten und Ingenieure. Nur zu erwähnen vor und nach dem 11. September sind nie mehr Wolkenkratzer als Folge von Bränden eingestürzt. An diesem Tag aber gerade drei Wolkenkratzer in New York. Die Ingenieure die das World Trade Center gebaut hatten, haben berücksichtigt dass ein Flugzeug in die Türme fliegen konnten. Denn 1945 flog ein Bomber in das Empire State Building. Auch in Zürich bauen wir Häuser so, dass sie nicht einstürzen bei einem Brand. Das wurde beim Bau des Museumbahnhofes berücksichtigt zum Beispiel. Dort werden die Stahlstützen nach einem Brand eines Zuges nicht einknicken.

Die Taliban sind eigentlich schon aufgelaufen. Die geschenkte Infrastruktur, abgesehen von den Strassen macht's nicht sehr lange. Wie lange funktioniert das Handynetz, ohne Service, ohne Update ? Wie lange funktioniert ein Verkehrsleitsystem ohne Wartung ? Wie lange funktioniert ein Spital ohne Wartung ? Wo sind die Fachleute ? Sind abgereist, oder geflohen. Die Frauen wurden schon mal nach Hause geschickt. Die kommen nicht wieder. Moderne Systems für was auch immer sind so kompliziert, da benötigt man jahrelanges Training, da ist nichts mit den Sessel neu besetzen. Ihre Ankündigung für Fachleute zu sorgen ist ein leerer Witz. Denn moderne Gesellschaften bestehen aus Fachleuten, nicht nur zwei, drei. Mit etwas einschüchtern und drohen laeuft's auch nicht.
Die Devisen des Staates lagern im Ausland und sind blockiert. Inland Geld haben sie keins. Wenn sie denn welches hätten ... muesste das Vertrauen vorhanden sein.
Kurz, die Taliban sind eigentlich schon Geschichte. sie können zwar noch etwas randalieren, aber das wird nichts mehr.

Die Rolle von China kommt aber noch. Welcher Art Zusammenarbeit da dann stattfinden wird ist ja noch offen. Aber china wäre ja durchaus in der Lage z.B. für ein funktionierendes Mobilnetz zu sorgen- usw. Bei Administartion und Verwaltung mag es vielleicht anders aussehen. Welche Skills da die T haben? K.A. Ausserdem ist da m.W. ja auch noch die Bedrohung eines Bürgerkrieges, wie man von einigen Fachleuten hört.

Exzellenter Kommentar, H.W.

Bitte betrachten Sie dazu auch mal das Pendent in USA, zum Beispiel in Form der "Uncle Sam's Snuff Factory aka The Genozide Factory" in Texas (Zeugenaussagen Dylan Katie Groves), dann wissen Sie, dass Sie (wir) den Feind gefunden haben, und Sie (wir) sind es selber.

Vielleicht müsste man endlich mal ernsthaft die Waffenlieferungen an welche Seite auch immer, bekämpfen, bzw. eben unterbinden. Wenn man sieht, mit welchen Instrumenten die Taliban sich jetzt auf TV Bildern zeigen, wird einem schlecht. Das scheinen jetzt ja teilweise die Waffen zu sein, welche die Amerikaner der Armee geliefert haben und nun erbeutet wurden? K.A. aber die Idee kommt einem ja.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren