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Medien

«Die Ermordung der Washington Post»

6. Februar 2026
Ignaz Staub
Ignaz Staub
Jeff Bezos, Washington Post
Demonstranten protestieren am Donnerstag vor dem Redaktionsgebäude der «Washington Post» mit einem Plakat von Jeff Bezos gegen die massenhaften Kündigungen. (Foto: Keystone/AP Photo/Allison Robbert)

Die «Washington Post», weltberühmt seit der Aufdeckung des Watergate-Skandals, entlässt mehr als ein Drittel ihrer Journalistinnen und Journalisten. Die Entlassenen zahlen den Preis für ein unfähiges Management und einen reichen Besitzer, dem die Nähe zu Donald Trump wichtiger ist als das Schicksal seiner Zeitung. Verliererin ist auch eine treue Leserschaft.

Als Jeff Bezos, der Gründer von Amazon und mit einem Vermögen von 250 Milliarden Dollar einer der reichsten Männer der Welt, die «Washington Post» 2013 für 250 Millionen Dollar kaufte, war die Welt noch in Ordnung. Auch sechs Jahre später schrieb er noch in einem Beitrag für die Website «Medium»: «Meine Leitung der Post und mein Einsatz für ihren Auftrag, die unerschütterlich bleiben werden, ist etwas, auf das ich noch stolz sein werde, wenn ich 90 bin und auf mein Leben zurückblicke.» 

Die Mitarbeitenden als Sündenböcke

Doch jetzt, bereits mit 62, ist Bezos jemand dazwischengekommen: US-Präsident Donald Trump. Und das Motto «Democracy Dies in Darkness», das der Besitzer der «Washington Post» als tägliches Leitmotiv verpasste, liest sich heute eher als «Demokratie stirbt an hellem Tageslicht». Die «Post» entlässt rund 30 Prozent ihres  Redaktionspersonals, schliesst kurz vor Beginn der Olympischen Spiele in Italien das Sportressort, kappt die Literaturseiten und setzt den Podcast «Post Reports» ab. «Es ist ein absolutes Blutbad», sagt ein Mitarbeiter an der K Street in Washington DC. 

Gefeuert werden auch alle Fotografinnen und Fotografen sowie die Mehrheit des Video-Teams. Andere Ressorts werden ausgehöhlt, so etwa jenes, das über die Tech-Industrie berichtetet. Entlassen wird auch, ausgerechnet, jene Reporterin, die sich exklusiv mit Amazon beschäftigt hat. 

«Das ist ein tragischer Tag für den amerikanischen Journalismus, für die Stadt Washington DC und das ganze Land», sagt Jeff Stein, Chef-Wirtschaftskorrespondent der «Post», der nicht entlassen worden ist: «Die Reporterinnen und Reporter werden für Fehler bestraft, die nicht sie begangen haben.»

Ausland-Berichterstattung reduziert

Massiv ausgehöhlt werden auch das Lokal-Ressort und das Ausland-Ressort, wobei noch nicht genau bekannt ist, welche Korrespondentenplätze betroffen sind. Mit grosser Wahrscheinlichkeit aber sind das Nahost-Büro sowie dessen Betreuer auf der Redaktion und das Ukraine-Büro eliminiert worden. Die Ukraine-Korrespondentin, als Kriegsberichterstatterin im Einsatz, erfuhr in einem nächtlichen Mail von ihrer Kündigung.   

Die Kürzungen betreffen offenbar auch die Berichterstattung aus Australien und Indien, wo Korrespondenten entlassen worden sind. Dem Management zufolge dürfte jedoch eine kleinere Zahl «strategisch platzierter» Übersee-Büros bleiben; die Rede ist von einem Dutzend Büros. Von einer Auslandberichterstattung, die ihren Namen verdient, dürfte bei der «Washington Post» kaum mehr die Rede sein können.

«Eine veraltete Struktur»

In einem Memo an seine Untergebenen nannte Chefredaktor Matt Murray die Gründe für den massiven Sparschnitt: «Wir sind zum Schluss gekommen, dass die Struktur des Unternehmens noch zu stark in einer anderen Ära wurzelt, als wir noch ein dominierendes, lokales Printprodukt waren. Diese Restrukturierung wird uns helfen, die Zukunft im Dienst unseres journalistischen Auftrags zu sichern, und uns Stabilität verschaffen, wenn wir vorwärtsgehen.»

Murray zufolge wird sich die Berichterstattung des Blatts künftig auf «Politik, nationale Angelegenheiten, Leute, Macht und Trends; nationale Sicherheit in DC und im Ausland» konzentrieren. Die Zeitung, so ihr Chef, dürfe nicht mehr versuchen, es allen Leuten recht zu machen, sondern müsse sich an eine rasch sich wandelnde Medienlandschaft anpassen. 

Ein unsichtbarer Verleger

Einzelne Stimmen machen sogar den Erfolg der «New York Times» (NYT) für die Misere der «Washington Post» verantwortlich. «Die NYT verdrängt andere aus dem Markt», textete etwa ein Medien-Beobachter: «Sie wird so gross und setzt ihren Brand so gut ein, dass sie mehr Abos verkaufen und besser berichten kann als alle Konkurrenten, was es für eine ‹Post› schwerer macht, sich zu verkaufen.»

Während sich der Chefredaktor der «Post» immerhin zeigte, blieb Verleger Will Lewis unsichtbar und äusserte sich nicht zu den Umwälzungen in seinem Unternehmen. «Er ist ein Feigling», meinte ein Mitarbeiter, während ein anderer bemerkte, dass die Manager, die keine einträglichen Ideen eingebracht hätten, verschont würden, während die Reporterinnen und Reporter den Preis zahlen müssten. Auf die Frage eines Moderators von Fox News, wo Lewis denn sei, antwortete Matt Murray: «Er hatte viel zu tun.» Hunderte Angestellte zu entlassen gehörte offenbar nicht dazu.

Ein unberechenbarer Besitzer 

Auch Besitzer Jeff Bezos, dessen unverhüllte Bemühungen um die Gunst Donald Trumps Hunderttausende von Abo-Abbestellungen verursacht haben, blieb unauffindbar und antwortete nicht auf Medienanfragen. Noch Anfang Woche aber hatte er in Florida Kriegsminister Pete Hegseth am Standort seiner Weltraumfirma «Blue Origin» persönlich die Ehre erwiesen. Unlängst hat Amazon zudem 75 Millionen Dollar ausgegeben, um die Produktion und Vermarktung eines Dokumentarfilms über Melania Trump zu finanzieren, der verheerende Kritiken erhalten hat und kaum Gewinn abwerfen dürfte. Das zeige, heisst es, dass Bezos willens sei, Verluste zu tolerieren, aber nur solche, die ihm im Weissen Haus politische Vorteile verschaffen würden.

«Es fällt einem schwer, sich nicht zu wundern, ob die Aushöhlung der ‹Post› nicht darauf abzielt, es der Zeitung zu erschweren, die Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen, die Gunst der Regierung Trump zu gewinnen, zu signalisieren, dass es (der Abbau) Bezos egal ist», sagt ein Mitarbeiter: «Ich habe absolut kein Vertrauen mehr in die Führung dieser Zeitung.»

Als Jeff Bezos 2013 die «Washington Post» kaufte war er 25,2 Milliarden Dollar schwer. Seit dem Kauf ist das Vermögen des Besitzers einem Post auf X zufolge auf 224,2 Milliarden Dollar gewachsen. Im vergangenen Jahr hat die «Post» 100 Millionen Dollar Verlust geschrieben, d. h. Bezos könnte diese Verluste fünf Jahre lang mit dem Geld tragen, das er in einer Woche verdient. Seine Jacht hat 500 Millionen Dollar, seine Hochzeit letztes Jahr in Venedig über 50 Millionen Dollar gekostet. Zwar ist es sein Recht als Unternehmer, keine Verluste zu tolerieren, aber mit dem Kauf einer Zeitung hat Jeff Bezos auch eine öffentliche Verantwortung übernommen.

Ein Lehrstück in Brand-Zerstörung

Für Martin («Marty») Baron, von 2013 bis 2021 unter Jeff Bezos Chefredaktor der «Washington Post», gehören die Entlassungen «zu den dunkelsten Tagen in der Geschichte einer der grössten Zeitungen der Welt». Dabei hatten Baron und Bezos seinerzeit einen guten Start, der auf der Redaktion einiges an Innovation freisetzte und Optimismus verbreitete. Tempi passati. «Die Ambitionen der Washington Post werden stark eingeschränkt werden, ihre talentierte und mutige Redaktion wird weiter ausgedünnt werden und der Öffentlichkeit wird eine gründliche, faktenbasierte Berichterstattung in unseren Gemeinschaften und rund um die Welt vorenthalten bleiben», schreibt Baron in einer Stellungnahme.

Es sei im Herbst 2024 ein Fehler gewesen, eine geplante Wahlempfehlung für Kamala Harris zu verhindern und dem Meinungsressort vorzuschreiben, nur noch «zur Unterstützung und Verteidigung zweier Pfeiler: persönliche Freiheiten und freie Märkte» zu schreiben. Was reihum als Kniefall vor Donald Trump interpretiert wurde und der «Post» umgehend den Verlust Hunderttausender Abonnements bescherte. «Bezos’ Bemühungen, Donald Trumps Gunst zu gewinnen, haben einen besonders hässlichen Schandfleck hinterlassen», sagt Marty Baron: «Das ist ein Lehrstück, wie man in fast einem Zug und ohne fremdes Zutun einen Brand zerstört.» 

«Ein Kaiser ohne Kleider»

«Die … Entlassungen sind der letzte Versuch zu zerstören, was das Blatt so besonders macht», schreibt Ashley Parker, die früher aus dem Weissen Haus für die «Post» berichtete, in ihrem Artikel für das Magazin «The Atlantic». Der Titel des Beitrags: «Die Ermordung der Washington Post».  Die Erklärung, folgert Parker, die am wenigsten zynisch sei, könnte jene sein, dass Jeff Bezos sich schlicht nicht mehr interessiere: «Vielleicht – wie anfänglich so viele von uns – war er von (Verleger) Lewis’ britischem Akzent und dessen studierter Lässigkeit fasziniert, dessen Massanzüge einen Kaiser versteckten, der keine Kleider trug. Oder vielleicht, wie viele von uns fürchten, welche die Post lieben, ist die Dezimierung der Plan.»

Quellen: The New York Times, The Guardian, The New Yorker, The Atlantic, Poynter, CNN

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