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Bildung

Wenn «modern» zur Leerformel wird

7. Februar 2026
Carl Bossard
Schule
Klares Bekenntnis zu einer Schule, die nicht alles können muss, aber das Wesentliche gut macht. (Bild: Roman Weyeneth/Stücheli Architekten AG)

Im Vorfeld von kantonalen Parlamentswahlen lohnt sich ein Blick auf bildungspolitische Verheissungen. Rasch zeigt sich ein vertrautes Vokabular: Modern müsse Bildung sein, innovativ der Unterricht. Modernität fungiert als Gütesiegel – nicht als pädagogische Kategorie. Ein Zwischenruf. 

Bildungspolitische Statements geben sich gerne modern – als Ausweis von Fortschritt, ohne dass klar wird, was damit konkret gemeint ist. Sicher ist nur: Trotz Reformen, Digitalisierung und immer neuer Formate ist der Unterricht in entscheidenden Punkten nicht bildungswirksamer geworden. Im Gegenteil. Vielleicht ist es an der Zeit, weniger über Modernität zu reden – und mehr über Bildung.

Reformen ohne Ertrag

Ein nüchterner Blick auf die vergangenen Jahrzehnte genügt: Keine Schulleistungsstudie zeigt, dass die Reformkaskade den Unterricht qualitativ verbessert hätte. Dabei wurde dauernd von pädagogischem Gewinn geredet. Stattdessen sinken die Lernleistungen, während psychosomatische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zunehmen. 

Schule ist dichter, komplexer und überfrachteter geworden. Vieles, was als Innovation verkauft wurde, entpuppte sich als organisatorisch-bürokratischer oder technischer Mehraufwand, kaum aber als didaktisch gezieltes Vorankommen. Der Fortschritt, um mit Johann Nestroy zu sprechen, schaut oft grösser aus, als er ist.

Der digitale Irrtum

Besonders augenfällig ist der Zusammenhang zwischen wachsender Bildschirmzeit und abnehmender Bildungsleistung. Internationale Studien weisen auf Konzentrationsprobleme, Motivationsverlust und kognitive Verflachung hin. Dennoch hielt die Bildungspolitik lange unbeirrt an der Digitalisierungsverheissung fest. Tablets wurden verteilt, Lernsoftware angeschafft – programmiert von jenen Tech-Konzernen, die heute als problematisch erkannt werden.

Dabei waren die Warnungen bekannt. Hirnforscher und Jugendpsychologen wiesen früh auf Suchtpotenziale und gesundheitliche Risiken hin. Dreijährige mit Smartphones galten plötzlich als «Digital Natives». Medienkompetenz wurde beschworen, als liesse sich Reife pädagogisch abkürzen.

Ernüchterung statt Euphorie

Inzwischen ist der Gesinnungswandel unübersehbar. Länder wie Schweden und Dänemark verabschieden sich von der Digitalisierungseuphorie (1). Handys werden aus Schulen verbannt, gedruckte Lehrmittel erleben eine Renaissance, ebenso analoge Lernformen. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Erfahrung: Technik allein macht keinen Unterricht besser. Es ist das Pädagogische.

Parallel dazu werden Social-Media-Verbote für Jugendliche diskutiert. Sie signalisieren das Eingeständnis, dass zentrale Versprechen der digitalen Bildungspolitik nicht eingelöst wurden. Medienkompetenz und digitale Grundbildung erweisen sich im Rückblick als wohlklingende, aber überschätzte Konzepte.

Was auffällt, ist das Ausbleiben von Selbstkritik. Kaum jemand aus den Bildungsstäben räumt offen einen Irrtum ein. Dabei wäre in solches Eingeständnis ein starkes bildungspolitisches Signal. Doch Selbstkritik zählt nicht zu den bevorzugten Tugenden jener, die kritisches Denken gerne für andere auf den Lehrplan setzen. 

Die nächste Verheissung heisst KI

Während wir den Kampf gegen TikTok, Instagram und YouTube aufnehmen, wird die nächste Hoffnung bereits ins Klassenzimmer getragen: Künstliche Intelligenz. Wieder wird suggeriert, Technik könne pädagogische Probleme lösen. Wieder droht dieselbe Illusion wie vor zwanzig Jahren, als man soziale Medien noch für einen Beitrag zur Demokratisierung verabsolutierte.

Es mehren sich die Anzeichen, dass KI – ihrer Logik folgend – zu einer weiteren Abnahme eigenständigen Denkens führen könnte. Man darf gespannt sein, wie lange es dauert, bis auch hier Ernüchterung einsetzt. Vielleicht wird man dann feststellen, dass es für den Menschen besser ist, selber zu denken, als denken zu lassen.

Was Schule bildungswirksam macht

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie modern die Schule ist, sondern wie bildungswirksam. Bildungswirksam ist eine Schule dann, wenn sie sich konsequent auf ihren pädagogischen Kernauftrag konzentriert: Kinder und Jugendliche fachlich, sozial und personal bilden.

Bildungswirksamkeit entsteht nicht primär durch Reformen, Strukturen oder technische Installationen. Sie entsteht durch gemeinsames pädagogisches Denken und Handeln der Lehrpersonen. Die Unterrichtsforschung spricht von «collective teacher efficacy» (2) – einer der stärksten bekannten Einflussfaktoren auf Lernerfolg.

Lehren ist personales Wirken. Lernen gelingt dort, wo Beziehung und Ermutigung, klare Rückmeldungen und Fehlertoleranz den Unterricht prägen. Schulleitungen, die den Fokus auf das Wesentliche halten, und Eltern, die Verantwortung mittragen, schaffen die nötigen Voraussetzungen.

Weniger modern, mehr Bildung,

«Modern» ist kein pädagogisches Kriterium, sondern allzu oft eine politische Beruhigungsformel. Sie suggeriert Fortschritt, wo die Bilanz nüchtern ausfällt. Bildungswirksamkeit hingegen lässt sich nicht verordnen oder inszenieren. Sie entsteht durch professionelle Arbeit, durch klare Prioritäten und durch den Mut, sich von liebgewonnenen Illusionen zu verabschieden (3).

Bildungspolitik täte gut daran, ihre Rolle neu zu verstehen: nicht als Reformmaschine, die im Vierjahrestakt neue Programme produziert, sondern als Hüterin des pädagogischen Kerns. Verantwortung zu übernehmen heisst auch, Grenzen zu ziehen – der Digitalisierung ebenso wie der fortwährenden Überfrachtung der Schule. Nicht alles, was technisch möglich ist, ist pädagogisch sinnvoll. Und nicht jede gesellschaftliche Schieflage lässt sich durch schulische Massnahmen beheben.

Vielleicht beginnt bildungspolitische Modernität genau hier: im Verzicht auf immer neue Heilsversprechen – und im klaren Bekenntnis zu einer Schule, die nicht alles können muss, aber das Wesentliche gut macht. 

(1) Oliver Weber: Wer rettet uns vor dem nächsten Click? In: FAZ, 05.02.2026, S. 11

(2) Kollektive Lehrerwirksamkeit, vgl. dazu: John Hattie (2023): Visible Learning: The Sequel. A Synthesis of Over 2’100 Meta-Analyses Relating to Achievement. London, New York: Routledge, S.227ff.         

(3) Zu Bildungsillusionen vgl. Konrad Paul Liessmann, u. a. seine Publikation: «Bildung als Provokation»; dazu Franz E. Weinert: Die fünf Irrtümer der Schulreformer. In: Psychologie heute, 07/1999, S. 28ff. – ein Beitrag, der seine Aussagekraft nicht verloren hat, im Gegenteil.

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