Mein kleiner (einsamer) Protest

Beat Allenbach's picture

Mein kleiner (einsamer) Protest

Von Beat Allenbach, 30.07.2020

Es gibt viele gute Gründe, vor allem Facebook und Google zu meiden, doch das gelingt nicht immer. Schade gibt es keine europäische Alternative.

Apple, Facebook, Google, Microsoft und Amazon sind mächtige multinationale Konzerne, die grosse Gewinne erzielen, aber erfinderisch sind, um der Besteuerung auszuweichen. Es sind Unternehmen, die sich ausserhalb der Nationalstaaten wähnen und keine ethische und soziale Verantwortung übernehmen: sie verdienen unseren Respekt nicht. Sie machen Milliardengeschäfte mit all den Daten, die wir produzieren oder hinterlassen, wenn wir uns im grossen Netz bewegen.

Google und Facebook haben auch in der Schweiz viele Benützer und ziehen einen grossen Teil der Werbung an, die jetzt den Zeitungen in der Schweiz fehlen. Auch deshalb entlassen die Verleger Journalistinnen und Journalisten, gleichzeitig setzt sich die Konzentration in der Presse fort, die Vielfalt der Stimmen vermindert sich, die wesentlich ist für unsere halbdirekte Demokratie.

Schlechte Arbeitsbedingungen bei Amazon

Wir wissen, dass Amazon trotz des andauernd wachsenden Vermögens des Gründers Jeff Bezos (ca. 160 Milliarden Dollar) seinen abertausenden Mitarbeitenden in den Lagern und in den Vertriebsketten schlechte Arbeitsbedingungen bietet und Hungerlöhne zahlt – jedenfalls in jenen Ländern, in denen kein starker Arbeitnehmerschutz und mächtige Gewerkschaften bestehen.

Mark Zuckerberg hat seine als Student entwickelte Erfindung Facebook genannt. Heute haben weit über zwei Milliarden Menschen in allen Kontinenten ein Konto bei Facebook; sie erhalten nicht nur die Mitteilungen von ihren „Freunden“, sondern auch viele Falschmeldungen, vulgäre Attacken und Drohungen, welche die Opfer zerstören können.

Die grosse Zahl von Nutzern liefert eine unendliche Menge persönlicher Daten, die sich in Geld verwandeln: Zuckerberg ist steinreich geworden. Er hat zudem zwei populäre Apps gekauft: Instagram und Whatsapp, das letztere ist besonders beliebt bei kleinen Gruppen und Familien. Ist das nicht eine gefährliche Machtballung?

Fast unmöglich, Google zu umgehen

Es gibt viele gute Gründe, weder Apple, Fecebook, Google und Amazon zu benützen, und ich meide deren Angebote. Doch ist es nicht leicht, z. B. Google zu umgehen. Ein Freund und IT-Kenner hat mir eine Suchmaschine empfohlen, welche keine Daten der Nutzer sammelt und verkauft: sie hat den etwas besonderen Namen DuckDuckGo. Wenn ich Informationen übers Tessin suche, habe ich jedoch grosse Mühe und muss auf Informationsplattformen ausweichen.

Ich besitze ein Fairphone, eine Art Smartphone, das mit etwas mehr Respekt für die Umwelt und die  Menschen, die es anfertigen, hergestellt wird. Doch die Mails erhalte ich mittels Gmail, der Mailverwaltung von Google. Es scheint unmöglich, Google zu meiden, wenn man sich in der heutigen Welt der Kommunikation bewegt. Doch weshalb, so frage ich mich, ist Europa nicht gewillt oder nicht fähig, eine Alternative zu Google und Facebook zu entwickeln? Stört es die Europäer nicht, von den amerikanischen Multis vollständig abhängig zu sein und überwacht zu werden?

Stadtverödung als Folge des wachsenden Online-Geschäfts

Während der akuten Phase des Coronavirus haben sehr viele Menschen online eingekauft. Das verstehe ich, aber selber mochte ich das nie tun. Ich hoffe, dass bald  möglichst viele wieder in den traditionellen Geschäften einkaufen werden. Es gibt dafür viele einleuchtende und wichtige Gründe. Sofern der Trend zum Online-Einkaufen anhält oder sich gar verstärkt, werden nämlich immer mehr Geschäfte schliessen müssen. Die Stadt- und Dorfzentren würden ihre Attraktivität verlieren, aber auch ihre wichtige Eigenschaft, als abwechslungsreicher Lebensraum und Treffpunkt Menschen anzuziehen und zu versammeln.

Leider ist es jetzt sogar so, dass statt sich von diesen die Souveränität einschränkenden Fesseln zu lösen sogar die Staaten selber freiwillig noch mehr Fesseln anlegen. Typisch zu zeigen an all den "Corona Tracing Apps", welche auf DP-3T beruhen.
All diese Apps benutzen Bluetooth-Beacons zur (groben) Schätzung der Entfernung auf Basis der Signalstärke der empfangenen Beacons.
Damit solche Beacons genutzt werden können muss auf allen Android-Geräten mit Google Services (also auf praktisch allen "Androiden") die Standortermittlung aktiviert sein. Technisch ist das nicht begründbar. Google aber erklärt das damit, dass mit Beacons innerhalb weniger Meter der Standort anderer Phones ermittelt werden kann - und deshalb müsse der User via Aktivierung der Standorterkennung seine Einwilligung dazu geben. Mit dieser Aktivierung erhält Google aber auch laufend meinen Standort, auch ohne GPS sondern nur anhand der WLAN- und Mobilfunksender. Ausschalten im Google-Konto kann ich nur zu Aufzeichnung meiner Bewegungen und ortsgebundene Werbung. Google benutzt diese Standortdaten für eigene, auch kommerzialisierbare, Zwecke, siehe https://policies.google.com/technologies/location-data?hl=de

Alle Staaten, welche Beacons nutzende Apps entwickeln sind sich sehr wohl dessen bewusst. Sie sorgen mit diesen Apps also für die noch umfassendere Verbreitung des Google-Geschäftsmodells.
Und mit diesen - möglichst dauerhaft aktiven - Corona-Apps auch dafür, dass die Standorterkennung dauerhaft und nicht nur dann aktiv ist, wenn sie wirklich benötigt wird.

Zusätzlich beruht die zentrale Funktionalität dieser Apps auf einem systemnahen "Proximity Tracing" von Google und Apple, welches auch ohne diese App ungefragt installiert wurde. Und die Implementation dieser Funktion lassen Apple und Google (trotz Bitten der EPFL) nicht überprüfen.

All das mit der Begründung "es musste eben schnell gehen".

Wozu dann eigentlich neue Kampfjets beschaffen? Wenn es schnell gehen muss (was in Kriegssituationen ja typisch ist) können wir ja die NATO um schnelle Hilfe bitten ...

Danke für den Artikel, Herr Allenbach. Es ist schon so, wie sie schreiben: Wir werden von den IT-Giganten ausgeweidet wie eine Weihnachtsgans; unserer Daten wegen. Und wir werden dafür nicht monetär entschädigt. Es ist nicht so, dass wir auf Gedeih und Verderb den IT-Giganten ausgeliefert wären. Es geht ohne Facebook, was bei mir der Fall ist. Es geht ohne Smartphone; ich habe lediglich ein altes Nokia-Handy. Ohne Googele ist auch für mich fast unmöglich. Ohne Amazon geht es alleweil. Wie sie erwähnen, Herr Allenbach, ist es wichtig, dass wir wieder in den Läden einkaufen gehen. Schliesslich stehen auch Arbeitsplätze auf dem Spiel, die bis jetzt noch besser entlöhnt werden, als diejenigen in den Online-Shops. Amazon demonstriert bei seinen Angestellten die moderne Sklaverei; totale Überwachung zu schlechten Löhnen. Und dies dank dem reichsten Mann der Welt Jeff Bezon. Die gleichen modernen Raubritter sind auch daran interessiert - sekundiert von Banken und Staaten - das Bargeld abzuschaffen. Dies wäre dann noch ein Schritt mehr, im Bestreben, die Konsumenten der totalen Überwachung auszuliefern. Leider haben viele Bürger diesbezüglich Scheuklappen. Es spricht vieles dafür, die digitalen Mittel und Möglichkeiten von Fall zu Fall zu hinterfragen oder auch einmal darauf zu verzichten. Ansonsten werden wir den IT-Giganten total ausgeliefert sein. Wer das wirklich will, soll dann aber nicht kleinlich tun, wenn er seine Telefonnummer im Rahmen der Corona-Pandemie in einem Restaurant angeben muss.

Lieber Herr Allenbach,

Man kann noch mehr machen: Kein Mensch zwingt einem, Guugelmail (gmail) zu benutzen, es gibt genügend andere, sichere und kostenlose Anbieter, und sei es nur unsere bewährte Swisscom mit ihrem Bluewin.

Und da Sie ein Fairphone haben: dieses kann man sehr gut ebenfalls ganz ohne Guugel benutzen, wie ich das tue. Beim FP2 kann man das selber einrichten, beim FP3 kommt es demnächst zusammen mit der /e/ Foundation.

Übrigens kann man auch die Fairphone-Konkurrenz SHIFTphone ohne Guugel laufen lassen.

Mit den besten Grüssen
Urs Naegeli, Fairphone-Benutzer seit 2013 ;-)

Man kann das originale (ev. bereits veraltete) Betriebssystem fast jedes verbreiteten Android Phones/Tablets ersetzen durch z.B. Lineage OS (früher CyanogenMod) - auch ohne jegliche Google-Basis.
ABER: Möglicherweise funktionieren dann einige "Dinge" (WLAN, GPS, bluetooth, ...) nicht mehr richtig.
UND: Diese Geräte sind ja nur dank diverser Apps nützlich. Und der allergrösste Teil wird nur für Phones auf Basis neuerer Betriebssystem-Versionen von Google oder Apple-iOS entwickelt. Das ist auch der Grund, weshalb das "Windows-Phone" nicht mehr existiert.

UND: Ich bin Besitzer eines Fairphone 1. Es ist jetzt "Schrankware". Es hat immer noch Android 4.2 und wird nicht aktualisiert. Praktisch keine der wichtigen Apps funktionieren damit heute noch. Mit dem custom ROM CyanogenMod 11 könnte es nur auf das ebenfalls veraltete Android 4.4.4 aktualisiert werden. Hilft also auch nichts.
Notgedrungen bin ich via eine eher unglückliche Erfahrung mit einem "Androiden" eines Marktführers jetzt bei einem 200-Fr.-Phone mit aktuell Android 8.1.0 plus Google-Services eines "Nischenplayers" seit längerer Zeit zufrieden.
Natürlich könnte ich mich nach China wenden und ein Huawei-Phone mit Android ohne Google aber mit Huawei-Basis nutzen. Habe dann aber kaum bei uns übliche Apps zur Verfügung, dafür "guten Kontakt" zum chinesischen Staat ...

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren

«Belarus - ein Modell unserer Zukunft»

Reinhard Meier: Die belarussische Nobelpreisträgerin Swetlana Aleksijewitsch hat die russischen «Brüder» um Solidarität mit ihrem Volk gebeten. Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja antwortete, Belarus sei ein «Modell unserer nahen Zukunft». Mehr…