Licht für das Kinderspital

Niklaus Oberholzer's picture

Licht für das Kinderspital

Von Niklaus Oberholzer, 22.09.2019

James Turrells Lichtraum „My Light“ auf dem Areal des Zürcher Kinderspitals erstrahlt in wechselnden Rot- und Blautönen – und soll helfen.

Vielleicht vermag das Kunstwerk Menschen in belastenden Situationen zu helfen – im konkreten Fall des Zürcher Kinderspitals den Patienten, Eltern, weiteren Angehörigen, Pflegepersonal. Diese Absicht jedenfalls steht hinter dieser Kunst-Initiative: Der amerikanische Künstler James Turrell (geboren 1943) erhielt Gelegenheit, auf dem Areal des Spitales einen seiner Lichträume zu realisieren, wie ihnen in Museen, aber auch als dauerhafte Installationen in der Landschaft zu begegnen ist – vielerorts in aller Welt, aber auch in der Schweiz, zum Beispiel beim Hotel Castell in Zuoz. Turrell hat „My Light“, so der Titel des Werkes, eigens für das Kinderspital Zürich konzipiert und gemeinsam mit der Eleonorenstiftung, der Trägerin des Spitals, realisiert. Finanziert wurde die Installation mit Hilfe von Kunstliebhaberinnen und Kunstliebhabern. 

Wer den weissen Kubus zwischen Labor 2 und Oberem Haus 1 des Zürcher Kinderspitals betreten will, muss bei der Information beim Haupteingang nach dem Schlüssel fragen. Meist ist man in „My Light“ allein mit sich und dem ellipsenförmigen Lichtkörper, der vor einer Wand zu schweben scheint. Eine Bank lädt zum Verweilen ein. 

Verweilen – in beinahe sakraler Atmosphäre – ist angezeigt. In Minutenschnelle lässt sich das Werk nicht erleben, denn die Farben des Lichtkörpers sind nicht konstant. Sie wechseln in ruhigem Rhythmus. Man erlebt die Ellipse tief rot, dann leuchtend rot. Bald bildet sich innerhalb der roten Farbe ein zweites, nun hellblaues Oval. Dann wiederum ist Blau die Grundfarbe, und um dieses Blau bildet sich ein weisser Ring. Oder in diesem hellen Blau schwebt ein zweites ganz helles Oval. Die Veränderungen brauchen Zeit und fordern von den Besucherinnen und Besuchern ebenfalls Zeit, sollen sie auch wahrgenommen werden. Eine komplexe elektronische Infrastruktur macht dieses Farbenspiel des Lichtkörpers möglich.

Die sanften Wechsel der Farben beschränken sich nicht auf diesen Lichtkörper, denn das farbige Licht strahlt aus und beeinflusst die ganze Farbtemperatur des Raumes. In sie fühlt sich eingebunden, wer sich im Raum aufhält. Möglich, dass die Menschen hier zu einer neuen Selbstwahrnehmung finden; möglich auch, dass sie eine Geborgenheit spüren, die im Wechsel der Farben offen ist für fliessende Veränderungen. 

Sicher scheint mir, dass James Turrell – ein Künstler von Weltrang, der in vielen der bedeutendsten Museen der Welt zu Gast sowie Documenta- und Biennale-Teilnehmer war – hier einen Raum geschaffen hat, der natürlich die „Kunst-Elite“ anspricht. Das Werk kann aber genauso auch denjenigen Menschen etwas schenken, die mit aktuellen Kunsttendenzen nicht vertraut sind und „My Light“ ganz unbelastet von einschlägigem Vorwissen als Ort der Ruhe oder Einkehr erleben. Oder vielleicht als Stätte der Trauer und des Trostes? So jedenfalls formuliert es der Flyer, der im Raum aufliegt. Und das wäre, an diesem Ort, zweifellos ein vornehmer Auftrag an die Kunst 

James Turrell, geboren 1943 in Los Angeles, lebt heute in Flagstaff (USA). Er entwarf auch die sich ständig allmählich verändernde Lichtgestaltung des Bahnhofs Zug (2003). Eine weitere Installation gibt es seit vergangenem Jahr abgelegen im Vorarlberg, am Standort Tannegg bei Lech am Arlberg auf 1750 Metern Höhe.

Turrells Installation soll im Neubau des Kinderspitals wieder eingerichtet werden.

Bilder: Wechselnde Farben des Lichtobjekts „My Light“ von James Turrell beim Zürcher Kinderspital. (Bilder: Journal21)

Ähnliche Artikel

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren