Langue de bois

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Langue de bois

Von Christoph Kuhn, 18.05.2017

Wie der Politiker in seiner Sprache gefangen ist – und wie er sie aufbrechen kann.

Die Franzosen benutzen ein einprägsames Bild, wenn sie die Sprache vieler ihrer Politiker charakterisieren wollen: Langue de bois werde da geredet, hölzerne Sprache mit hölzerner Zunge. Sperrig statt geschmeidig. Langue de bois der schlimmsten Art war am vergangenen Wochenende vor allem aus Deutschland zu hören, wo sich Sieger und Verlierer am überraschenden Wahlresultat von Nordrhein-Westfalen abarbeiteten.

Parteienvertreter, Minister(innen), ob rechten, linken oder grünen Glaubens droschen in den subito anberaumten Talkshows Stroh, bewarfen sich gegenseitig mit leeren Worthülsen. Wie ferngesteuerte Roboter warteten sie auf ihre Einsätze, um ideologisch aufgeladene Parteiparolen loszuwerden, egal, ob die nun ins „Gespräch“ passten oder nicht. Es ist diese (Un)art von nur noch am Machtpoker orientierten Politgerede, die für zunehmende Verdrossenheit der Menschen gegenüber den etablierten Parteien sorgt. Das hat mit den Menschen, die erreicht werden sollen, kaum etwas zu tun, man kann es nicht mehr hören.

Passender Zufall, dass am gleichen Sonntag im Pariser Elysée einer vereidigt wurde, der die Zeichen der Zeit erkannt zu haben scheint und mit Taten, aber auch mit Worten Änderungen herbeiführen möchte. Ob sie gelingen? Das hängt von den Franzosen ab, die Emmanuel Macrons versprochenen neuen Kurs im Juni lancieren oder stoppen können. Er will aus dem ideologisch zugemauerten Links-rechts-Schema hinaus, will sich aus dem Würgegriff etablierter Parteien befreien, um unvoreingenommen auf das reagieren zu können, was auf ihn zukommt.

Das Momentum hat er für sich, Wunder kann er nicht vollbringen. Die Dynamik, die er in die französische Politlandschaft hineingebracht hat, möchte er bekanntlich auf ganz Europa ausdehnen. Was ebenso nützlich wie nötig wäre.

Kommentare

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Wer die französische Politik ein wenig verfolgt, weiss längstens, dass einer der grössten Worthülsen-Auswerfer und Phrasendrescher Emaunel Macron heisst. Er hat sich damit schon den treffenden Übernamen "M. En-Mème-Temps" (Herr Einerseitsandererseits) erworben, weil er wenn überhaupt etwas Inhaltliches sofort (en mème temps) auch gleich das Gegenteil verkündet. Im "Machtpoker" ist er zudem der grösste Spieler. So will er etwa am Parlament und am Volk vorbei mit Dekreten regieren. Und für die Parlamentswahlen hat er zur Hälfte völlig unerfahrene KandidatInnen aufgestellt, welche die "Assemblée Nationale" zu einem Abnickergremium machen würden. Diese "Monarchie présidentielle" ist erschreckend wenig weit vom Präsidial-System Erdogans in der Türkei entfernt. Die Ideologie "Rechts- und-Links ist vorbei, jetzt kommt der Fortschritt" ist zudem uralt und längst als billige Masche entlarvt. Mit der Realität der Millionen von Armen und Arbeitslosen und einer dünnen Schicht von Profiteuren des EU-Marktes und der Globalisierung auch in Frankreich hat sie wenig bis nichts zu tun. Sie verfängt auch nicht. Konkret: Das "Programm" Macrons (so es denn mehr wäre als weniger Schutz für Arbeitnehmende und Steuergeschenke für Besserverdienende) haben nur knapp ein Viertel der Französinnen und Franzosen gewählt. Viele der übrigen grossen Mehrheit hoffen "que M. Macron fera pas long feu". Niklaus Ramseyer, BERN

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