Kulturpessimismus

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Kulturpessimismus

Von Urs Meier, 30.03.2015

Trotz einigen Auswüchsen bei Berichten zum Flugzeugabsturz erfüllen die Medien gerade auch hier ihre Aufgabe.

Auf der deutschen Plattform DWDL deklariert der Medienkritiker Hans Hoff: «Der Journalismus existiert nicht mehr.» Er möchte kein Journalist mehr sein. Sein Berufsstolz ist verflogen. Seitdem nach dem Airbus-Crash die Routine losbrach und alles wieder gemacht wurde, was nach solchen Katastrophen in der Branche jeweils selbstkritisch als Entgleisung und Übertreibung erkannt wird, glaubt Hoff nicht mehr, dass seiner Profession noch beizukommen ist.

Wie meistens bei solchen Generalabrechnungen liest sich das gut, und es wirkt auf den ersten Blick sogar plausibel. Man hat ja selbst vermutlich Ähnliches gedacht. Schon die Tatsache dieses Absturzes ist schwer zu ertragen. Hundertfünfzig Menschen kommen ganz in der Nähe ums Leben. Es trifft sie auf einer Reise, die wir alle auch hätten antreten können. Sie sterben angeblich wegen der Wahnsinnstat eines jungen Piloten. Das hat niemanden unberührt gelassen. Man nimmt Anteil – aber irgendwann wird es einem zuviel. Seit letzten Dienstag liefern die Medien pausenlos Berichte, Mutmassungen, Expertenstatements, Diskussionen. Es soll Journalisten und Kameraleute geben, die Angehörige regelrecht belagern. Privates von Opfern und dem mutmasslichen Täter wird ans Licht gezerrt. Man trifft in manchen Sendungen auf gedanken- und pietätloses Geschwätz.

Solche Verirrungen aber sind in den Medien stets prompt kritisiert worden. Hans Hoff ist nicht der Rufer in der Wüste, als den er sich selbst inszeniert. Bei genauerem Hinsehen und etwas Überlegung ist seine Diagnose eines Systemversagens der Medien nicht haltbar. Vielmehr zeigt sich in der Intensität und Insistenz der Berichterstattung, aber auch im Wettbewerb des Aufklärens gerade die Funktionsfähigkeit der Medien als Gesamtheit.

Auch wenn man die schiere Menge der Informationen über die Germanwings-Katastrophe als quälend empfindet: Wer sollte den Medien denn Grenzen setzen? Das Publikum tendiert gern dazu, seine eigene Neugier als etwas moralisch Verwerfliches und ihm selbstverständlich ganz Fremdes zu denunzieren. Der oft auf rüdes Profitdenken zurückgeführte Markt der Medien funktioniert nicht ohne Publikum – also nicht ohne uns.

Wichtiger noch: Die Medien gehorchen beim Fall dieser Katastrophe nicht nur den Marktmechanismen, sondern auch ihrer eigenen Sachlogik, ihrem inneren Zweck: Sie wachen über die lückenlose Aufdeckung der Tatsachen, fragen nach Ursachen und Verantwortlichkeiten. Sie wollen die angefangene Geschichte zu Ende erzählen. Dieser Drang ist schwer zu bändigen, und natürlich überschiesst er immer mal wieder. Aber ohne ihn hätten diejenigen, die eine volle Klärung – aus was für Gründen auch immer – eventuell behindern möchten, allzu leichtes Spiel.

Eine kulturpessimistische Generalabrechnung mit den Medien ist nicht angebracht. Im Ganzen erfüllen sie in der Bearbeitung der jüngsten Flugzeugkatastrophe ihre Aufgabe.

Noch vor 50 Jahren lagen in grösseren Gastwirtschaften 5 bis 10 Zeitungen auf. Medien hiessen früher Pressorgane. Neu sind die Staatsmedien (Rundfunk, zwangsfinanziert), die keine Konkurrenz haben. Ja, es gibt einen Mainstreaumjournalismus, noch nicht so sehr in der Schweiz, aber ausgeprägt in Deutschland und Frankreich.Welche gewichtigen Medien hat Marine le Pen?

Urs Meier ist weitgehend zuzustimmen. Aber: Der Teufel steckt auch bei Medienberichten oft im Detail. Dass man vom Absturz des Flugzeugs mit seinen vielen Insassen berichtet, ist verständlich und auch nicht zu beanstanden. Kritisch wird es aber, wenn - wie ich in der «NZZ am Sonntag» lesen musste - über die Persönlichkeit des Unglückspiloten Spekulationen produziert werden, die weit über das hinausgehen, was man allenfalls als wichtig erachten kann. Auch dem Unglückspiloten und den direkt Betroffenen gegenüber gilt es, Pietät zu wahren. Offenbar ist das aber heutzutage nicht mehr erwünscht.

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