„Kabul, wir kommen“

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„Kabul, wir kommen“

Von Heiner Hug, 10.10.2020

Dass Präsident Trump ein irrlichternder Aussenpolitiker ist, wissen wir längst. Doch jetzt stösst er selbst seine engsten Vertrauten vor den Kopf.

Die immer schlechter werdenden Meinungsumfragen haben ihn in die Defensive gedrängt. Jetzt schlägt er um sich wie ein verletztes, wildes Tier. Er sagt am Morgen dies und am Abend jenes.

Sein jüngster Coup: Mitten in den bedeutungsvollen Gesprächen über eine Regelung des Afghanistan-Konflikts lässt er eine Bombe platzen. Zum Schrecken seiner Militärs kündigt er an, die 5’000 amerikanischen Soldaten in Afghanistan bis Weihnachten zurückzuziehen.

Zwar kommt Trump vielleicht morgen auf seinen Entscheid zurück, wie er es so oft tat. Doch mit seiner Rückzugsankündigung ist die amerikanische Verhandlungsposition in Doha, wo die Afghanistan-Verhandlungen stattfinden, radikal geschwächt.

Verhandlungen bestehen darin, dass beide Seiten Trümpfe in der Hand haben und sie gegeneinander ausspielen. Vielleicht findet man dann einen Kompromiss. Der grösste Trumpf der Taliban besteht darin, dass sie fast zwei Drittel des afghanischen Territoriums beherrschen. Auf der anderen Seite hat der Westen, vor allem die USA, Tausende Soldaten am Hindukusch stationiert. Sie haben die Taliban bisher daran gehindert, die Hauptstadt Kabul zu erobern und die vom Westen gestützte Regierung zu stürzen.

Und jetzt also will Trump die amerikanischen Militärs in Afghanistan innerhalb von gut zwei Monaten zurückholen. Natürlich ist das als Wahlkampf-Coup gedacht. Doch Trump scheint vom Fehler Barak Obamas, seines verhassten Vorgängers, nichts gelernt zu haben. Obama hatte 2012, ebenfalls aus wahltaktischen Gründen, die amerikanischen Truppen aus dem Irak abgezogen. Damit hatte er das Land ins Chaos gestürzt und den Aufstieg des „Islamischen Staats“ gefördert.

Ein amerikanischer Rückzug wird dramatische Konsequenzen für die Doha-Verhandlungen haben. Denn jetzt hat die afghanische Regierungsdelegation, die sich ohnehin in einer Position der Schwäche befindet, den Taliban kaum mehr etwas entgegenzusetzen.

Die Taliban waren 1996 erstmals an die Macht gelangt. Dann, 2001, nach 9/11 und der amerikanischen Invasion in Afghanistan, wurden sie verdrängt. Seither kämpfen sie erneut um die Macht und stehen fast schon vor den Toren der Hauptstadt Kabul. Die afghanische Regierung konnte sich bisher nur dank internationaler, vor allem amerikanischer Unterstützung an der Macht halten. Das Ziel der Taliban ist es, einen islamistischen Staat zu errichten.

Vor einem Monat, am 12. September, hatten in der katarischen Hauptstadt Doha Gespräche begonnen, die einige Medien schon Friedensverhandlungen nannten. In Wirklichkeit sind es erst Verhandlungen zur Erreichung eines Waffenstillstandes. Experten sahen langwierige, schwierige Verhandlungen voraus.

Vor allem auch deshalb, weil man nicht weiss, was die Taliban genau wollen. Da und dort heisst es, sie seien realistischer geworden und würden sich vor allem wirtschaftlichen Zwängen – sprich: Hilfe aus dem Ausland – beugen. Ihre strikte islamistische Ideologie sei dabei, sich aufzuweichen. Die Chancen für einen Frieden am Hindukusch seien noch nie so gross gewesen wie jetzt, erklärten einige Beobachter. Wirklich?

Innerhalb der Terrororganisation gibt es verschiedene Strömungen, Falken und Tauben. Wer setzt sich durch? Jene, die eine gemässigte Form des Islam anstreben? Oder jene, die einen islamistischen Staat mit einer kompromisslosen Anwendung der Scharia und der Unterdrückung der Frauen wollen? Sie betrachten Meinungsfreiheit und Demokratie als Ausdruck westlicher Verweichlichung.

Sicher ist: Es gibt Tausende indoktrinierter islamistischer Kämpfer, deren Hass auf die Regierung und den Westen jahrelang kultiviert wurde. Ihr Leben ist nur Krieg und viele haben im Kampf Angehörige verloren. Sind sie jetzt zu erheblichen Konzessionen bereit? Eher nicht.

Doch die angeblich schwierigen, harten Gespräche, die in Doha bevorstehen sollen, könnten plötzlich nicht mehr schwierig und hart sein. Denn eine Partei verlässt jetzt überraschend – sozusagen kampflos – den Verhandlungstisch. Fast zwanzig Jahre lang haben die Taliban für einen islamistischen Staat gekämpft. Würden in Doha jetzt echte Verhandlungen stattfinden, wären sie vielleicht zu einigen Konzessionen bereit gewesen. Doch jetzt, ohne die Amerikaner, werden sie kurz vor dem Ziel kaum von radikalen Forderungen abweichen. Die Falken könnten Oberhand gewinnen. Die Tage der afghanischen Regierung sind vielleicht bald gezählt. „Kabul, wir kommen“, soll ein Taliban-Kämpfer am Freitag ausgerufen haben.

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Richtig, es liegt an uns westeuropäischen US-Wahlberechtigten, dem jetzigen Präsidenten zu sagen, wie die USA sich in Afghanistan zu verhalten hat. Sie hat 19 Jahre lang seine Söhne geopfert, wir Westeuropäer viel weniger. Trotzdem ist der dortige Taliban-Virus nicht besiegt. Er wird wie eh und je nun in Westeuropä weiter wüten. Siehe Kriminalstatistik: kriminelles Verhalten der Afghanen in Westeuropa.

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