Jeder Mensch

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Jeder Mensch

Von Stephan Wehowsky, 29.04.2021

Ferdinand von Schirach hat eine Art Menschenrechtsdeklaration vorgelegt. Darin verlangt er unter anderem «digitale Selbstbestimmung».

Schirach bezieht sich in seinem schmalen Band «Jeder Mensch» auf grosse Vorbilder der Geschichte, also die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die französische «Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte», die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen und die Charta der Grundrechte der Europäischen Union. Immer schon haben Erklärungen dieser Art einen Sollzustand angezielt, so von Schirach, während die realen Rechts- und Lebenssituationen der Menschen von diesem Ideal weit entfernt waren. Aber ohne diese Erklärungen als Richtschnur gäbe es keine Chance auf Besserung

Gleich zwei «Artikel» von insgesamt sechs zielen bei Schirach auf die digitale Umwelt. So soll «die Ausforschung oder Manipulation von Menschen» verboten werden. Und bezüglich der «künstlichen Intelligenz» hält er fest: «Wesentliche Entscheidungen muss ein Mensch treffen.» Dies ist der interessanteste Satz der ganzen Erklärung. Denn er markiert eine gesellschaftliche Tendenz, die im Gewand des Fortschritts daherkommt, aber den Menschen mehr und mehr entmündigt.

«Künstliche Intelligenz» ist heute schon allgegenwärtig. Fotosoftware macht dank KI noch aus dem letzten Geknipse «Meisterwerke», wie es in der Werbung heisst, und die gesamte zukünftige Elektromobilität mitsamt der selbstfahrenden Autos soll nicht ohne KI auskommen. Allein diese beiden Beispiele verweisen auf die Pointe: Das Tun des Menschen wird optimiert und immer präziser überwacht, und er kann in Zukunft keine Fehler mehr machen. Die Werbung, aber auch die Politik sorgen dafür, dass das, was längst im Gange ist und sich mehr und mehr ausbreitet, von Konsumenten und nicht zuletzt den Bürgern als Fortschritt angesehen wird.

Es wirkt schon fast altmodisch, darauf hinzuweisen, dass diese «Optimierungsprozesse» mehr und mehr zur Entmündigung führen. Immanuel Kant sprach von «selbstverschuldeter Unmündigkeit», aus der die Aufklärung herausführe. Es ist kein wirklicher Fortschritt, wenn dem Menschen immer mehr abgenommen wird, seine Fehlermöglichkeiten eingehegt werden und er auf Schritt und Tritt Datenspuren hinterlässt, auch wenn diese, wie es immer so schön heisst, «anonymisiert» werden.

Ob sich das aber, wie Ferdinand von Schirach fordert, wieder zurückdrehen lässt, ist zwar zu wünschen, dürfte aber aufgrund der vielen Grenzfälle beziehungsweise Übergänge vom blossen Komfort einer Anwendung zur Manipulation des Nutzers schwer zu fassen sein. Dafür trifft aber die Forderung, dass «wesentliche Entscheidungen» von Menschen zu treffen sind, auf mehr Praktikabilität. Denn dann könnten sich keine Behörde, kein Unternehmen oder eine andere Institutionen darauf hinausreden, dass für ihre Entscheidungen kein bestimmter Mensch oder eine Gruppe verantwortlich sei, weil die KI eben zu diesem Resultat gekommen sei.

Der Soziologe Ulrich Beck sprach von «organisierter Unverantwortlichkeit», um die Tatsache zu markieren, dass Unternehmen alle Entscheidungen so delegieren, dass nie eine Person oder Gruppe für alle Folgen haftbar gemacht werden kann. Die «Künstliche Intelligenz» könnte hier noch eine Steigerung der Unverantwortlichkeit bieten, weil ja keine natürliche Intelligenz der künstlichen gleichkommt. Es ist gut, vor diesen Irrweg ein Stoppschild zu stellen.

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Kommentare

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Danke für den Artikel. Höchst erfreulich, dass endlich eine breitere Debatte über Grundrechte in einer digitalisierten Welt stattfindet!

Erstaunlicherweise hat die Politik, insbesondere auch in ihrer Rolle als Gesetzgeber, während langer Zeit Entwicklungen einfach laufen gelassen oder es wurde versucht mit allzu technischen und daher praktisch wirkungslosen Regeln etwa der Datenschnüffelei Einhalt zu gebieten. Ein Beispiel: Die Cookie Regel brachte vor allem Komplikationen für Benutzer und Betreiber von Webseiten und wurde von den Internetgiganten durch Verwendung anderer Trackingraffinessen schnell und erfolgreich umschifft (Canvas-Fingerprinting, Favicons, Pixels mit hinterlegtem Code etc.). – Ohne dass der normale Internaut irgendetwas bemerkt hätte.

Dass Ferdinand von Schirach, auch in seiner Rolle als Jurist, Veränderungen auf der Basis fundamentaler Grundrechte anstrebt scheint daher ebenso überfällig wie notwendig. Sollen solche Grundrechte aber auch nur eine Chance haben zu greifen, müssen dabei soziale, ethische, politische … Überlegungen UND technische Kenntnisse einfließen.

Ob es sich um KI oder andere digitale Aktivitäten handelt, schlussendlich bestimmen wir, mindestens in einer freiheitlich demokratisch organisierten Gesellschaft, über den Spielraum innerhalb dessen sie uns nutzen oder schaden. Natürlich unter der Voraussetzung, dass der politische Wille und die Bereitschaft zur notwendigen Denkarbeit vorhanden sind. – Enorme kommerzielle und/oder machtpolitische Interessen, sowie der Umstand, dass es unter Bürgern und Politikern derzeit wenige gibt die über die notwendigen Kenntnisse verfügen, sind der Sache nicht eben förderlich.

Daten sind das Erdöl der Zukunft, sagt man. Wenn wir mit Daten weiterhin ebenso unkontrolliert und sorglos umgehen wie mit fossilen Brennstoffen dann sind, ähnlich der Umwelterwärmung, grundlegende gesellschaftliche Probleme vorprogrammiert. Vorboten gibt es genügend: Beeinflussung von Wahlen und Abstimmungen (Brexit, Trumpismus), Niedergang des professionellen Journalismus, Alternative Fakten, Überwachungsdiktatur, Polarisierung der Gesellschaft durch organsiert, subversives Trolling also, nebst dem Hacking von IT-Systemen, auch als eine weitere Variante von Cyberwar…

Haben wir die Wahl von Schirach’s Weckruf, wenigstens als Sollzustand ernst zu nehmen?

Der wirkliche Schaden geschieht durch jene Millionen die „überleben“ wollen. Die ehrlichen Männer, die nur in Ruhe gelassen werden wollen. Jene die ihre kleinen Leben nicht durch etwas Grösseres als sie selbst gestört haben wollen.

Sophie Scholl, deutsche Widerstandskämpferin („Weisse Rose“), geboren heute vor 100 Jahren. Hingerichtet am 22. Februar 1943
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