Ein Roman erzählt eine erfundene Geschichte. Lügt er deshalb? Kaum jemand behauptet so etwas. Aber auch kaum jemand nimmt das, was in einem Roman steht, für bare Wahrheit. Nicht wahr und auch keine Lüge – was dann? - Fiktion. Betrachten wir kurz eine Handvoll Typen.
Fiktive Geschichten machen nicht primär Aussagen, die man ausserhalb des Textes nachzuprüfen hätte – obwohl Romane durchaus von solchen Aussagen durchsetzt sind. Journalisten und Historiker beharren auf diesem «Ausserhalb», und genau das macht ihre investigative Aufgabe aus. Sie sind Ermittler. Sie recherchieren. Romanautoren haben dagegen primär eine evokative Aufgabe. Sie sind Beschwörer. Sie schaffen eine Welt durch Sprache. Es gibt deshalb auch keine Fakten-Checker in solchen Welten.
Evokative Fiktion
Fiktion ist das «poetisch Wahre» - im alten Sinn von «poiesis: erzeugen, herstellen, hervorbringen. Und zu den faszinierendsten Phänomenen des menschlichen Geistes gehört, dass der Autor mit seinen Täuschungen auf die Komplizenschaft des Lesers zählen kann. Der Leser will getäuscht werden. Evokative Fiktion beruht auf diesem stillschweigenden magischen Pakt zwischen Autor und Leser.
Zynische Fiktion
Sie spielt auch in der Politik eine wichtige Rolle. Der Wähler verlangt vom Politiker eine gute Erzählung, nicht so sehr eine faktische Beschreibung der Lage. Fiktionen eignen sich deshalb hervorragend als Netze für den Wählerfang. Eine Strategie, die zum Beispiel J.D. Vance im amerikanischen Wahlkampf 2024 verfolgte, als er das rassistische Meme verbreitete, haitianische Immigranten würden Haustiere stehlen und essen. Nachweislich erstunken, aber Vance – der ja auch seine Erfahrung als Autor hat - rechtfertigte sich mit dem Argument, er offenbare durch die Fiktion eine «tiefere» Wahrheit, nämlich das «Leiden» der amerikanischen Arbeiter durch die Immigration.[1]
Das ist zynische Fiktion. Vance war sich des zweifelhaften Charakters seiner Aussage bewusst - «You’re never going to get this stuff perfect» - , dennoch forderte er seine Anhänger gleichzeitig auf «Keep the meme going»: Verbreitet die Lüge weiter, und fördert damit die Stigmatisierung von Bevölkerungsgruppen.
Heuristische Fiktion
Nun ist die Fiktion nicht nur in der Politik zentral. Sie spielt auch auf jenem Gebiet eine eminente Rolle, das man traditionellerweise mit Wahrheit verbindet: in der Wissenschaft. Hier spricht man üblicherweise nicht von Fiktionen, sondern von Modellen. Aber wie die Fiktion operiert das Modell im Als-ob-Modus: als ob die Erde kugelförmig wäre; als ob der organische Körper eine Maschine wäre; als ob das Gehirn ein Computer wäre; als ob der Mensch ein rationaler Homo oeconomicus wäre.
Man muss die Wahrheit zuerst erfinden, bevor man sie findet. Das ist das enorm erfolgreiche erkenntnistheoretische Rezept der modernen exakten Naturwissenschaften. Es gibt die heuristische Fiktion. Sie dient der Wahrheitsfindung. Wir sprechen von der Science Fiction als einem literarischen Genre. Aber im Grunde gilt: Science is fiction. Die Naturordnung ist nicht offensichtlich gegeben. Wir «fingieren» sie in theoretischen Entwürfen, in Hypothesen und Modellen – in der modernen Physik etwa in immer extravaganterer mathematischer «Gedankenpoesie». Und das Erstaunlichste dabei ist, dass sich diese Fiktionen durch Experimente bestätigen lassen. Das Elektron war in den 1880er Jahren eine Fiktion, heute ist es ein anerkanntes reales Teilchen der Materie.
Toxische Fiktion
Als Gegenbegriff zur Fiktion setzen wir gewöhnlich das Faktum. Aber Fakten sind nicht einfach «gegeben», sondern auch «gemacht («facere»). In den letzten zwanzig Jahren haben uns die sogenannten «Science Studies» ein differenziertes und realistisches Bild der Forschungspraxis gezeichnet – wie aus Modellierung, Experiment, Test, Interpretation und Diskussion in der Scientific Community allmählich ein robustes wissenschaftliches Resultat entsteht: ein Faktum.
Daraus zog ein postfaktisches Denken den wohl fatalsten Fehlschluss des letzten Jahrzehnts, man könne nach Belieben Fakten fingieren: alternative Fakten. Ein perfider Politikstil verbreitet sich vielerorts, der gemäss dem Dreckschleuder-Prinzip operiert: «Flood the zone with shit». Dies in der Absicht, den politischen Gegner in einer Kloake von Desinformation zu ertränken, in der er gar nicht mehr den Atem zur Überprüfung findet. Suchte die klassische Propaganda die Meinung durch eine bestimmte Ideologie zu kanalisieren, so trachtet das Dreckschleuder-Prinzip danach, die politische Meinungsbildung zu zersetzen. Alternative Fakten sind toxische Fiktionen.
Normative Fiktion
Vergessen wir nicht eine der heute vielleicht überlebenswichtigsten Fiktionen: jene einer Weltordnung, die auf Regeln beruht. Kant sprach von Regeln eines ewigen Friedens. Aber ewiger Frieden - so die ironische Pointe Kants - existiert nur auf dem Friedhof, im realen Leben ist das eine Fiktion. Sie ist nützlich, weil sie dazu animiert, kriegerische Konflikte durch rechtliche Instrumente zu verhindern.
Nun hat die Realität der letzten zwei bis drei Dekaden freilich brutal demonstriert, wie die Regeln einer Weltordnung von macht-, feind- und selbstsüchtigen Politikern gebrochen werden können. Es klang schon fast fanalartig, als der kanadische Premier Mark Carney am diesjährigen WEF die Zuhörerschaft aufforderte, nicht mehr an eine Fiktion zu glauben: «Hören wir auf, die ‘regelbasierte internationale Ordnung’ zu beschwören, als funktioniere sie noch».
Das klingt defätistisch. Aber man sollte doch immerhin in Erinnerung behalten, dass die Idee einer regelbasierten internationalen Ordnung aus dem unfassbaren Leid zweier Weltkriege geboren wurde. Was man auch aus Carneys Rede heraushören will, man kann ihr einen hoffnungsvollen Drall verleihen. Tun wir weiter so, als gelte eine regelbasierte Ordnung. Verteidigen wir sie als normative Fiktion - gerade deshalb, weil sie unter der aktuellen geopolitischen Realität schwer realisierbar ist. Hier erweist sich der Widerspruch der Fiktion zur Realität geradezu als notwendig. Die Fiktion vom ewigen Frieden verhindert, dass sich der ewige Krieg als Modus des Denkens in unseren Köpfen einnistet.
[1] https://www.theguardian.com/us-news/2024/sep/15/jd-vance-lies-haitian-immigrants?utm_source=chatgpt.com