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Fotografie

Das nahe ferne Land des Ruhrgebiets

31. Januar 2026
Stephan Wehowsky
Camper Essen
Mühlheim an der Ruhr 1977 © Brigitte Kraemer

Über einen Zeitraum von mehr als 40 Jahren hat Brigitte Kraemer den Alltag im Ruhrgebiet fotografiert. Sie hat sich den Menschen mit Empathie genähert, ohne allerdings die Distanz des fotografischen Blicks aufzugeben. Ihre Bilder haben eine eigene Eindringlichkeit. Und manche bestechen durch ihre Schönheit.

Das Image des Ruhrgebietes ist bis heute durch die Vergangenheit der Zechen und Stahlwerke geprägt. Wie extrem Städte, Land und Leute durch die mittlerweile kaum noch vorstellbare «Maloche» untertags und die Luftverschmutzung in Mitleidenschaft gezogen worden sind, hat Harald Jähner in seinem neuesten Buch «Wunderland» noch einmal drastisch vor Augen geführt. Tagsüber verdunkelte dichter Rauch aus den Schornsteinen der Stahlerzeuger den Himmel, des Nachts wurde er von den Feuern der Stahlwerke auf unheimliche Weise erleuchtet. Und die «Hauer», die in grosser Tiefe und enormer Hitze die Kohle abbauten, wurden selten deutlich über 50 Jahre alt, weil der Kohlenstaub ihre Lungen ruinierte.

Verfremdungseffekte

Diese Zeiten sind zwar lange vorbei, aber ihre Spuren zeigen sich bis heute. Die starke Zuwanderung der Arbeiter insbesondere aus Polen, aber auch aus anderen Ländern, haben eine spezielle Atmosphäre erzeugt. Brigitte Kraemer gibt ihr mit ihren Fotos von Verkaufsbuden, Würstchenständen, einfachen Schankräumen mit ihren Spielautomaten und Jukeboxen und den Stammkunden in Unterhemden Ausdruck. Natürlich gibt es auch anderswo Imbisse, Kioske und Kneipen. Aber die im Ruhrgebiet haben etwas Spezielles, das Brigitte Kraemer in Bilder übersetzen konnte. Entsprechend stiessen sie auf grosse Anerkennung, erschienen in führenden Magazinen und wurden vielfach ausgezeichnet.

In neuerer Zeit fanden Flüchtlinge aus verschiedenen Teilen der Welt dauerhaft oder wenigstens zeitweise im Ruhrgebiet Aufnahme und gehen ihren religiösen Festen nach. Die Fotos im Eingangskapitel «Glaubensgemeinschaften. Flucht und Migration» erzählen davon. In diese Fotostrecke sind zwei Bilder von Festen der katholischen Kirche eingefügt, wodurch ein Verfremdungseffekt entsteht. Riten sind Riten – ob nah oder fern.

Prozession
Bittprozession der Pfarrei St. Antonius mit Knappen. Essen 2008 (Christentum / römisch-katholische Kirche) © Brigitte Kraemer

Überhaupt hat sich ihr Blick im Laufe der Jahrzehnte für eine Vielzahl von Themen geschärft: Freizeit, Vergnügungen wie Kirmes, aber auch die Not in Frauenhäusern und Frauengefängnissen. Sie ist mit ihrer Kamera so dicht an den Menschen, als würde sie ohne Umstände zu ihnen gehören. Um ihre Haltung zu beschreiben, verwendet sie den aus der Ethnologie bekannten Begriff der «teilnehmenden Beobachtung».

Der Putzfimmel

Im Ruhrgebiet wurden grosse Anstrengungen unternommen, um die Landschaft zu sanieren, die Wohngebiete aufzuwerten und kulturelle Einrichtungen wie Stiftungen und Museen anzusiedeln. Das ist in einem hohen Masse gelungen. Aber es finden sich immer noch Spuren der belasteten Vergangenheit. Zum Teil zeigen sie sich in unerwartet rührender Weise. So hat Brigitte Kraemer Schrebergärten fotografiert – einige ihrer schönsten Fotos. Die Schrebergärten sind derartig akribisch gestaltet und gepflegt, wie das nur in einer belasteten Umgebung geschehen kann, von der man sich durch eigene Sorgfalt ein heiles Stück als Kontrast sichern möchte. 

Und das Trauma der ständigen Luftverschmutzung wirkt in einer Art Putzfimmel nach. Wo sonst würde jemand auf das Dach seines Wohnwagens klettern, um es von vermeintlichem Schmutz so zu befreien, wie dies früher einmal nötig war, als sich der Russ unaufhörlich in dichten Schwaden vom Himmel niederschlug?

Cover

Das Thema Putzfimmel spielt auch in der Reportage «Mann und Auto» eine Rolle. Da zeigt Brigitte Kraemer einen Autobesitzer, der den Lack derartig makellos blank wienerte, bis sein Auto für den Gebrauch auf der Strasse wohl kaum noch tauglich war. Ohne jede Spur von Hochmut oder Gehässigkeit nimmt Brigitte Kraemer die für das Ruhrgebiet so typischen Ticks und Marotten aufs Korn. Diese Pointen erschliessen sich allerdings erst bei genauerem Hinsehen. Dann aber sind sie sehr witzig.

Das Meditative des Labors

Bis auf an einer Hand abzählbare Ausnahmen sind alle Fotos im Ruhrgebiet entstanden. Aber Brigitte Kraemer hat auch einige Reisen unternommen, aus denen Reportagen und Bildbände entstanden sind. Überhaupt ist die Anzahl ihrer Bücher, die in dichter Folge erschienen, beachtlich. Das gilt um so mehr, als sie ihre Schwarz-Weiss-Fotos von der Filmentwicklung bis zum fertigen Abzug auf Barytpapier grundsätzlich selber in der Dunkelkammer angefertigt hat. Barytpapier erfordert Zeit und Geduld. Sie liebe diese ins Meditative gehende Arbeit im Halbdunkel beim laufenden Radio im Hintergrund. Farbabzüge stellt sie ebenfalls selber her, und seit einiger Zeit verwendet sie auch Digitalkameras.

2022 hat das Ruhr Museum ihr Archiv erworben, das mit knapp vierhunderttausend Bildern, so Heinrich Theodor Grütter, der scheidende Direktor, der «bedeutendste Ankauf einer Fotosammlung für dieses Museum» ist. Der vorliegende Band ist im Zusammenhang mit diesem Ankauf entstanden. 

Bis zum 31. August 2026 zeigt das Ruhr Museum, Gelsenkirchener Strasse 1814, D-5309 Essen, eine Ausstellung mit Arbeiten von Brigitte Kraemer.

Heinrich T. Grütter und Stefanie Grebe (Hrsg.): «Wie man lebt – wo man lebt»: Dokumentar­fotografien von Brigitte Kraemer. Klartext Verlag, Essen 2025. 256 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 29,95 Euro

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