Ivo Andrić - Die Brücke über die Drina (1945)

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Ivo Andrić - Die Brücke über die Drina (1945)

Von Urs Bitterli, 07.04.2013

Die Brücke, die in Visegrad als Verbindung zwischen christlichem Abendland und islamischem Orient gebaut wurde, ist Hauptperson einer 400 Jahre umfassenden literarischen Chronik.

Im Leben des Schriftstellers Ivo Andrić spiegelt sich die bewegte Geschichte seines Landes. Als Sohn serbisch-kroatischer Eltern wurde er 1892 in Bosnien-Herzegowina geboren. Dieses Gebiet lag damals im Machtbereich des Osmanischen Reiches, dessen Heere im 17. Jahrhundert bis vor die Tore Wiens vorgedrungen waren. Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts erschütterten Aufstände die Stellung der Türken im Balkan. Österreich-Ungarn versuchte, die Ruhe an seiner Südgrenze wiederherzustellen, indem es Bosnien-Herzegowina der eigenen Verwaltung unterwarf.

Vom Aufrührer zum Staatsdiener

Ivo Andrić verlebte die Kindheit in der bosnischen Kleinstadt Visegrad, in einem Völkergemisch von Serben, Türken, Kroaten und Juden. Hier spielt sein berühmtester Roman «Die Brücke über die Drina» (dt. 1953). Nach dem Besuch des Gymnasiums in Sarajewo studierte Andrić an den Universitäten Zagreb, Wien, Krakau und Graz Philosophie und Geschichte. Im Jahre 1908 annektierte Österreich-Ungarn Bosnien und handelte sich damit die unversöhnliche Feindschaft der Serben ein.

Andrić war noch Student, als im Juni 1914 der Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin in Sarajewo einem Attentat serbischer Nationalisten zum Opfer fielen. Das Attentat löste den Ersten Weltkrieg aus. Andrić, dem während seiner Studien Fragwürdigkeit und Dekadenz des absolutistischen Herrschaftssystems bewusst geworden waren, trat einer revolutionären Untergrundbewegung bei, wurde verhaftet und eingekerkert. Nach der Niederlage wurde Österreich auf die heutigen Grenzen zurückgeworfen, und Bosnien schloss sich dem neu gegründeten «Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen» an.

Andrić begab sich nach Belgrad, trat in den Dienst des Aussenministeriums und vertrat das Königreich als Diplomat in verschiedenen westeuropäischen Ländern. Im Jahre 1924 schloss er seine Studien an der Universität Graz mit der Dissertation «Die Entwicklung des geistigen Lebens in Bosnien unter der Einwirkung der türkischen Herrschaft» ab.

Es gelang dem Königreich nicht, die Völkergruppen auf dem Balkan miteinander auszusöhnen und Ruhe und Sicherheit im Innern herzustellen. Im Jahre 1934 wurde König Alexander I. bei einem Staatsbesuch in Frankreich von kroatischen Extremisten ermordet. Unmittelbar vor Beginn des Zweiten Weltkriegs wirkte Andrić als Gesandter im nationalsozialistischen Berlin.

Nach dem Dritten Reich das kommunistische Jugoslawien

Im April 1941 begann der deutsche Balkanfeldzug mit einem Luftangriff auf Belgrad. Gegen die deutschen Invasoren war die veraltete Armee des Vielvölkerstaats machtlos, und die Bündelung der Abwehrkräfte im Zeichen einer nationalen Einigung blieb aus. In den schwer zugänglichen Gebirgsgegenden leisteten jedoch verschiedene Partisanengruppen hartnäckigen Widerstand.

Es war denn auch ein Partisanenführer, der von der Sowjetunion wie von den Alliierten unterstützte Kommunist Josip Tito, der nach Kriegsende die Führung übernahm. Unter ihm wurde Jugoslawien zur kommunistischen Diktatur mit starker Zentralgewalt und föderalistischen Strukturen, die sich als «blockfreier Staat» von der Sowjetunion abgrenzte und als «Bollwerk» gegen den Kommunismus westliche Unterstützung genoss.

Nobelpreis 1961 für das Gesamtwerk

Ivo Andrić lebte während des Krieges zurückgezogen in Belgrad. Hier verfasste er seine drei wichtigsten Werke, die als «bosnische Trilogie» in die Literaturgeschichte eingegangen sind: «Die Brücke über die Drina», «Wesire und Konsuln», «Das Fräulein».

Im Jahre 1954 trat Andrić in die kommunistische Partei ein und diente dem Staat in verschiedenen Funktionen. 1961 erhielt er den Nobelpreis für die «epische Kraft, mit der er Motive und Schicksale seines Landes gestaltet». Er verstarb 1975 in Belgrad.

Die «Brücke über die Drina» ist kein Roman im üblichen Sinn, sondern wird vom Autor im Untertitel als «Chronik aus Visegrad» bezeichnet. Hauptfigur dieser Chronik ist nicht eine Persönlichkeit, sondern eine Brücke. Es handelt sich um das im 16. Jahrhundert im Auftrag des Grosswesirs Sokollu Mehmed Pascha errichtete Bauwerk, das bei Visegrad in elf Bogen den Fluss Drina überquert, der aus dem gebirgigen Hinterland herabströmt und sich im Tiefland mit der Save vereinigt.

Der Grosswesir stammte aus Bosnien, wo sich die Türken ihre Soldaten, die Janitscharen, holten. Unter drei Sultanen stieg er in seine hohe Stellung auf und erwarb sich Verdienste als Kriegsherr und Verwalter. Es war seine Herkunft, die in ihm den Plan reifen liess, mit der Brücke über die Drina eine Verbindung zwischen christlichem Abendland und islamischem Orient zu schaffen.

Symbol des Zusammenlebens im Vielvölkerstaat

Ivo Andrić macht diese Brücke zum Schauplatz eines Geschehens, das mit deren Bau einsetzt und mit dem Ersten Weltkrieg endet. Sie ist das einzig Bleibende im wechselhaften Lauf der Zeit. In der Mitte der Brücke, auf einer platzartigen Erweiterung, der «Kapija», treffen Serben, Türken und Juden jeden Tag zusammen. Hier finden Hinrichtungen statt, hier erzählen sich die alten Männer Geschichten, treffen sich die Liebespaare, spielen christliche und muslimische Kinder.

Andrić erzählt die Geschichte von Visegrad vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, indem er wie ein Historiker Quellen beizieht, sich bei der Darstellung der handelnden Personen aber die Freiheiten nimmt, die dem Schriftsteller zustehen. Er sagt nicht: «So war es», sondern «So könnte es gewesen sein». Er schildert den Bau der Brücke, den harten Frondienst der Arbeiter, die grausame Hinrichtung eines Saboteurs durch den türkischen Aufseher. Er berichtet vom Niedergang der osmanischen Macht im 17. Jahrhundert und von einer grossen Überschwemmung am Ende des 18. Jahrhunderts, die Christen, Muslime und Juden durch das gemeinsam erlittene Unglück vereinte.

Verbunden in gemeinsamem Unglück

«So lernte auf der ‚Kapija‘», schreibt Andrić, «zwischen Himmel, Fluss und Erde, Generation auf Generation, nicht im Übermass zu beklagen, was das trübe Wasser forttrug. Dort nahmen sie die unbewusste Philosophie der Stadt auf: dass das Leben ein unfassbares Wunder ist, denn unaufhörlich zerrinnt und zerfliesst es und dennoch dauert es fort wie die Brücke über die Drina.»

Andrić berichtet weiter von den Aufständen der Serben gegen die türkische Herrschaft im 19. Jahrhundert, von den Rädelsführern, deren Köpfe man auf der Brücke auf Pfähle steckt, und von den Fremden, die in die Stadt einziehen. Niemand weiss, was von den Beamten und Militärs der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, den Schwaben, wie man sie allgemein nennt, zu erwarten ist.

Wieder verbindet das gemeinsame Unglück Christen, Muslime und Juden. «Die Gassen», schreibt Andrić, «verödet, Höfe und Gärten wie ausgestorben. In den türkischen Häusern Niedergeschlagenheit und Verwirrung, in den christlichen Vorsicht und Misstrauen. Überall aber und bei allen aber Angst. Die einrückenden Schwaben hatten Angst vor einem Hinterhalt. Die Türken hatten Angst vor den Schwaben, die Serben vor den Schwaben und den Türken. Die Juden hatten vor allem und vor jedem Angst, denn besonders in Kriegszeiten war jeder stärker als sie.»

Kulturschock der Modernisierung

Mit der Annexion durch Österreich-Ungarn kommt es nach der Jahrhundertwende zum Kulturzusammenstoss zwischen der fortschrittsgläubigen Moderne und einer Welt, die sich seit dem Mittelalter kaum gewandelt hat. Das vertraute Aussehen der Stadt verändert sich: die Karawanserei wird durch eine Kaserne ersetzt, die Häuser werden nummeriert, Strassenbeleuchtung und Wasserleitungen werden erstellt, ein Hotel wird eröffnet, eine Eisenbahnlinie gebaut.

Am Beispiel plastisch gezeichneter Individuen zeigt Andrić die Auswirkung dieser Modernisierung auf die Lebensweise und Mentalität der Stadtbewohner. Eine merkwürdige Unruhe ergreift die Bevölkerung, das Leben scheint sich zu beschleunigen. Die Kaufleute bringen Geld in die Stadt, neue Bedürfnisse und Sehnsüchte werden geweckt, eine Kluft zwischen Arm und Reich tut sich auf. Durch die Zeitungen und die Studenten, die in Graz und Wien studieren, gelangen aufregend neue Kenntnisse und Ideen in die Stadt, in neu gegründeten Vereinigungen wird über Freiheit und Gleichheit diskutiert.

Das sonderbare Spiel, das sich Krieg nennt

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs trifft die Bevölkerung so überraschend wie der Ausbruch einer Seuche, deren Ursache niemand kennt. Visegrad gerät zwischen die Fronten der Österreicher und der Serben. Die Häuser werden von der Artillerie beider Lager beschossen, Brände brechen aus, Menschen werden erschossen und erhängt, die Bewohner flüchten.

Auch die Brücke nimmt Schaden. «Überall», schreibt der Autor, «suchten die Menschen in diesen Sommertagen im Schweisse ihres Angesichts den Tod, den eigenen und den anderer, und gleichzeitig flohen sie und verteidigten sich gegen ihn mit allen Mitteln und allen ihren Kräften. Dieses sonderbare menschliche Spiel, das sich Krieg nennt, griff immer mehr um sich, breitete sich aus und unterwarf alle Lebewesen und alle toten Dinge seiner Macht.»

Humaner Blick auf das Leiden

Ivo Andrićs Buch berichtet von schlimmen Dingen; aber es ist das Buch eines Humanisten. Er kennt und liebt die Völker, ihre Traditionen, Gebräuche, Leidenschaften. Er weiss um ihre Verschiedenheiten, aber er weiss auch, dass sie durch ihr Schicksal untereinander verflochten und aufeinander angewiesen sind.

Der Gedanke einer «ethnischen Säuberung» wäre für ihn undenkbar gewesen. Ihm schwebte ein Nationalstaat vor, in dem Reichtum und Vielfalt der Kulturen wie in einem grossen, schönen Gefäss bewahrt blieben.

Wir wissen heute, dass es anders kam. In den Jahren 1991 bis 1999 brach über Jugoslawien eine Katastrophe herein, wie sie am Ende des 20. Jahrhunderts niemand mehr für möglich gehalten hätte. Nach Titos Tod und dem Zerfall des Kommunismus liess der grossserbische Nationalismus von Milošević das Verlangen der verschiedenen Ethnien nach Unabhängigkeit wieder aufleben. Auf den serbisch-slowenischen und den serbisch-kroatischen Konflikt folgte in Bosnien-Herzegowina die besonders grausame serbische Vernichtungs- und Säuberungspolitik, die sich vor allem gegen die muslimische Bevölkerung richtete.

Achtzig Jahre nach dem Attentat auf Franz Ferdinand wurde die bosnische Hauptstadt Sarajewo wieder zu einem Symbol menschlichen Leidens. Im Verlauf des Bürgerkrieges wurden über hunderttausend Menschen getötet, Millionen wurden verwundet, vergewaltigt und vertrieben. Bevölkerungsgruppen, die über Jahrhunderte friedlich nebeneinander gelebt hatten, fielen übereinander her.

«Alles im Leben», hatte Ivo Andrić geschrieben, «ist eine Brücke – ein Wort, ein Lächeln, das wir einem andern schenken. Ich wäre glücklich, könnte ich durch mein Buch ein Brückenbauer zwischen Ost und West sein.» Sein Buch konnte nicht verhindern, was geschah.

Kommentare

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All das Wissen um das "Bessere" ist nutz- und sinnlos, wenn es nicht individuell in gelebtes Leben einfliesst. Das Sinnlose und damit Verwerfliche fängt damit an, sich und den Anderen das "Bessere" nicht zu gönnen. Eine neue Geschichte beginnt beim selbstlosen Schenken und beim sich dankbar Beschenken lassen können. Das ist nur in der Beziehung und am Interesse zum Nächsten möglich. Freiwillig, nota bene. Fähig zum Lieben.

Der oft gehörte Spruch, die Geschichte widerholt sich nicht, gilt ja wirklich nur für die Opfer, die Toten! Beim lesen ihres Berichts könnte man beinahe weinen. “ Das sonderbare Spiel, das sich Krieg nennt!“ Wie eine Naturkatastrophe kommt es über die Völker und zerstört das Humane in unserem Wesen. Ein fataler Irrtum! Er ist selbstverständlich, sieht man mal von der menschlichen Natur ab, keine Naturkatastrophe! Da viele sich selbst ein Leben lang fremd bleiben, bleiben auch ihre Denkweisen undurchschaubar. Ein wirklicher Krieg bricht oft nur dann aus, wenn die Führenden ihn tolerieren, für nützlich befinden oder sogar gut heissen. Dann gibt es noch die, die ihn heimlich inszenieren. Andere unternehmen mit voller Absicht nichts, in der Hoffnung einen zusätzlichen Militärstützpunkt zu ergattern, oder besser und günstiger an die Rohstoffe heran zu kommen. Der kleine Mann/Frau, wären ja wirklich bemitleidenswert, wenn man nicht wüsste, dass auch er/sie meistens zwei Gesichter haben und durch geistiges und aktives mittragen von Feindbildern diesem Elend beisteuern. Die Evolution läuft halt in Zeitlupe. Gott möge die Evolution beschleunigen und den Menschen dafür ein wenig entschleunigen! In der Zeit zwischen 1900 bis heute sind weltweit über 100 Millionen Menschen durch Kriege umgekommen. Betet, dass ihr und eure Kinder nicht die nächsten seid und Homo aggredis abgelöst werden durch Homo Ratios. Erkennt im Fremden endlich auch den möglichen Freund! Glauben und Religionen in welcher Form auch immer, haben mehr gemeinsames als trennendes. Alle beten zu Götter die das töten von Menschen verbieten! Ihr Gläubigen jeden Couleurs! Dann hört doch endlich auf damit! Schluss! Amen! Nicht schiessen ist doch so einfach!

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