Ist jeder Zeitungsleser ein News-Junkie?

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Ist jeder Zeitungsleser ein News-Junkie?

Von Reinhard Meier, 29.12.2019

Wer keine Nachrichten liest oder hört, bleibt klar im Kopf und hat eine bessere Lebensqualität, behauptet Rolf Dobelli. Er selber profitiert kräftig von den Medien, die er dämonisiert.

Schon klar, wir ächzen nicht selten unter der Nachrichtenflut, die uns zeitlich und mental überfordert und der wir uns doch nicht entziehen können. Der Erfolgsautor Rolf Dobelli, der mit bürgerlichem Namen Döbeli heisst, winkt da mit einem ebenso einfachen wie radikalen Rezept. Lass alle News-Medien links oder rechts liegen. Was sie bieten, ist überflüssig, nicht relevant, Zeitverschwendung. Er selber, lässt er uns wissen, konsumiert seit 2010 keine Tageszeitungen, kein Radio, kein Fernsehen und schon gar keine Internet-News. Und hat mit dieser Abstinenz die besten Erfahrungen gemacht, wie der Autor in seinem neuesten Buch «Die Kunst des digitalen Lebens» schreibt.

Da drängt sich eine naheliegende Frage auf: Wie informiert sich Dobelli selber über das Geschehen in der Welt, wie entscheidet er als Schweizer Bürger bei Volksabstimmungen über seine Stimmabgabe? Er diskutiert über die Aktualität mit  Freunden und Bekannten und konsultiert bei Urnengängen das von den Behörden dazu gelieferte Abstimmungsbüchlein. Hier stossen wir auf nicht ganz nebensächliche Widersprüche. Wenn Dobelli sich von seinen Bekannten über das aktuelle Weltgeschehen aufklären lässt, verlässt er sich darauf, dass diese einigermassen umfassend informiert sind, also wohl regelmässige Zeitungsleser sind, vielleicht sogar News Junkies. Er ist damit ein bequemer Trittbrettfahrer jener Medien, die er grundsätzlich für überflüssig hält.

Auch in anderer Hinsicht ist Dobellis Verachtung für die Medien, deren Nachrichten er als irrelevant bezeichnet, nicht besonders ehrlich. Jahrelang hat er in prominenten Printmedien wie der NZZ, der FAZ oder dem Stern regelmässig Kolumnen publiziert und damit gutes Geld verdient – und zwar auch in jener Zeit, als er gemäss eigener Aussage keine Zeitungen mehr las.

Die dringende Empfehlung des cleveren Selbstvermarkters Dobelli, sich von allen Nachrichtenmedien fernzuhalten, spielt im Übrigen nicht zuletzt jenen links- und rechtsgewickelten Demagogen in die Hände, die die sogenannten Mainstream-Medien pauschal als «Lügenpresse» denunzieren. Ist sich der Autor bewusst, was für Geister er mit seinen Parolen zum faktischen Boykott einer vielgestaltigen Presselandschaft wachruft?

Wie soll eine lebendige Demokratie und das aktive Engagement ihrer Bürger für bestimmte Anliegen und Ideen ohne seriöse Nachrichten- und Meinungsvermittler überhaupt funktionieren, wenn das ganze Mediengewerbe unisono als bedeutungslos abgetan wird? Als ob es keine nennenswerten Unterschiede zwischen Qualitätsmedien und blossen Klatsch- und Tratsch-Postillen gäbe und jeder vernünftige Zeitungsleser ein News Junkie wäre.

Zugegeben, wer sich ernsthaft über aktuelle Vorgänge und Zusammenhänge informieren will, hat es nicht immer leicht, die Spreu vom Weizen des überquellenden Nachrichtenangebots zu trennen. Um dazu fähig zu werden, braucht es Konzentration und Erfahrung. Die letztere Qualität gewinnt man aber nicht dadurch, dass man die ganze Medienwelt als irrelevant beiseite schiebt.

Im Grunde geht es beim Medienkonsum um eine Frage des Masses und des  praktischen Urteilsvermögens. Davon ist  der News Junkie, der sich von den Medienfluten treiben lässt, dass er keine Zeit mehr findet, um Bücher zu lesen, weit entfernt. Aber das gilt auch für jenen Zeitgenossen, der sich von der Welt abkapselt und keine Ahnung hat vom Trump-Impeachment in Amerika oder wer Greta Thunberg ist (wie Dobelli von sich selber in einem «Zeit»-Interview behauptet).

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Kommentare

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Wenn ich mich recht erinnere, bin ich auf journal21 durch Dobellis Empfehlung gestossen - als alternative Informationsquelle zu News-Medien.

Ich befürchte, Herr Meier, sie haben Dobellis Anliegen missverstanden; vielleicht sogar, weil sie die komplexe Kernaussage übersehen haben: Durch andauernde Fütterung des Gehirns mit einfachen, kurzgefassten Informationen verlernt der Gehirnbesitzer die Fähigkeit, die komplexen Zusammenhänge unserer Weltgeschehnisse zu erfassen. Dies, weil das Gehirn die nötige Konzentration, um ausgedehnte, gut recherchierte journalistische Analysen aufzunehmen, nicht mehr aufbringen kann.

Das Essay findet der interessierte Leser im Internet unter "News Diät".

Immerhin hat der Herr Dobelli eine Website. Darin preist er seine Bücher an, die mitunter nicht von erlesener Qualität sind, sondern psychologisch und denkerisch hausbacken daherkommen. Die Kunst besteht nicht darin, wie Dobelli behauptet, keine Medien zu konsumieren, sondern deren Beiträge kritisch zu hinterfragen. Wo Dobelli recht hat, ist, dass vieles geschrieben und auf allen Kanälen gesendet wird, was man getrost nicht zu konsumieren braucht. Was viel zu wenig gemacht wird, weil zu teuer, ist investigativer Journalismus. Ebenso verweigern sich die öffentlich rechtlichen Anstalten, insbesondere in Deutschland, aber auch bei uns, den Themen, die ein System in Frage stellen, dass zunehmend mehr Verlierer produziert - auch im wohlstandsgenährten Westen. Zum Glück gibt es im Netz Beiträge, wie bei KenFM, die mehr zur Meinungsbildung verschiedenster Themenbereiche beitragen als das Fernsehen. Wer einigermassen mündige Entscheidungen - auch an der Urne - fällen will, kommt um einen gewissen Medienkonsum nicht umhin.

Guten Tag

Und Sie denken wirklich zu wissen was mit Trump los ist und was Greta in die Welt ruft, sei wichtig für einen ganz normalen durchschnittlichen Erdenbürger? Ansonsten was? Ist der Erdenbürger was genau? Uninformiert? Irrelevant? Also Sie meinen damit etwa 80% der Weltbevölkerung! Oder denken Sie wirklich afrikanische, indische, mongolische, russische, südamerikanische Durchschnittsmenschen reden momentan über Greta und Trump? Ich denke Sie sind von den Medien selber etwas geblendet.Tut mir leid für einen gebildeten Herren, wenn er die Realität einer nicht-westlichen Welt einfach mal komplett ausblendet.

Freundliche Grüsse
H.Bauer

SRF Archiv

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