Impressionen von der Art Basel

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Impressionen von der Art Basel

Von Urs Meier, 16.06.2018

Die grösste Kunstmesse der Welt droht den Besucher zu erschlagen. Es bleibt nur die individuelle, zufällige Sicht. Doch die ist spannend genug.

Wer sie besucht, diese Schau der Superlative, stösst auf dem Messeplatz zuerst einmal auf 1’250 Tonnen Kies, einen ganz schön eindrücklichen Haufen. Die spanische Künstlerin Lara Almarcegui hat ihn hier für ihr temporäres Werk „The Gravel Pits of Basel“ aufschütten lassen. Das Material stammt aus zehn rund um Basel gelegenen Kiesgruben und wird normalerweise zu Beton verarbeitet. Almarcegui beschäftigt sich immer wieder mit dem Übergang von Naturmaterial in Zivilisation. So liess sie schon mal den Aushub für ein Einfamilienhaus im Kunstmuseum Baselland ablagern. Für São Paulo hat sie berechnet, in der ganzen Stadt seien 446 Millionen Tonnen Beton verbaut worden. Das wären rund 40 Tonnen pro Einwohner; bei mitteleuropäischen Städten, die keine Slums haben, dürfte die Pro-Kopf-Tonnage vermutlich einiges höher liegen.

Assoziationen und Gedankenflüge

Ein paar solche Hinweise, und schon setzt der Kieshaufen Assoziationen und Gedankenflüge frei. Was wir in die Höhe bauen, müssen wir zuerst in die Tiefe graben. Und was so zutage gefördert wird für unseren Betonhunger, liegt zurzeit in Gestalt von Milliarden sauberer runder Kiesel auf dem Messeplatz. Geht man nah heran, bieten sie einen wunderschönen Anblick. Jeder einzelne Stein ist ein Naturprodukt, ein Unikat; alle zusammen bilden eine für sich genommen amorphe Masse, die jedoch durch die maschinelle Aufschüttung ihre kegelartige Form erhalten hat.

Basel Messeplatz: der Kieshaufen von Lara Almarcegui vor der Fassade des Messegebäudes von Herzog & de Meuron (Foto J21)
Basel Messeplatz: der Kieshaufen von Lara Almarcegui vor der Fassade des Messegebäudes von Herzog & de Meuron (Foto J21)

Mit dem Kontrast zwischen Masse und Einzelobjekt spielt auch das unbetitelte Werk des Chinesen He Xiangyu in der Sektion „Unlimited“: In einem riesigen goldfarbenen Eierkarton steckt ein einziges Ei (Bild ganz oben). Generös präsentiert als alleiniges Objekt in einem grossen Raum, erzeugt das Werk eine enorme Faszination. In dem fast die ganze Wand bedeckenden goldenen Eierkarton ist das kleine Ei gleichzeitig ein visueller Witz und ein unendlich kostbares Ding. Ist es ja auch – als Anfangsstadium von Leben. Doch der übergrosse Eierkarton gibt auch einen weniger beschaulichen Wink, indem er auf die industrielle Eierproduktion hinweist.

Schuhmacherkisten aus Ghana

Ebenfalls in der Messehalle 1 unter dem Label „Unlimited“ steht eines der spektakulärsten Objekte der diesjährigen Art: eine monumentale Skulptur des aus Ghana stammenden Künstlers Ibrahim Mahama.

Ibrahim Mahama: Non-Orientable Nkansa II, 2017 (Keystone, Georgios Kefalas)
Ibrahim Mahama: Non-Orientable Nkansa II, 2017 (Keystone, Georgios Kefalas)

Das quaderförmige Monument besteht aus Hunderten von alten Schuhmacherkisten, aus Abfallholz zusammengezimmert und von Shoeshine-Boys einst für das Reparieren und Reinigen von Schuhen verwendet. Die Kisten seien, so heisst es, immer auch als Trommeln gebraucht worden, mit denen die Besitzer auf ihre Dienste aufmerksam machten.

Mahama versammelte eine Truppe von Assistenten um sich, die er unter aus ländlichen Gebieten gestrandeten Wanderarbeitern rekrutierte. Sie trugen die Bestandteile des Monuments zusammen, indem sie in den Millionenstädten Accra und Kumasi mit Besitzern solcher Schuhmacherkisten verhandelten und Tauschgeschäfte abschlossen. In einer aufgelassenen Farbenfabrik, die Mahama als Atelier dient, wurden die erworbenen Objekte schliesslich zu dem nun in Basel zu bewundernden Kunstwerk aggregiert.

Hommage an Lévi-Strauss

Ein weiteres Werk, das mich auf dem Gang durch die Art Basel in seinen Bann gezogen hat, ist Philipp Goldbachs Mikrogramm. Bei dem Stichwort denkt man an Robert Walser. In dessen Nachlass fanden sich Texte in abenteuerlicher, lange für unlesbar gehaltener Kleinstschrift. Als die Mikrogramme endlich entziffert werden konnten, kamen Prosastücke, Gedichte, Dramenszenen und ein ganzer Roman zum Vorschein.

Philipp Goldbach: Mikrogramm, Bleistift auf Papier, Tristes tropiques (Claude Levi-Strauss) 2017/Unikat, 192.5 x 150 cm (Ausschnitt - Foto J21)
Philipp Goldbach: Mikrogramm, Bleistift auf Papier, Tristes tropiques (Claude Levi-Strauss) 2017/Unikat, 192.5 x 150 cm (Ausschnitt - Foto J21)

Im Unterschied zu Walser hat Goldbach sein Mikrogramm-Bild in regelmässig-schöner und perfekt leserlicher Schrift gestaltet. Man muss allerdings nahe herangehen, damit aus dem Linienmuster lesbarer Text wird. Bei diesem handelt es sich – der Bildtitel sagt es schon – um die vollständigen „Tristes tropiques“ von Claude Lévi-Strauss. Die „Traurigen Tropen“ entstanden als ethnologischer Bericht über Forschungsreisen, die Lévi-Strauss als Gastprofessor der neugegründeten Universität von São Paulo 1935–1938 in den Mato Grosso und ins Amazonasgebiet unternahm; für die Publikation stellte er den Bericht jedoch erst 1955 zusammen.

Philipp Goldbach (Detail - Foto J21)
Philipp Goldbach (Detail - Foto J21)

Das Buch von Lévi-Strauss ist weit mehr als ein Reisebericht. Der Forscher bricht mit den Konventionen der Schilderung fremder Kulturen, indem er eine tiefe Reflexion über das Wesen von Fremdheit und über den kolonialistischen Zusammenprall der Kulturen anstellt. „Tristes tropiques“ wurde nicht nur zum Gründungsmanifest der strukturalistischen Ethnologie, sondern darüber hinaus zur Initialzündung für die Entstehung einer neuen Denkschule, des Strukturalismus. Ausgehend von Frankreich hat dieser die gesamte Philosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beeinflusst.

Mönchisches Exerzitium

Goldbach hat früher schon Kants „Kritik der reinen Vernunft“ als Mikrogramm-Bild gestaltet. Seine Textwahl entspringt der Hochschätzung epochaler Werke, denen er sich als bildender Künstler mit der grösstmöglichen Hingabe und Disziplin widmet. Die über 400 Seiten der „Tristes tropiques“ erscheinen in akkurater Bleistiftschrift auf dem knapp zwei Meter hohen und anderthalb Meter breiten Blatt und erzeugen einen vibrierenden und dabei völlig homogenen Textblock. Ein solches Werk erfordert nicht nur eine lange geübte Schreibhand, sondern auch bei jedem Arbeitsgang eine stets neue Einstimmung von Geist und Körper – ein mönchisches Exerzitium sondergleichen.

Das Ergebnis ist nicht einfach eine staunenswerte Fleissarbeit, sondern ein sprechendes Kunstwerk, das die innere Korrespondenz von Schreiben und Denken, von Disziplin und Durchbruch beleuchtet. Ganz im Sinne der Ideen von Lévi-Strauss zeigt Goldbachs Bild zudem das Manifest des Strukturalismus als visuelle Struktur, die zuerst als solche „gelesen“ wird, bevor der Inhalt sich im Einzelnen mitteilt.

Art Basel 2018, noch bis morgen Sonntag, 17. Juni

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